Black Mirror - Staffel 3, Episode 6 im Recap

Kelly MacDonald und Faye Marsay in Hated in the Nation (Black Mirror - Staffel 3, Episode 6)
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Kelly MacDonald und Faye Marsay in Hated in the Nation (Black Mirror - Staffel 3, Episode 6)
moviepilot Team
Beeblebrox Matthias Hopf
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Schaut zu viel ins Internet.

Im Verlauf von drei Staffeln konnte Serienschöpfer Charlie Brooker dank der anthologischen Aufmachung von Black Mirror nicht nur zahlreiche Gedankenspiele präsentieren, sondern auch die unterschiedlichsten Genres erkunden. Mit Hated in the Nation, der 6. Episode der 3. Staffel, wird dieses Spektrum um eine weitere Facette erweitert. Dieses Mal wagt sich die Meditation über Technologie und ihre Folgen auf unser Leben ins unterkühlte Metier eines Krimis, der mehr in der Gegenwart spielt als in der Zukunft. Im Mittelpunkt der Geschichte befinden sich zwei Ermittlerinnen aus London, die es mit einer Reihe mysteriöser Morde zu tun bekommen. Das Internet sowie die Umwelt spielen im Rahmen der darauffolgenden Ermittlungen ebenfalls eine wichtige Rolle. Das Großartige dabei ist: Hated in America gelingt es, all die verschiedenen Themenblöcke dynamisch ineinander übergehen zu lassen, ganz im Gegenteil zu Men Against Fire.

Wann sie zum ersten Mal in die Angelegenheit involviert wurde, will der Fragende von Detective Karin Parke (Kelly MacDonald) wissen. Hated in the Nation beginnt mit tristen, niederschmetternden Bildern. Die Atmosphäre gleicht der eines Begräbnisses und die Blicke der unbekannten Menschen im Hintergrund zeugen von der vorherrschenden Betroffenheit aller Beteiligten. Etwas Unfassbares muss geschehen sein. Karin ringt nach Worten, bis sie - emotionale komplett durch den Wind - eine kurz, knappe Antwort über die Lippen bringt: Am 15. Mai hat alles angefangen. Gänsehaut! Oh ja, Penny Dreadful-Veteran James Hawes weiß, wie ein von Charlie Brooker geschriebenes Cold open effektiv in Szene gesetzt werden kann. Die Stimmung ist gedrückt und die Neugierde ins Unendliche gewachsen. Was folgt, ist die Lösung eines spannenden Falls, der erst nach und nach sein komplettes Ausmaß offenbart: Ein Procedural, wie es sein soll!

Mittlerweile dürfte die langsam enthüllende Taktik niemanden mehr überraschen, der mit dem Black Mirror-Universum vertraut ist. Tatsächlich ist das Rätseln im Schatten ungewisser Ereignisse der größte Reiz der Serie und Charlie Brooker hat seine Formel dafür mittlerweile perfektioniert. Selten war die Suche nach Hinweisen dermaßen im Einklang mit der Geschichte im Fall von Hated in the Nation. Inspiriert von skandinavischen Noir-Thrillern wie The Killing und Borgen - Gefährliche Seilschaften tauchen wir Zuschauer in die gleiche kalte Welt ein, wie es auch Karin und ihre neue Partnerin Blue (Faye Marsay) tun. Durch ihre Augen erleben wir die Nachrichten, erkunden Tatorte und werfen einen Blick aus dem Fenster auf eine Landschaft, die einen betäubten Eindruck erweckt. Rückblickend ist natürlich keine dieser Gesten willkürlich gewählt, sondern leistet saubere Vorarbeit, damit später der nächste Handlungsschritt ordentlich ausgeführt werde kann.

Etwaige Plottwists tauchen nicht aus dem Nichts auf, sondern beruhen auf frühen Andeutungen, die sich entgegen aller Offensichtlichkeit in die Episode geschlichen haben. Am Ende laufen all die offenen Fäden womöglich zu perfekt ineinander. Über weite Strecke gelingt es Charlie Brooker und James Hawes dennoch, die authentische Grundstimmung im Narrativ zu wahren. Wenngleich ein paar technologische Errungenschaften in die Zukunft blicken lassen: Hated in the Nation könnte genauso gut im Hier und Jetzt spielen. Die Geschehnisse spiegeln gekonnt Bewegungsströme der Gegenwart, wenn es um das Thema Internet und soziale Medien geht. So stellt sich etwa heraus, als sich Karin und Blue auf die Suche nach einem gemeinsamen Nenner für all die Morde machen, dass der Name sowie ein Bild des jeweiligen Opfers auf einer Twitter-ähnlichen Plattform gepostet wurde - den entscheidenden Hashtag nicht zu vergessen: #DeathTo Vorname Nachname.

