Angie Tribeca - Was taugt die 1. Staffel der Krimi-Parodie?

Angie Tribeca - S01 Trailer (English) HD
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© Turner
Angie Tribeca
18.01.2016 - 10:50 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
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Turner will das Fernsehen revolutionieren und schickt dafür eine Serie mit einem Auto fahrenden Hunde-Polizisten in den Marathon. Wir haben die 1. Staffel von Angie Tribeca gesehen.

Angie Tribeca ist ziemlich dumm. Die Serie, nicht Rashida Jones' Titelheldin, wobei Polizistin Tribeca manchmal den Täter vor lauter Beweisen nicht sieht. Angie Tribeca ist aber auch ziemlich lustig. Die Eigenproduktion der amerikanischen Turner-Tochter TBS gibt sich in Werbung und Titelsequenz als Parodie jüngerer Krimiserien wie CSI: Miami oder Navy CIS. Ihr Verständnis von Humor zieht sie eher aus den 80er Jahren. Damals beschoss das Produzenten-Trio Zucker, Abrahams und Zucker (ZAZ) in Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug, Top Secret oder Die nackte Kanone seine Drehbuchseiten mit so vielen Gags, dass die Filme zu den Action-Paintings unter den Komödien wurden. Angie Tribeca folgt diesem Prinzip und spätestens ab Folge 5 bleibt eine herrlich doofe Comedy-Matschepampe kleben.

'I just really hope you can catch the animal who did this.' -
'Thank you, ma’am, but we think it was a human who did it.'

Wie es sich für eine Buddy-Comedy gehört, setzt Angie Tribeca bei einem neuen Partner an. Seit zehn Jahren arbeitet Tribeca im Los Angeles Police Department und das neuste Opfer ihres Kollegen-Verschleißes heißt J. Geils (Hayes MacArthur). Der natürlich cholerische Chef Chet Atkins (Jere Burns) will keine Widerrede hören und so jagen Tribeca und Geils in den kommenden zehn Episoden der 1. Staffel mörderische Bauchredner, Frettchen-Schmuggler und Gesetzeshüter mit Windel-Fetisch. Unterstützt werden sie von DJ Tanner (Deon Cole) und seinem Hundekollegen Hoffman, der googeln und Auto fahren kann und überhaupt nach ein paar Folgen als heimlicher und kompetentester Held des Departments brilliert. Im Keller warten Monica Scholls (Andree Vermeulen) und Dr. Edelweiss (Alfred Molina) eher mit forensischem Halbwissen auf. Dafür scheint gerade Molina vom ganzen Cast am meisten Spaß zu haben, wenn sein Edelweiss (!) in jeder Folge mit einer neuen körperlichen Behinderung auftaucht. Ob armlos, einäugig oder im Rollstuhl, Molina betritt die Szenerie, als schaue er gerade in der Mittagspause irgendeines Oscardramas vorbei und wolle zur Entspannung etwas herumblödeln.

Das fasst den Geist der Nonsens-Serie Angie Tribeca ganz gut zusammen, die sich für keinen Gag um des Gags Willen zu schade ist. In der Tradition von Mel Brooks und der ZAZ-Serie Die nackte Pistole wird hemmungslos jedes Sprichwort und jede Metapher wörtlich genommen, gibt Deon Cole vor dem Gemälde eines riesigen Daumens stehend "thumbs up!" und spielt Keegan Michael Key einen Schmuggler namens Mr. Fröntbüt, der genauso aussieht, wie er heißt und mit einem deutschen Akzent redet, den selbst Kenneth Mars in Frühling für Hitler als übertrieben bezeichnen würde. Key darf in Ferret Royal (S01E06) einen der besten Gastauftritte der Serie sein eigen nennen, was bei Konkurrenz wie Lisa Kudrow, David Koechner, Adam Scott oder Bill Murray durchaus keine Selbstverständlichkeit ist.

'Shall we make it more interesting?' -
'No, let’s keep it exactly this interesting.'

