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1929 - Berlin als Tretmühle in Menschen am Sonntag

29.04.2013 - 08:50 UhrVor 7 Jahren aktualisiert
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1929 - Berlin als Tretmühle in Menschen am Sonntag
© Stiftung Deutsche Kinemathek
1929 - Berlin als Tretmühle in Menschen am Sonntag
Der Berlinfilm Menschen am Sonntag begeisterte 1929 das Publikum. Neben idyllischen Bildern vom Wannsee beinhaltet er aber auch eine politische und sozialkritische Ebene.

Mit der Einteilung von Genres ist es nicht so leicht, wie auf den ersten Blick vielleicht angenommen. Klar, klassische Genres wie der Western, Thriller oder romantische Komödien lassen sich oft auf den ersten Blick zuordnen. Aber wie sieht es mit Subkategorien aus, oder mit Genre-Crossovers? Mit Epochalstilen wie dem Film Noir oder mit nationalen Kinematografien? Plötzlich erscheint die Einteilung nicht mehr so leicht. Eine Überlegung wert ist auch der Begriff des Berlinfilms.

Die Stadt als Maschine
Bei dem Überbegriff fällt den Meisten wohl als erstes Walter Ruttmann ein. Der gebürtige Frankfurter lieferte 1927 mit Berlin: Die Sinfonie der Großstadt seine wohl bekannteste Arbeit ab. In der experimentellen Doku fuhr ein Zug in die Metropole hinein; der perfekte Auftakt, um in den folgenden 65 Minuten Eindrücke der Stadt zu zeigen: Eindrucksvolle Gebäude, die Dynamik des Großstadtverkehrs, hin und her hastende Menschen und die abendlichen Vergnügungstempel – das alles verbunden durch eine irrwitze Montage. Berlin wurde hier quasi zum Organismus, ja, zur Maschine, die einzelne Individuen schlicht und einfach schluckte.

Trotz bis heute anhaltender Beliebtheit musste sich Walter Ruttmann für Berlin: Die Sinfonie der Großstadt aber auch einige Kritik anhören. So fand der bedeutende Soziologe und Filmtheoretiker Siegfried Kracauer das Werk schlicht oberflächlich und prangerte außerdem an, dass es zu unpolitisch sei. Als leuchtendes Beispiel hob er die Filme der russischen Formalisten hervor, die mit Streifen wie Der Mann mit der Kamera der sozialen Blindheit eine Abfuhr erteilten und Missstände konkret hervorhoben.

„…und dann nischt wie raus nach Wannsee!“
Ein Berlinfilm, der Siegfried Kracauer dank seiner etwas persönlicheren Herangehensweise besser gefallen haben dürfte, ist Menschen am Sonntag. Mit lockerem Semi-Dokumentarismus verfolgte der Film vier junge, befreundete Berliner bei ihrer Wochenendbeschäftigung: einem Ausflug an den Wannsee. Dabei vergaß er aber auch nicht, in elaborierten Aufnahmen das Angestelltenmilieu der ausgehenden Zwanziger Jahre zu zeigen und trotz aller Ausgelassenheit einen sozialkritischen Subtext mitschwingen zu lassen.

Im Grunde war schon die Entstehung von Menschen am Sonntag ein kleines Wunder. Denn hier taten sich nicht etwa etablierte Regisseure zusammen, sondern Anfänger: dem Kameramann Eugen Schüfftan stand nur bereits abgelaufenes Filmmaterial zur Verfügung, die Regisseure Robert Siodmak und Edgar G. