Better Call Saul - Trauerarbeit mit Baseballschläger

Better Call Saul: Piñata
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Better Call Saul: Piñata
moviepilot Team
Pfizze Sven Pfizenmaier
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Kriminell sein, weil es Spaß macht. Weil es im Blut liegt, in der DNA verankert ist. Weil ein ordentliches Verbrechen ein wunderschönes Kunstwerk sein kann. In diesem Licht hat Better Call Saul die illegalen Ausflüge von Jimmy bislang am Liebsten dargestellt, nur selten tat sich da ein handfester Zwiespalt auf. In Piñata wird dieser Werdegang aus einer anderen Perspektive gezeigt. Zwar negiert die Folge keineswegs die etablierten Motive ihres Protagonisten, gleichzeitig zeigt sie aber, dass er gegen seine eigenen Tendenzen - Triebe möchte man sie fast schon nennen - ankämpfen möchte, dass er einen anderen Weg bevorzugen würde. Und am Ende treibt es ihn dann doch wieder zu dem, was er am Besten kann. Kriminell sein, weil es dort die meiste Anerkennung gibt.

Better Call Saul fokussiert sich auf Jimmys Sehnsucht nach Anerkennung

Piñata zeigt uns die Anfänge des Verhältnisses zwischen Jimmy (Bob Odenkirk) und Kim (Rhea Seehorn) und erinnert uns daran, wie viel Jimmy daran liegt, die Anerkennung seiner Mitmenschen zu gewinnen. Kims Bewunderung für Chuck (Michael McKean), ihre akribische Studie seines Falls, für dessen Bewältigung er im HHM-Büro mit beeindrucktem Applaus empfangen wird, ist für Jimmy eine Katastrophe. Nichtmal, weil er Chuck seinen Erfolg nicht gönnt, sondern einfach nur, weil ihm das selbe zusteht. Er wird von der übereifrigen Kim ("You make us all look bad.") eher belächelt als respektiert, ihre Sympathien ihm gegenüber rühren eher aus dem Amüsement über seine Entertainer-Fähigkeiten als aus aufrichtigem Respekt - so zumindest die Wahrnehmung von Jimmy. Ertragen lässt sich das nicht, also schleicht er sich in die Bibliothek von HHM. Die Entscheidung, Anwalt zu werden, ist gefallen. Und sei es einzig und allein aus dem Grund, allen zu beweisen, dass er kein Vollidiot ist. Das Projekt scheint geglückt, aber zehn Jahre später fühlt er sich von Kim immer noch abgewiesen.

Die Abweisung treibt Jimmy zurück in die Kriminalität

Jimmys Ein- und Ausstiege in die kriminelle Welt von Albuquerque sind wir mittlerweile ja gewohnt, doch selten sahen sie so tragisch aus wie in dieser Folge. Sein Wunsch, eines Tages als seriöser Anwalt Karriere zu machen, ist aufrichtig. Wie ein verliebter Schuljunge kritzelt er sich Ideen für das Logo einer Wexler-McGill-Kanzlei auf Papier, schmiedet große Pläne einer erfolgreichen Zusammenarbeit mit Kim. Die jedoch entdeckt die Entwürfe eher mit besorgtem Blick und denkt gar nicht daran, ihre berufliche Zukunft nach Jimmy auszurichten. Als sie ihm im Restaurant von ihren Plänen erzählt, bei Schweikart einzusteigen, um ein ganzes Team für Mesa Verde zu haben, findet kein Gespräch auf Augenhöhe statt. Genau wie im Flashback hat Kim nicht viel für Jimmys Albereien übrig: In Anspielung auf den Scam, den sich die beiden im selben Restaurant mal gegönnt haben, begrüßt er sie mit "Hey, Giselle". Ihrerseits bloß ein gezwungenes Lachen und die Klarstellung zweier aufeinander prallenden Welten: "I was thinking we could just be Kim and Jimmy today."

