"Hass gegen Männer in nuklearem Ausmaß"? Warum die Barbie-Kontroverse die dümmste Filmdiskussion seit langem ist

02.08.2023 - 10:21 UhrVor 7 Monaten aktualisiert
BarbieWarner Bros.
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Barbie mit Margot Robbie und Ryan Gosling bricht Kinorekorde und begeistert weltweit Millionen. Eine kleine, aber laute Gruppe wirft Greta Gerwigs Film allerdings vor, "männerfeindlich" zu sein. Wie bitte?

Wenn erwachsene Männer Barbie-Puppen anzünden und sich einmal mehr über eine "woke" Agenda oder vermeintliche feministische Umerziehungsmaßnahmen beschweren, weiß man: Es ist ein Film erschienen, der viele Menschen begeistert, obwohl er nicht (nur) für Männer gedreht wurde und Witze über ebenjene macht, die sich selbst sehr männlich finden.

In Barbie geht es um die gleichnamige Puppe und ihren ewigen Sidekick Ken, der nach einem Ausflug in die echte Welt das Patriarchat nach Barbieland bringt, um sich endlich auch einmal respektiert zu fühlen. Und genau das sorgt aktuell für eine der anstrengendsten und dämlichsten Diskussionen, die im Filmbereich seit längerem geführt wurde.

In diesem Artikel erkläre ich euch:

  • Was die Vorwürfe gegen Barbie sind
  • Warum Barbie nicht männerfeindlich ist
  • Warum Barbie eigentlich sogar Pro-Ken ist und woran das jeder sehen könnte, der Filme nicht mit geschlossenen Augen und zugehaltenen Ohren guckt

Es folgen Spoiler für Barbie.

"Feministischer Müll": Darum geht's in der beeindruckend dummen Anti-Barbie-Bewegung

Greta Gerwigs unfassbar erfolgreiche Komödie spielt dabei mit Geschlechterklischees und gesellschaftlicher Ungleichheit. Auf der einen Seite: Barbieland als Matriarchat, in dem die Barbies alles kontrollieren und die Kens nicht einmal eine eigene Identität haben. Auf der anderen: Eine überzeichnete Version der realen Welt (in dem Fall: die USA) als gleichberechtigte Gesellschaft, die aber immer noch von patriarchalen Strukturen durchdrungen ist.

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Unter der Oberfläche stecken klare Verweise auf toxische Männlichkeitsideale und die Radikalisierung von Männerrechtsgruppen. Was viele Kritiker:innen so richtig in den falschen Hals gekriegt haben und von "feministischem Müll" (Titel diverser YouTube-Videos) sprachen, der von "Hass gegen Männer in nuklearem Ausmaß" (Twitter-User @HollywoodInToto ) nur so strotze.

Es ist komplett in Ordnung, diesen Film nicht zu mögen. Wer allerdings glaubt, dass Barbie Männerhass und eine Welt propagiert, die rein von Frauen beherrscht wird, liegt komplett falsch. Und das ist keine Interpretationsfrage, sondern ein Fakt.

Sorry, Barbie-Hater: Sich über Männer lustig zu machen, ist kein "Hass gegen Männer"

Barbie ist eine Komödie und will unterhalten. Deswegen wird sich über die offensichtliche Künstlichkeit der Barbie-Welt lustig gemacht und die öffentliche Wahrnehmung der ikonischen Puppe, die in ihrem Einfluss über Schönheitsstandards zurecht nicht unumstritten ist. Aber eben auch über die Rollenbilder und Geschlechterverhältnisse in zwei grundlegend verschiedenen Welten.

Barbie arbeitet mit Geschlechterklischees – bei den Kens, aber auch bei Barbie selbst

Als die Kens – angeführt von Ryan Goslings Beach-Ken – die Macht über das Barbieland übernehmen, gibt es speckige Ledersofas und Unmengen an Bier statt pinken Couches und Toaster in Pastellfarben. Maskulines Klischee ersetzt feminines Klischee. Um zu verhindern, dass die Kens durch eine Abstimmung für immer die Kontrolle über das Barbieland gewinnen, hecken die Barbies um Margot Robbie und ihre "Besitzerinnen" aus der echten Welt einen Plan aus: Die "Männer" ablenken, bis das Votum ohne sie stattgefunden hat.

