Goldener Bär: Das sind die besten Filme im Wettbewerb der Berlinale

Synonyms gehört zu den aufregendsten Filmen im Wettbewerb der Berlinale
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the gaffer Jenny Jecke
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

Juliette Binoche und ihre Jury stehen vor der Qual der Wahl, bevor heute Abend der Goldene Bär verliehen wird. Die Berlinale 2019 ist trotz eines schwachen Wettbewerbs schnell vorüber gezogen. Jedes Mal überrumpelt das Ende so eines Festivals ein wenig. Eben noch den Eröffnungsfilm geschaut, schon werden die Schlangen kürzer, die Pressevorführungen rarer und plötzlich tanzen die Bären auf der Bühne des Berlinale Palasts. (Mehr: Die Gewinner bei der Berlinale 2019 im Überblick)

16 Filme gehen dieses Jahr ins Rennen um die Preise des Internationalen Wettbewerbs, von denen der Goldene Bär der wichtigste ist. Einige Festival-Höhepunkte wurden hier schon vorgestellt, doch nun geht es ums Eingemachte: Welcher Film hat den Hauptpreis verdient, welche Darsteller sollte einen Silbernen Bären bekommen und wer den Preis für die Beste Regie? Einmal unabhängig davon, wer heute Abend in den Besitz eines Bären bekommt, sollen hier die besten Filme im Wettbewerb der 69. Berlinale gewürdigt werden. Vielleicht landen sie auf eurer Vormerkliste.

Die besten Filme im Wettbewerb der Berlinale - Mr. Jones

  • Mr. Jones ist ein im besten Berlinale-Sinne politischer Film.

Mr. Jones trägt alle Insignien einer dieser europäischen Koproduktionen, in denen englischsprachige Schauspieler mit falschen Akzenten durch historische Gräuel stolpern. Glücklicherweise ruht sich Agnieszka Holland nicht auf teuren Sets und Kostümen aus. Ihre Geschichte eines mutigen Mannes, der früh vor Hitler warnte und den Westen über die Hungersnot in der Ukraine unter Stalin aufklären wollte, wirkt hochaktuell. Das Grauen wird in Mr. Jones filmisch sparsam eingebettet, eingerahmt von einem drängenden Plädoyer für die Bedeutung des unparteiischen Journalismus - damals wie heute.

Verdienter Preis: Silberner Bär für eine herausragende künstlerische Leitung - Michal Czarnecki für den sprintenden Schnitt von Mr. Jones

Die besten Filme im Wettbewerb der Berlinale - Systemsprenger

Deutschland war dieses Jahr stark vertreten im Wettbewerb der Berlinale. Das Kinderdrama Systemsprenger machte den Anfang, in dem ein verhaltensauffälliges Mädchen seine Sozialarbeiter an den Rande der Kapitulation bringt. Unter der poppig-kraftvollen Inszenierung mit ihrem pinken Farbenschwall macht sich eine genaue Recherche über den Umgang mit "Systemsprengern" wie Benni bemerkbar. Anders als bei vergleichbaren deutschen Filmen überwältigt die Recherche im Drehbuch aber nicht die Figuren.

Verdienter Preis: Silberner Bär für das beste Drehbuch - Nora Fingscheidt für ein Drehbuch, das die Waage zwischen thematischer Genauigkeit und filmischer Dynamik hält.

Die besten Filme im Wettbewerb der Berlinale - Synonyms

  • Synonyms ist eine einzigartige Reise durch eine Identitätskrise.

Synonyms war einer der wenigen Filme im Berlinale-Wettbewerb, an dem ich mich wirklich gerieben habe und abarbeiten musste. Es ist die Geschichte eines Israelis, der nach seinem Militärdienst seine Herkunft und Sprache von einem Tag auf den anderen ablegt und in Frankreich ein neues Leben anfängt. Dabei beeindruckt neben Hauptdarsteller Tom Mercier die eigenwillige Inszenierung von Nadav Lapid (Policeman), der mit seinem Team die erzwungene Umgestaltung einer Identität in Schnitt und Kamera widerspiegelt. Als würde man einem Handwerker zuschauen, der auf seiner Haut einen Nagel nach dem anderen krumm schlägt.

Verdienter Preis: Silberner Bär für den Besten Schauspieler - Der brüsk durch Paris hastende Tom Mercier, der das Zeug zum Star hat.

Die besten Filme im Wettbewerb der Berlinale - God Exists, Her Name is Petrunija

  • God Exists, Her Name is Petrunija ist ein waschechter Publikumsliebling im Wettbewerb.

