Die beste Netflix-Serie des Jahrzehnts: BoJack Horseman ist ein großes Geschenk

BoJack Horseman
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Redakteur bei Moviepilot. Glaubt, dass Netflix sich irgendwann noch durchsetzen wird und schreibt deshalb hauptsächlich über VOD und Streaming. Schöner als Sport sind nur Filme darüber.

Dass BoJack Horseman überhaupt existiert, hat mit einer kurzen Netflix-Phase in der ersten Hälfte der 2010er Jahre zu tun. Der Streaming-Dienst - auf der Suche nach eigenen Serien, die das Profil schärfen sollten - war damals ein Funken sprühendes Serien-Labor. Die Annahme, dass für jede noch so abwegige Idee ein Publikum existiert, brachte viel Seltsames und Großartiges hervor.

Es war eine tolle Zeit. Netflix kaufte die vom Internet entfesselte kreative Avantgarde mit all ihren Abgründen und Nischen - genau auf die hatte man es ja abgesehen - und gab ihr eine gigantische Bühne. BoJack Horseman ist die schönste Blume aus diesem Netflix-Wildwuchs und schafft es damit in die Top 10 unserer 100 besten Serien des Jahrzehnts.

BoJack Horsemans Geschichte ist eine Netflix-Geschichte

BoJack Horseman bildet zusammen mit anderen Serien den Gegenentwurf zu Massenphänomenen wie Game of Thrones, die es in den letzten 10 Jahren immer seltener gab. Stattdessen wurden die Serien spezieller, individueller, merkwürdiger. Der BoJack-Schöpfer Raphael Bob-Waksberg nennt sein Baby bei Vulture eine "Weird Show", eine seltsame Serie.

Diese Weird Shows (Fleabag, Matrjoschka und Undone gehören auch dazu) eint häufig ihr Umgang mit psychischen Erkrankungen und überwältigendem Unglück. Frei nach Tolstoi: Alle glücklichen Serien gleichen einander. Jede unglückliche Serie ist auf ihre eigene Art unglücklich.

BoJack (also die Figur) ist ein Schauspieler, der durch eine 90er Jahre-Sitcom berühmt wurde, sie erinnert an Wer ist hier der Boss? oder Full House. Die Tragikomödie sucht den Kontrast zu diesen Sitcoms, die immer in einem Kreis enden und das (existenzielle) Unglück dadurch systematisch ausschließen. BoJack Horseman, bewegt sich mit jeder Episode ein bisschen tiefer in die Höhlen dunkler Erwachsenenseelen.

BoJack Horseman ist ein Arschloch

BoJack Horseman transportiert sein düsteres Innenleben wie ein Trojanisches Pferd in das gewonnene Fan-Herz. Du erkundest in den ersten Folgen die Welt von Hollywoo(d), begreifst ihre Humor-Codes, freundest dich mit den Figuren an. Ihr beschnuppert euch. Und wenn du merkst, irgendwann zum Ende der ersten Staffel, auf welchen emotionalen Ballast du dich da eingelassen hast, ist es eigentlich schon zu spät. BoJack öffnet sich dir erst, wenn er dir vertraut und du ihm.

Die ersten Episoden der Serie sind noch viel leichtherziger und deutlich witziger als die späteren. Was zu lachen gibt es hier immer. Die schwarzen Augenblicke schleichen noch vorüber wie diese kalten Wasserblöcke in warmen Sommerseen.

Was die Serie bis zu ihrem Ende (8 Folgen kommen noch) vorhat, wird aber schon in der 2. Folge deutlich. BoJack (im Original gesprochen von Will Arnett) will seine Memoiren aufschreiben, ist aber unfähig, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen. Die dadurch hervorgeschürften Flashbacks in BoJacks Kindheit sind so grausam, dass sie schon wieder witzig sind, aber das ist alles todernst gemeint. Er beauftragt die Autorin Diane (Alison Brie) mit seiner Biografie. BoJack zwingt sich zur Reflektion seines Lebens.