Und wie tut man das am besten? Man bringt sie dazu, sich klug, wichtig und gebraucht zu fühlen, indem man sich stundenlang schlecht etwas auf der Gitarre vorspielen oder sich von ihnen langatmig Der Pate erklären lässt. Ja, hier wird über klischeehaftes und überzeichnetes "männliches" Verhalten gelacht. Aber mit Männerhass hat das nichts zu tun. Auch, weil natürlich nicht jeder Mann sich genauso verhält wie die Kens – außer vielleicht die Leute, die sich jetzt so unglaublich von dem Film angegriffen fühlen.

Ryan Goslings Ken ist nicht der Bösewicht, sondern das tragikomische Herz von Barbie

Dass Ken so gar keine Identität hat und absolut gar nichts kann, ist nicht deshalb lustig, weil Filmschaffende oder Fans glauben, dass Männer Idioten sind. Stattdessen funktioniert der Humor auf mehreren Ebenen und schwankt zwischen wirklich witzig und tragikomisch. Der Film legt zum einen sehr unterhaltsam offen, wie "nutzlos" die Puppe Ken schon immer war. Barbie ist der Star, die Identifikationsfigur für die weibliche Kernzielgruppe, die Macherin. Ihre männliche Entsprechung ist hübsches Beiwerk, der Trophy-Freund. Aber eben total egal. Eine deprimierende Konstellation, die wir in der echten Welt – wenn überhaupt – eher in umgedrehter Geschlechterverteilung kennen.

Zum anderen ist Ken in Greta Gerwigs Film nicht einfach nur ein uninspiriertes Spielzeug, das historisch gesehen in der Ecke lag, während kleine Mädchen mit wohl frisierten (und natürlich hochgradig unrealistischen) Idealfrauen in pinken Cabrios die Weltherrschaft durchexerzierten. Wir gucken hier einem Menschen zu, der eine Puppe spielt, die ein hoffnungslos tragisches Leben führt. Ohne Barbie ist er nichts. Er hat nicht mal eine eigene Unterkunft. Das macht ihn zum bemitleidenswerten Sympathieträger. Ich möchte, dass es ihm gut geht und er am Schluss Erlösung findet. Selbst dann, wenn er eine komplett alberne Pferde-Variante des Patriarchats in Barbieland errichtet, in der nun die weiblichen Puppen macht- und ziellos sind.

Die Plastik-Männer in Barbieland sind keine Bösewichte, denen Publikum und Film den Untergang wünschen. Sie sind tragische Figuren, die aus Ohnmacht überreagieren und eine Welt schaffen, in der sie zwar die Macht haben, schlussendlich aber auch nicht glücklich sind.

Ryan Gosling wurde geboren, um Ken zu spielen, wie dieses Video zeigt:

Barbie - Ken Exclusive (Deutsch) HD
Abspielen

Mehr als Margot Robbie: Barbie ist ein Pro-Ken-Film und der Schluss beweist es

Deswegen wird am Ende von Barbie auch nicht einfach die ursprüngliche Version des Barbielands mit unterdrückten Männerpuppen wiederhergestellt. Ja, es gibt ein Happy End für Barbie, die als echte Frau in der echten Welt leben "darf". (Na herzlichen Glückwunsch!) Die viel größere und schönere Revolution passiert allerdings im Plastikland: Die Kens emanzipieren sich von ihrer Rolle des ewigen Sidekicks.

Sie dürfen zum ersten Mal Positionen bekleiden, die eine tatsächliche Funktion haben und können so das Leben in Barbieland aktiv mitgestalten. Und eigentlich noch wichtiger: Sie machen ihren Selbstwert nicht mehr vom anderen Puppen-Geschlecht abhängig. Sie sind als Individuen wertvoll und liebenswert, ohne sich und anderen ständig etwas beweisen zu müssen. Sie sind "kenough".

Barbie ist also kein Männerhasser-Film, es ist ein Pro-Ken-Film, der unglaublich empathisch mit dem ewigen Sidekick umgeht und ihn eine deutlich komplexere – und interessantere – Wandlung durchleben lässt als die eigentliche Hauptfigur Barbie. Deswegen gewinnen am Schluss weder Patriarchat noch Matriarchat, es gibt für alle ein Happy End. Und für Ryan Goslings unfassbar gute Performance als pferdeverrückter Ken hoffentlich alle Awards dieser Welt.

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