Ich habe God Exists, Her Name is Petrunija mit einem "normalen" Publikum gesehen, also zahlender Kundschaft. Das kam der Satire zugute, in der eine arbeitslose Historikerin ohne Perspektive bei einem religiösen Ritual ein Kreuz aus einem Fluss fischt - obwohl traditionell nur Männer daran teilnehmen. Unter dem Druck von Kirche und Polizei, das Kreuz zurückzugeben, findet Petrunija zu ungeahnter Stärke und der Film reichlich Belustigung über Doppelmoral und gekränkte Männerseelen.

Verdienter Preis: Silberner Bär für die Beste Schauspielerin - Zorica Nusheva für ihr unbezwingbares Lächeln, das reaktionäre Berge zum Einsturz bringen kann.

Die besten Filme im Wettbewerb der Berlinale - Ich war zuhause, aber

Die Buhrufe waren unverdient und Ich war zuhause, aber einer der schönsten Filme im Wettbewerb. Den Zugang zum Film von Angela Schanelec muss sich jeder selbst suchen, das ist klar. Bedeutungsansätze werden in dem Drama über eine Mutter, deren Sohn unerklärt verschwindet und wieder auftaucht, angeboten. Aber es ist genau das: Ein Angebot, das man entweder annimmt oder nicht. Auf eine finale Erklärung sollte man dabei trotzdem nicht hoffen. Das gehört aber auch zu den Vorzügen des Films.

Verdienter Preis: Silberner Bär Alfred-Bauer-Preis für einen Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet - Ich war zuhause, aber für die erzählerische und visuelle Experimentierfreude.

Die besten Filme im Wettbewerb der Berlinale - Der goldene Handschuh

Der dritte deutsche Film in Konkurrenz um den Goldenen Bären wurde vielerorts zu Unrecht verrissen. Der goldene Handschuh steckt unsere Näschen in die Rinnsteine der Reeperbahn und in die nach Verwesung stinkende Wohnung eines Serienkillers. Das Hamburger Trinkermilieu mit seinen verlorenen Seelen entwickelt sich nach dem Roman von Heinz Strunk zum Biotop von Charakterköpfen. Hinter jedem Äderchen in den aufgedunsenen Gesichtern versteckt sich eine (deutsche) Geschichte. So viel Empathie gab es im Wettbewerb dieses Jahr nur in der Geschichte des Fritz Honka.

Verdienter Preis: Silberner Bär Beste Regie - Fatih Akin, der Hamburg ein inniges Denkmal aus zersägten Körperteilen setzt.

Die besten Filme im Wettbewerb der Berlinale - So Long, My Son

  • So Long, My Son erzählt beeindruckend wie kritisch vom Wandel und dessen menschlicher Konstante.

Zhang Yimous Film One Second wurde aus dem Wettbewerb zurückgezogen, doch mit So Long, My Son kommt einer der besten Filme der Berlinale trotzdem aus China. Rund drei Jahrzehnte Familien- und Landesgeschichte werden in So Long, My Son erzählt, in dem ein Ehepaar nach einem schweren Verlust durch die Trauer förmlich kristallisiert wird, während sich China rasend wandelt. Zwischen den Zeiten springend, verwirrt der Film von Wang Xiaoshuai zunächst, doch wenn alle Fäden in zärtlichen wie bedrückenden Bildern zusammenkommen, bleibt die Kraft dieses dreistündigen Films unbestreitbar.

Verdienter Preis: Silberner Bär Großer Preis der Jury - Für die virtuose Zeit- und Trauerreise in So Long, My Son.

Die besten Filme im Wettbewerb der Berlinale - Gelobt sei Gott

Meine Sympathien wechseln stündlich, doch Gelobt sei Gott hat es sich seit den ersten Wettbewerbstagen unter den Top-Filmen dieser Berlinale gemütlich gemacht. François Ozons Tatsachendrama über die Aufdeckung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche beeindruckt sowohl durch seine nüchterne Herangehensweise an den Prozess dieser Aufdeckung als auch durch die nuancierte Auseinandersetzung mit dem Dasein als Opfer. Statt sich auf pathetische Dramatisierungen einzulassen, findet Gelobt sei Gott seine emotionale Kraft in der individuellen Ermächtigung. Hier gibt es wenig Heldenhaftes, aber viel Menschliches zu bestaunen.

Verdienter Preis: Goldener Bär für den Besten Film - Für Gelobt sei Gott, den künstlerisch souveränsten Film in einem Wettbewerb mit vielen interessanten und wenigen durchweg gelungenen Beiträgen.

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Weitere Bewertungen von mir findet ihr im Kritikerspiegel von critic.de.

Wer, glaubt ihr, gewinnt den Goldenen Bären der Berlinale 2019?

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