Berlinale 2016 - Maggie's Plan & das unberechenbare Leben

Greta Gerwig und Ethan Hawke in Maggie's Plan
© Freedom Media/Berlinale
Greta Gerwig und Ethan Hawke in Maggie's Plan
19.02.2016 - 08:50 UhrVor 5 Jahren aktualisiert
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Nachdem Greta Gerwig vor zwei Jahren Teil der Jury war, stattet sie dieses Jahr der Berlinale einen Besuch im Panorama ab. In Maggie's Plan von Rebecca Miller spielt sie die Hauptrolle in einem New York-Märchen à la Woody Allen und Noah Baumbach.

Vor zwei Jahren saß sie selbst in der Jury der Berlinale, dieses Jahr spielt sie die Hauptrolle in einem Film, der Teil des Panoramas ist: Die Rede ist natürlich von Greta Gerwig, dem immer scheinenden Stern am Horizont des Indie-Himmels. In Maggie's Plan eroberte sie am vergangenen Montag die große Leinwand im Friedrichstadtpalast, wo der neue Film von Regisseurin Rebecca Miller vorgestellt wurde. Greta Gerwig schlüpft darin in die Rolle einer jungen Frau, die glaubt, ihr Leben fest im Griff zu haben. Ausschlaggebend dafür ist der perfekte Lebensplan, nämlich Maggies Plan. Wie sich jedoch im weiteren Verlauf des Films herausstellen soll, läuft im Leben nichts so, wie es soll. Egal, wie viele Gedanken sich die Protagonistin im Voraus macht, zum Schluss kommt doch alles ganz anders als erwartet beziehungsweise geplant.

Die wilden Jahren sind vorbei, jetzt soll Normalität in ihr Leben einkehren: Maggie (Greta Gerwig) hat sogar schon ein paar Ersparnisse beiseitegelegt, um sich ihren großen Traum zu erfüllen. Ein Baby soll ihr Leben bereichern, wenngleich der passende (Ehe)Mann bisher noch auf sich warten lässt. Glücklicherweise kann Maggie Guy (Travis Fimmel), einen alten Schulfreund, dazu überreden, als Samenspender zu fungieren. Dieser besitzt mittlerweile sein eigenes Unternehmen, das sich auf die Herstellung und Auslieferung von Gurken (!) spezialisiert hat, und beweist darüber hinaus ein großes Faible für die Kunst der Zahlen. Warum er nicht Mathematik studiert hat, lautet Maggies Frage bei einem ihrer Treffen, woraufhin Guy gesteht, dass ihm das Wissen, nie die endgültige Lösung zu erreichen, Unbehagen bereite. Zwar gefällt ihm die Schönheit und Logik des Mathematischen, gleichzeitig fühlt er sich der Größe des (Zahlen)Spektrums nicht gewachsen.

Guy will nicht nur von einer Rechnung zur nächsten hechten, um erneut enttäuscht zu werden. Immerhin könnte man ein ganzes Leben in die Suche nach Antworten investieren, ohne jemals eine finale zu erhalten. Dieser rastlosen Anstrengung versucht Guy nun aus dem Weg zu gehen, genauso wie Maggie. Unverbindlich und unkompliziert soll das Leben sein, doch Rebecca Miller, die ebenfalls das Drehbuch schrieb (basierend auf einer Geschichte von Karen Rinaldi), lässt ihre Protagonistin nicht unbeschwert in den Sonnenuntergang reiten. Kurz bevor Maggies wohl durchdachter Plan aufgeht, betritt John (Ethan Hawke) die Bildfläche. Dieser unterrichtet am gleichen College wie Maggie und verliebt sich in sie, obwohl er eigentlich mit der Akademikerin Georgette (Julianne Moore) verheiratet ist. Da es in der Ehe sowieso schon kriselt, lässt der erste Plottwist nicht lange auf sich warten: Neun Monate später hat Maggie nicht nur ein Kind, sondern auch den dazugehörigen Freund gefunden.

Ethan Hawke und Julianne Moore in Maggie's Plan

Als unberechenbare Konstante in dieser Gleichung erweist sich allerdings die Zeit, die nach ein paar Monaten dafür sorgt, dass sich Maggie einen neuen Plan ausdenken muss. Erschreckend muss sie feststellen, dass sie John zu viel Raum gelassen hat, um sich selbst zu verwirklichen. Seit zwei Jahren schreibt John an einem Roman, den er vermutlich nie vollenden wird. Augen für Maggie und die gemeinsame Tochter hat er infolgedessen nur noch bedingt. Selbst um die zwei Kinder aus Johns erster Ehe muss sich mittlerweile Maggie kümmern - unkompliziert und einfach ist hier gar nichts mehr. Daraufhin unterbreitet Maggie Georgette ein durchaus kurioses Angebot: Sie will John zurückgeben, da sie gemerkt hat, dass er sich niemals vollends von seiner Ex-Frau trennen wird und kann. Spätestens ab diesem Punkt, nimmt das Chaos seinen Lauf - und Rebecca Miller kostet jegliche Facetten der verzwickten Situation für gleichermaßen tragische wie komische Pointen aus.

Jede der drei Phasen, sprich Akte, entwickelt dabei seine eigene Stimmung. Anfangs besteht akute Verwechslungsgefahr mit den Werken von Noah Baumbach, später spielt sich der Einfluss eines Woody Allen ganz deutlich in den Mittelpunkt. Wenn Frances Ha und Mistress America auf Der Stadtneurotiker und Manhattan treffen, darf natürlich eine wichtige Konstante nicht fehlen: New York City. Die Stadt spielt in Maggie's Plan eine genauso große Rolle wie in den Vorbildern des Films - sei es die Vertiefung urbaner Subkulturen oder schlicht ein Schwenk durch die bürgerlichen Milieus der Metropole. Maggies Wohnung gleicht einem Loft und natürlich kommen sie und John sich zum ersten Mal auf einer Parkbank näher. Das größte Problem hierbei gestaltet sich wie folgt: Rein formell weiß Rebecca Miller all diesen einzelnen Elementen keine neue Verve zu verpassen.

Was Maggie's Plan trotzdem so sehenswert macht, ist - abseits des wundervollen Casts, der sich neben den bereits erwähnten Schauspielerinnen und Schauspielern aus Maya Rudolph und Bill Hader zusammensetzt - der Diskurs zur Unberechenbarkeit des Lebens aus der Perspektive einer jungen Frau. Rebecca Miller verortet ihren Film in einer Welt, in der die Figuren in Planungsgedanken zu ersticken drohen und sich dabei möglichst einfach sowie zielgerichtet absichern wollen, ohne sich je verbindlich entscheiden zu müssen. Es herrscht eine große Angst, jeden Augenblick von seinem Gegenüber fallengelassen zu werden. Und in diesem Punkt greift Rebecca Miller sehr schön ein unbeschreibliches Gefühl auf, das sich zuletzt durch die erste Staffel von Aziz Ansaris Netflix-Serie Master of None gezogen hat. Egal, welche Vorkehrungen Maggie im Lauf der Jahre mit berechnender Sorgfalt getroffen hat: Am Ende setzt sich das Schicksal und dessen Ironie durch. Maggie kann nicht alles richtig machen, genauso wie Guy nie die letzte Gleichung lösen wird.

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