Und dann die große Abweisung. Die Unbeholfenheit, mit der Jimmy um Kims Respekt kämpft, ist nur schwer zu ertragen. Auf ihre Offenbarung, gelegentlich als Pflichtverteidigerin zu arbeiten, reagiert er mit Opportunismus: "I've been thinking about criminal law myself lately", lügt er ihr einen vor. Empfangen wird er von einem mitleidigen Blick, das Kinn in der Hand abgestützt. Wie eine Mutter, die ihrem Sohn irgendwie beibringen muss, dass er niemals Popstar sein wird. Als sie es dann tut, muss Jimmy sich einen kurzen Moment sammeln, das Geschnippel und Geklacker der Küche auf sich einprasseln und sich bloß nichts anmerken lassen. Seine anschließende Rückkehr zum Handyverkäufer wirkt da fast schon erbärmlich. Er holt sich das Erbe von Chuck, kauft eine Palette Telefone ein und begibt sich zurück auf die Straße, obwohl er grade noch fest vor hatte, ein gesetzlich einwandfreies Leben zu führen. Wie ein trotziger Teenager, der seinen Willen nicht durchgesetzt bekommt: Wenn meine Freundin nicht mit mir spielen will, dann hänge ich halt ein paar Teenager kopfüber in ein Piñata-Lager und mache ihnen mit Baseballschlägern Angst. Den überlebenswichtigen Respekt bekommt er hier allemal.

Bei Gus Fring nichts Neues

Ich möchte mich ja wirklich nicht jede Woche über den Kartell-Plot beschweren, doch selten waren die qualitativen Unterschiede der beiden Handlungsstränge so präsent wie hier: Während es Better Call Saul in der Handlung zwischen Jimmy und Kim immer wieder gelingt, den Motivationen der beiden neue Facetten abzugewinnen, stagniert die Serie in der Welt von Gus (Giancarlo Esposito) und Mike (Jonathan Banks). Vor allem mit letzterem ist zwar jede Szene ein Vergnügen, allerdings erschließt es sich mir nach wie vor nicht, warum es ein Prequel zum Bau des Meth-Labors geben muss, außer als Fan-Service für Breaking Bad-Fans. Besonders misslungen ist da ausgerechnet die Szene, in der Gus seine Wortkargheit unterbrechen und einen Monolog vor Hector halten darf. Anstatt irgendetwas Neues über Gus zu offenbaren, muss er hier im bedeutungsschwangeren Ultrabösewicht-Duktus eine Allegorie herbeischwadronieren, um zum xten Mal seine Erbarmungslosigkeit zu unterstreichen. Schon als Kind habe er seinem Gegner nicht den Tod gegönnt. Der Kojote musste weiter leben ("The merciful thing would've been to kill it. I kept it."), genau wie Hector. Eine Ansprache wie aus einem Groschenroman, so großartig Giancarlo Esposito selbst auch sein mag. Glücklicherweise muss Jimmy früher oder später in diesen Handlungsstrang mit einsteigen. Dann ist frischer Wind garantiert.

"You should've taken the deal."

Notizen am Rande:

  • Der große Oscar-Favorit von Jimmys Arbeitskollegin ist ausgerechnet Howard's End ("I just love Emma Thompson. She's so pragmatic!"). Hoffentlich ist das keine unheilvolle Ankündigung ob der Dinge, die da für Howard (Patrick Fabian) noch kommen mögen.
  • Nächste Woche darf Nacho (Michael Mando) ruhig mal wieder mit dabei sein. Und Huell (Lavell Crawford) bitte auch.
  • Dem deutschen Bau-Team um Rainer Bock bei der Arbeit zuzuschauen dürfte ein großes Vergnügen würden. Für den Bier- und Sexenthusiasten Malle-Kai stehen die Zeichen aber eher schlecht. Tipp: Das Ende der Staffel bekommt er nicht mehr mit.
  • Von Regisseur Andrew Stanton, der hier im Breaking Bad-Universum sein Regiedebüt gegeben hat, gab es ein paar inszenatorische Schmankerl. Vor allem die Szene in der Piñata-Lagerhalle mit kopfstehender Kamera war ein Augenschmaus. Für Breaking Bad-Kenner ebenfalls nett: Als Gus Hector in seinem Koma alleine lässt, verweilen wir noch einen Augenblick auf dessen Hand. Später wird diese Hand eine der wenigen Sachen sein, die Hector überhaupt noch nutzen kann.


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