Bester Film bei den Oscars: Shape of Water ist absolut überbewertet

03.05.2020 - 12:00 UhrVor 2 Monaten aktualisiert
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© Disney/Fox
Shape of Water
Heute Abend läuft Shape of Water - Das Flüstern des Wassers bei ProSieben. Die düstere Liebesgeschichte wurde mit mehreren Oscars prämiert. Und das, obwohl er absolut überbewertet ist.

Hollywood klopfte sich auf die Schulter, Fantasy-Fans triumphierten, und Guillermo del Toro konnte man seinen Sieg zugegebenermaßen nicht verleiden: Als Shape of Water - Das Flüstern des Wassers bei den Oscars als Bester Film ausgezeichnet wurde, war die Freude allerseits groß. Und del Toro hat inzwischen durchaus mehrere Oscars verdient. Aber doch nicht ausgerechnet für Shape of Water.

Warum ich mich über einen wunderschön anzusehenden, von Alexandre Desplat genial vertonten, umwerfend gespielten Film beklage? Weil Shape of Water bei Weitem nicht del Toros stärkste Arbeit ist. Der Film ist für alles, was er sein will, zu unfokussiert. So bekommen wir ein Endprodukt, in dem wenig so ineinandergreift, wie es soll, ein Märchen, das zugleich keines sein will, und einen Liebesfilm ohne richtige Liebesgeschichte.

Vom Frühstücksei zum Fischsex: Shape of Water überstürzt seine Lovestory

Das große, offensichtlichste Problem von Shape of Water ist leider ausgerechnet seine Liebesgeschichte. Dabei könnte die Umkehrung des Monsterklischees im "Die Schöne und das Amazonasbiest"-Stil so gut funktionieren. Mit einer gut ausgearbeiteten Beziehung der Protagonisten. Nur leider erhält das Paar nie die Zeit und Zuwendung, die es benötigt hätte.

Viel Chemie, zu wenig Zeit: Das Paar in Shape of Water

Von der Kennenlernszene bis hin zur Rettungsaktion teilen Schuppenromeo und Wasserjulia einmal ihre Mittagspause und dann gibt es eine einzige Musik- und Tanzmontage. Alles passiert innerhalb eines Wimpernschlags. Der Zuschauer erhält nicht die Zeit, die Entwicklung einer Beziehung wirklich als solche wahrzunehmen. Vielmehr müssen wir von einem Moment auf den anderen die Liebe der beiden einfach als Fakt akzeptieren.

Shape of Water ist eine liebevoll gemeinte Hommage an alte Creature Features, und die Chemie zwischen den großartig spielenden Hauptdarstellern Sally Hawkins und Doug Jones ist geradezu ansteckend. Doch für eine Liebesgeschichte fehlt hier schlicht zu viel: Das eigentliche VERlieben, das Wachsen der Zuneigung, die sich entfaltende Faszination. All das sollte die unerschütterliche Grundlage für alles Drama bilden, was da folgen mag - eigentlich.

Das Märchen, das keines war: Shape of Water sitzt zwischen den Stühlen

Natürlich könnte man jetzt innehalten und sagen: Moment. Das Ganze ist doch eigentlich eine Art Märchen, wie so häufig bei del Toro. Wir haben ja sogar einen Erzähler, der die Geschichte der stummen Prinzessin einrahmt. In einem Märchen gibt es doch auch Liebe auf den ersten Blick, und wir nehmen das wohlwollend in Kauf und kritisieren nicht herum, oder? Worauf ich nur antworten kann: Ja, ABER.

Das Make-Up in Shape of Water

Shape of Water - Featurette Make Up (Deutsch) HD
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Aber Guillermo del Toro bricht seine Märchenstruktur - mehr noch als sonst - immer wieder brachial auf. Lässt seinen Märchenprinzen Katzen enthaupten, knallt uns Sexszenen, Autokauf und den kalten Krieg vor den Latz. "Das hier ist eine Fabel", scheint er sagen zu wollen, "aber auch knallharte Realität".

Del Toro will Märchen und Anti-Märchen in einem, Romantisierung und Problematisierung, Liebeserklärung und Grauen, Sozialkommentar und Träumerei. Und in diesem unentschlossenen Hybrid von einem Konzept stößt mir die Hals-über-Kopf-Liebesgeschichte doch sauer auf. Ihr Fundament ist einfach zu dünn. Die Zeit, die Szenen, die Elisa und ihrem Fischmann fehlen, werden einer viel zu großen Zahl an Nebensträngen geopfert.

Zu viele Figuren verderben den Brei: Guillermo del Toro will zu viel erzählen

Shape of Water strotzt nur so vor Nebenfiguren: Lisas Nachbar und bester Freund (Richard Jenkins), ihre Kollegin Zelda (Octavia Spencer), Doppelagent "Bob" (Michael Stuhlbarg), und eine Riege Bösewichte, allen voran Michael Shannon.

Viele Antagonisten mit viel zu viel Screentime

Der Film will ihnen allen Zeit widmen, was gut ist, denn so bleiben sie keine blassen Randnotizen. Doch bekommen sie alle elaborierte Geschichten, um jede Menge Kommentare anzubringen: Zur Diskriminierung aller Minderheiten, zur Diskussion von politischen vs. ethischen Idealen, zum Leiden des Künstlers in der modernen Konsumgesellschaft, zur Verantwortung der Wissenschaft, Menschlichkeit vs. Fortschritt.

Zugleich soll das Märchenhafte bleiben, alter Hollywood-Musicalglamour eingefangen werden, ein bisschen Amélie-Feeling bitte auch noch dazu ...

Das ist gut gemeint, funktioniert aber einfach nicht, weil der Film so wild mäandert und seinen Fokus verliert. Nur ein Subplot weniger hätte das Ganze unendlich viel runder gemacht. Ich hätte da auch einen Vorschlag, wen man sich hätte sparen können.

Der Antagonist der Liebenden in Shape of Water: Zeitverschwendung pur

Der Film wäre 20 Minuten kürzer geworden, hätte er sich einfach eingestanden, dass Michael Shannons Antagonist nicht ständig eigene Szenen benötigt.

Richard Strickland, seines Zeichens Egomane und menschliches Monster (Get it?!) ist bereits nach seiner ersten Interaktion mit unserer Hauptfigur vollständig charakterisiert. Nach diesem einen kleinen Aufeinandertreffen sollte jedem Zuschauer ausreichend klar sein, dass wir es hier mit einem rückgratlosen, privilegienmissbrauchenden, gewaltverherrlichenden und tief drinnen absolut erbärmlichen Mistkerl zu tun haben.

Eine Figur mit zu viel Fokus: Michael Shannons Strickland

Sollten seine Szenen ihm mehr Tiefe verleihen, ging das grandios nach hinten los. Er war von Anfang an eindimensional widerlich und bleibt es bis zum Schluss. Bei der dutzendsten ekelhaften (sowohl moralisch als auch bildlich) Szene fühlte ich mich wie ein Kind, dem in übertriebener Ausführlichkeit etwas erklärt wird, das es schon längst begriffen hat.

So ist der fertige Shape of Water eine optisch schöne, aber inhaltlich viel zu unentschlossene und chaotische Hommage an ein Wesen, das in seinem eigenen Film viel zu kurz kam. Ein guter Versuch, aber kein Bester Film.

Shape of Water läuft heute Abend um 20:15 Uhr auf ProSieben im Free TV.

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