Egal ob Jo Powers, eine Journalistin, die sich mit einem kritischen Thinkpiece zu einem sensiblen Thema unbeliebt machte, zum Opfer eines Shitstorms wurde oder Rapper Tusk, der sich im Fernsehen abfällig über die Tanz-Moves eines neunjährigen Fans äußerte: Alle Personen haben den Hass der Öffentlichkeit auf sich gezogen und werden im Netz an den Pranger gestellt. Vergleiche als "human garbage" poppen im Sekundentakt auf, während andere Kommentatoren noch abfälligere Beleidigungen finden. Worte wie "disgusting" und "bitch" lassen sich mit unverbindlicher Leichtigkeit in einem Tweet verewigen. Unter Umständen können Kommentare wie diese aber verheerende Folgen nach sich ziehen. Wie schon Rooney Mara in The Social Network zu sagen pflegt: "The Internet's not written in pencil, it's written in ink". So sehr die vermeintliche Anonymität verführen mag: Konsequenzen könnte der Tod sein. In Hated in the Nation ist die Frage nun, wie dieser genau zustande kam.

An diesem Punkt kommt das nächste große Themengebiet der Episode ins Spiel: Die aus dem Gleichgewicht geratene Umwelt. Schon in einem frühen Stadium der Ermittlungen erfahren wir dank verschiedener Informationsträger im Hintergrund, dass ein klimatischer Wandel für gewaltige Veränderungen in der Welt von Hated in the Nation gesorgt hat. Die Bienen sind am Aussterben. Daher hat es sich eine dubiose Firma zur Aufgabe gemacht, künstliche Duplikate der Hautflügler herzustellen. Diese können zwar keinen Honig produzieren, für die notwendige Bestäubung, um das Ökosystem in Takt zu halten, sind sie aber wie geschaffen. Dank eines visuellen Sensors können die mit einer K.I. ausgestatteten Wesen selbständig durch die Gegend fliegen. Darüber hinaus sind sie in der Lage, sich zu reproduzieren. Wie ein echter Schwarm passen diese Robo-Bienen auf sich auf und versammeln sich in Stöcken. Die Vermehrung findet exponentiell statt.

Doch wie können tausende dieser Dinger kontrolliert werden, will Karin wissen, die auf einmal einen ganz bösen Verdacht hat. Gar nicht, lautet die selbstsichere Antwort aus dem Kontrollzentrum, da sich das System mehr oder weniger selbst kontrolliert. An sich stellen die Robo-Bienen keine Gefahr für die Menschen dar, sondern sollen - im Gegenteil - das (Über-)Leben auf der Erde langfristig sicherstellen. Schnell wird allerdings klar, dass sich der oder die Drahtzieher hinter #DeathTo Zugang zum System der Robo-Bienen verschafft haben und somit die durch die Hashtag-Abstimmung geforderten Morde ausgeführt hat. Keine Fingerabdrücke, keine DNA. Es ist fast so, als hätte der Täter selbst nur einen Tweet (mit tödlichen Konsequenzen) abgeschickt. Hated in the Nation demonstriert hervorragend, wie schmal der Grat zwischen Internet und echter Welt geworden ist. Oder anders formuliert: Eine Abgrenzung ist gar nicht mehr vorhanden, wenngleich die meisten Menschen davon ausgehen, dass eine deutliche Trennung selbstverständlich ist.

Mit dieser Erkenntnis erreicht Hated in the Nation sein nächstes Level: Es geht überhaupt nicht um die anfänglichen Morde, sondern all jene Menschen, die diese unüberlegt befeuert haben. "The Teeth of Consequence" heißt das Manifest des Übeltäters, der sich hinter all den grausamen Taten versteckt. Tatsächlich will er - wie so oft - der Menschheit bloß eine Lektion erteilen. Das Fuchteln mit dem erhobenen Zeigefinger ist immer so eine Sache, wo Black Mirror schnell an seine Grenzen kommt. Alleine die 3. Staffel hat genügend Negativbeispiele im Verlauf der letzten Episoden angesammelt. Hated in the Nation gehört glücklicherweise zur Gattung derer, die sich über ihre Botschaft hinwegsetzen und eine eigenständige Geschichte erzählen, der es sich tatsächlich zu folgen lohnt, eben weil sie nicht bloßes Gedankenexperiment, sondern ein aufregendes Abenteuer ist. "Bloody internet. Pull the plug."

Hier alle Recaps zu Black Mirror:

Black Mirror - Staffel 3, Episode 1 im Recap
Black Mirror - Staffel 3, Episode 2 im Recap
Black Mirror - Staffel 3, Episode 3 im Recap
Black Mirror - Staffel 3, Episode 4 im Recap
Black Mirror - Staffel 3, Episode 5 im Recap

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