Better Call Saul endet mit einem Sieg, der nicht finsterer sein könnte

Better Call Saul: Winner
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"It's all good, man." Da ist er, der Satz, der als Gimmick einen quirligen Verbrecheranwalt konstituiert hat. Jetzt ist er zum Slogan für einen moralischen Sturzflug geworden, der zynischer kaum sein könnte. Denn gut ist hier natürlich gar nichts. Better Call Saul hat seine Protagonisten bis an den Abgrund getrieben und zwingt sie zwecks Entfaltung zu kriminellen Großmächten, geliebte Menschen links liegen zu lassen. Winner ist ein finsterer Abschluss einer großartigen Staffel, der noch dunklere Perspektiven für die Zukunft eröffnet. Dass auch die Skrupellosen irgendwann ein Mal liebten und geliebt wurden, mag eine Plattitüde sein. In dieser Serie wird sie aber bis aufs schmerzlichste Detail ausdefiniert. Zu Breaking Bad-Zeiten konnte sicherlich noch niemand ahnen, wie weh es tun kann, von Saul Goodman im Flur stehen gelassen zu werden.

Better Call Saul vollendet die Verhärtung von Mike

Dabei ist Better Call Saul schon lange nicht nur ein Spin-off für Jimmy McGill (Bob Odenkirk). Die Wandlung, die Mike (Jonathan Banks) durchmachen musste, ist zwar deutlich subtiler als die seines zukünftigen Geschäftspartners, doch sie ist nicht von weniger Leid erfüllt. So sehr ich den Plot um ihn, den Laborbau und das Kartell als Lückenfüller empfand (und es immer noch tue), so gewaltig ist sein Höhepunkt. In der nächtlichen Wüste sehen wir das letzte Aufbäumen eines Mikes, der auch mal halbe Sachen machen würde, wenn es einer reinen Seele an den Kragen geht. Seine Widerworte gegen Gus (Giancarlo Esposito) sind leise, aber sie sind da - er möchte Werner (Rainer Bock) nicht umbringen. Wir wissen nicht, wann Mike das letzte Mal zu einem Menschen außerhalb seiner Familie solch ein liebevolles Verhältnis aufbauen konnte. Dass er diesem nun selbst ein derart rohes Ende setzen muss, ist eine Tragödie - und zwar in solch einem Ausmaß, wie ich es zu Beginn dieser Serie nicht für möglich gehalten hätte. Unter dem Sternenhimmel New Mexicos schießt eine Silhouette einer anderen in den Hinterkopf. Auf eine verquere Weise ist dies einer der rührendsten Momente der gesamten Better Call Saul-Geschichte.

Das Breaking Bad-Universum - Eine Abwärtsspirale ohne Ausweg

Das 4. Staffelfinale von Better Call Saul demonstriert wieder einmal, wie elegant ein Spin-off einer Erfolgsserie sein kann. Better Call Saul steht schon lange auf eigenen Beinen, direkte Breaking Bad-Referenzen fühlen sich oft genug wie lästiger Fan-Service an. Gleichzeitig schafft es die Serie, aus der Geschichte des Vorgängers doppelte Kraft zu schöpfen. Sie verschiebt die Elemente von Breaking Bad und ordnet sie neu an, doch mit unserem Wissen um den finalen Ausgang aller Figuren wird das Gesamtbild ebenso zunehmend facettenreich wie hoffnungsloser. Wenige Dinge tun so weh, wie Verlierern dabei zuzusehen, ihr unvermeidbares Kollektivschicksal vermeiden zu wollen. Mike tut, was er tun muss und tötet einen Freund, der im Grunde unschuldig ist und einfach von mächtigeren Menschen in die Ecke gedrückt wurde. An Werners Stelle tritt der ebenso gutherzige Gale (David Costabile). Ein paar Jahre später wird Jesse Pinkman in selber Position wie Mike sein und an Gales Tür klopfen, um ihm eine Kugel in die Stirn zu jagen; einfach so, weil er zu einer Spielfigur entmenschlicht wird.