"Du wirst mich doch nicht wie ein Arschloch aussehen lassen", sagt BoJack zu Diane, als sie das Biografie-Engagement besiegeln. "Ich weiß es nicht, bist du ein Arschloch?", antwortet sie. Der kurze Dialog ist der Ausgangspunkt für alles, was in den nächsten Jahren passiert. Stück für Stück kommt die verschüttete Fäulnis an die Oberfläche. Die Autoren errichten daraus ein Modell für toxische Maskulinität.

BoJack Horsemans Zugang zu schwierigen Themen

Das Autorenteam schrieb eine #MeeToo-Szene in die Serie, bevor Ronan Farrow im Herbst 2017 die Vorwürfe gegen Harvey Weinstein öffentlich machte. Den Sprachrohren der Branche fällt es auch 2 Jahre danach noch schwer, mit den offenkundigen Problemen umzugehen, während die Serie eine deprimierende, messerscharfe Folge über die frustrierende Arbeitsrealität von Frauen in Hollywood vorlegt.

Das Team von BoJack funktioniert als Echo und Seismograf von Hollywood. Es ist geschult darin, harte, komplizierte Themen zu balancieren und präzise auszuformulieren. Durch Social Media gebe es keine gemeinsame Realität mehr, sagte Hillary Clinton kürzlich. Serien wie BoJack Horseman mit ihren feinen Antennen für gesellschaftliche Schwingungen können helfen, Übereinkünfte herzustellen. Episoden wie Collateral Damage stehen wie Monolithen im verwirrten, woken Debattenstrudel.

Die Tierwitze in BoJack Horseman sind großartig und wichtig

Als Hollywood-Satire in einer Hollywood-Krise und Deep Dive in verwundete Seelen kann die Serie auch entkräftend sein. Wer will sich neben seinen eigenen noch mit den Schmerzen eines Schauspielerpferdes oder einer Agentenkatze belasten? Ich habe häufig versucht, BoJack Horseman anderen Menschen zu empfehlen und den Teil von oben dabei weggelassen. Stattdessen habe ich von den Tierwitzen erzählt.

Die Tierwitze sind elementarer Bestandteil dieser Serie und wenn ihr über einen Bären, der ein Schild mit "BoJacks views are unbearable" (BoJacks Ansichten sind unerträglich) nicht lachen könnt, dann ist BoJack Horseman wahrscheinlich wirklich nichts für euch. Die Wortspiele und der Detailreichtum sind der Honig auf dem Löffel voll bitterer Medizin.

Für Serien wie BoJack Horseman ist bei Netflix kein Platz mehr

3 Jahre Vorbereitung in enger Zusammenarbeit mit Zeichnerin Lisa Hanawalt gingen dem Pitch voraus, der in dem schmalen Zeitfenster landete, in dem Quoten und Zuschauerzahlen mal kurz egal waren. Eine Punktlandung und Unwahrscheinlichkeit sondergleichen. Aber man hat ja auch schon Pferde vor der Apotheke kotzen sehen.

Schon 2014 war den Programm-Planern bei Netflix die verschlingende Wirkung der wachsenden Serienberge bewusst. BoJack Horseman wurde in den stillen August gelegt, damit er in Ruhe sein Publikum finden konnte. Wie es BoJack Horseman ergangen wäre, wäre die Serie nur 5 Jahre später gestartet, sehen wir am Beispiel Tuca and Bertie. Die Zeichentrickserie von Lisa Hanawalt wurde nach nur einem Monat wieder abgesetzt. Das (Serien-)Leben ist kein Ponyhof.

Wie gut ist The Witcher wirklich? Hört den Moviepilot-Podcast:

Wir gehen in der neuen Podcast-Folge von Streamgestöber den gespaltenen Meinungen zu The Witcher auf den Grund:


Während Ines viele Argumente gegen The Witcher findet, haben unser Kollege Dennis von GamePro und Max gemischte Gefühle und Andrea kommt bei der Serie ins Schwärmen. Wir können uns immerhin einigen, dass nach der 1. Staffel The Witcher ein Musical-Spin-off von Rittersporn angebracht wäre.

Habt ihr die letzten Jahre auch mit BoJack verbracht?

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