Was Zucker, Abrahams und Zucker schon in ihrem ersten Hit Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug auszuschlachten wussten, bleibt bei Angie Tribeca zunächst die größte Herausforderung für Showrunner Ira Ungerleider (Mixology) und seine Autoren. Indem ZAZ-Produktionen ihre Zuschauer nämlich mit einer unglaublich verrückten Gag-Dichte überwältigen, haben diese gar keine Gelegenheit, über die Fehltreffer nachzudenken. Nichts ist gefährlicher für dieses Prinzip als der Leerlauf. Doch Comedyserien treffen ihr Tempo in den seltensten Fällen bereits im ersten Anlauf. Ensemble und Autoren müssen sich einspielen, Regie und Schnitt hinsichtlich des Timings erst nachziehen. Im Pilot, der von den Serien-Schöpfern Steve Carell und Nancy Carell geschrieben und inszeniert wurde, finden die Einzelelemente noch nicht wirklich zusammen. Visuelle Gags werden zu lang ausgewalzt, das Verhältnis von Tribeca und Geils will nicht zünden, obwohl das Drehbuch auf ihre gegenseitige sexuelle Anziehungskraft pocht und daraus ins Leere gehende Pointen erzwingt. Doch während Angie Tribeca in den ersten Episoden vor allem wegen der absoluten Hingabe zu abstrus-dämlichen Pointen punktet, halten uns spätestens ab Episode 5 oder 6 die Figuren bei der Stange. Dann wird das Team aufgemischt und die Autoren scheinen endlich zu erkennen, was die Einzelgängerin Tribeca an dem leicht verträumten Mann mit dem 70er-Jahre-Rocker-Namen  hat.

Die kurze Titelsequenz verwandelt Roger Daltreys Schrei aus Won't Get Fooled Again  in einen Running Gag und jeder Szenenübergang wird mit dem todernsten Law & Order-Getrommel angekündigt. Trotzdem gibt sich die Krimi-Parodie Angie Tribeca verhältnismäßig zeitlos. Das dürfte daran liegen, dass sie ungeachtet der David-Caruso-mit-Sonnenbrille-Witzchen keine spezielle Ästhetik nachahmt. Statt sich ausgiebig bei einem Zweig des Procedural-Genres zu bedienen, dessen Blüte die TV-Bildschirme noch mit Friends und Alle lieben Raymond teilte, klaut Angie Tribeca einfach überall. Dazu zählen Musiker , die die Zielgruppe sowieso nicht mehr kennt, und Filme, an die sich im vergangenen Jahrzehnt wohl nur Clive Owens Steuerberater erinnert hat. Manchmal wirkt die Referenzsammlung der Serie wie ein Mittvierziger, der überlegt, was er in den letzten dreißig Jahren beim Verspeisen seines Mikrowellen-Dinners in der Glotze gesehen hat. Im besten Sinne des Vergleichs.

I’m very conflicted right now, it’s a moral dilemma. This is my vulnerable side!

Diverse visuelle Pointen bewegen sich allzu nah am ZAZ-Original, doch sobald Angie Tribeca in der Mitte der zehn Folgen langen 1. Staffel seinen Ton findet, wird jede "Hommage" verziehen. Viel lastet auf Rashida Jones' Schultern, die in Parks and Recreation die bodenständige, realistische und ein bisschen zu ernste Freundin von Amy Poehlers ultra-enthusiastischer Leslie Knope gegeben hatte. Im absurden Wahnsinn von Angie Tribeca verkörpert Jones nun den nötigen Ruhepol. Dabei bewegt sich die Serie in einer Tradition mit den Sitcoms Parks & Rec, Brooklyn Nine-Nine und bis zu einem gewissen Grad Community. Grausamkeit zugunsten der Lacher ist ihre Sache nicht. Weich, sympathisch "nett" und nicht einmal sonderlich vulgär (etwa im Vergleich mit den wackelnden Brüsten aus Airplane!) fallen die zehn Episoden aus. Anstatt aus der ironischen Distanz heraus durch die eigene Cleverness zu waten, stürzt sich Angie Tribeca kopfüber ins hin und wieder seichte Comedy-Wasser. Dieser Eifer fordert zumindest beim Fan stolz-dämmlicher Filme wie Top Secret!, Die nackte Kanone oder Hot Shots Respekt ein.

Insofern ergibt die vieldiskutierte Entscheidung, die 1. Staffel von Angie Tribeca im 25-Stunden-Marathon auf TBS in den USA und TNT Serie in Deutschland zu zeigen, Sinn. Zu Beginn mag die sexuelle Spannung von J. Geils und Angie Tribeca erzwungen wirken, fragt man sich, ob ein kotzender Polizist am Tatort wirklich einen Running Gag wert ist. Bei Folge 9 oder 10 wartet man dann sehnsüchtig auf das Gereiher - und darauf, dass sich J. und Angie endlich küssen.

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