Noch aber sind die Aussichten rosig, vor allem für Jimmy. Wieder einmal tut er sich mit Kim (Rhea Seehorn) zusammen, um einen gigantischen Scam aufzuziehen. Dieses Mal gilt er dem US-amerikanischen Justizsystem, in den Jimmy wieder eingegliedert werden soll. Mit Pauken und Trompeten wird eine Farce errichtet, die Jimmy als fürsorglichen, trauernden Bruder inszeniert. Bei der entsprechenden Anhörung deutet sich aber an, dass Kim dabei auch einen anderen Plan verfolgt hat: Wenn Jimmy allen Leuten um sich rum vorlügen muss, wie wichtig ihm sein Bruder war und ist, vielleicht, nur vielleicht entdeckt er dann, dass da irgendwo ein Fünkchen Wahrheit drin steckt. Seine Kälte gegenüber Chucks Tod war schon zu Beginn der Staffel ein Dolchstoß für Kim, die es nicht wahrhaben wollte, dass der Mann, den sie liebt, zu solch einer Gleichgültigkeit fähig ist. Als er dann mit dem großen Theater auffährt, ist sie in ihrer Naivität mit Stolz erfüllt. Für einen Moment glaubt sie den gefühlvollen Jimmy wiederzusehen, in den sie sich einmal verliebt hat. Doch dann die Enthüllung des Budenzaubers. Sie ist ein Name auf einer Liste von Leuten, die zum Idioten gehalten wurden.

Jimmy wird guten Gewissens zur selbsterfüllenden Prophezeiung

Für Jimmy ist das alles nicht sichtbar. "Jimmy, whatever happens in there ... I'm with you", sagt sie ihm vor der Anhörung und meint wahrscheinlich: Ob du hiernach ein Anwalt bist oder nicht, ich bin bei dir. Es ist nur schwer vorstellbar, dass sie auch bei ihm sein kann, wenn er im Rausch seiner emotionalen Affentänze undurchschaubar wird. Als er im Flur mit seiner Performance angibt, blickt sie in das Gesicht eines Fremden. Wo vorher im Team gearbeitet wurde, gibt es jetzt nur noch Jimmy. Das Verständnis ist irgendwo abhanden gekommen. Ihr einstiger Partner hingegen hat sich nun endgültig einer pubertären Trotzschlacht gegen das Universum hingegeben, dass sich gegen ihn verschworen hat. Genüsslich und erhobenen Hauptes wird er zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung: Als er bei HHM sieht, wie mit fehlerbehafteten Menschen umgegangen wird (“As far as they’re concerned, your mistake is all you are.”), gibt es keinen Grund mehr für ihn, sich diesem ehrlichen Anwaltsleben hinzugeben. Als vollwertiges Mitglied wird er dort ohnehin nicht mehr anerkannt. Wer kann ihm das verübeln?

“There are so many stars visible in New Mexico. I will walk out there. To get a better look.”

Notizen am Rande:

  • Natürlich trägt Werner Crocs über seine Socken, während er am Swimming Pool fläzt.
  • Ein lesenswertes Interview mit Peter Gould, der diese Staffel quasi allein geschmissen hat. Vince Gilligan ist derzeit mit der Entwicklung neuer Projekte beschäftigt.
  • Auch im obigen Interview, aber auch sonst klingt Peter Gould regelmäßig so, als wolle er ein bisschen zu krampfhaft an Better Call Saul festhalten. So sehr ich diese Serie auch mag: Momentan fühlt es sich so an, als sollte nach der bereits bestätigten 5. Staffel Schluss sein.
  • Michael McKean singen zu sehen hat mich daran erinnert, dass ich dringend mal wieder This Is Spinal Tap sehen sollte.

Alle Recaps zur 4. Staffel Better Call Saul:

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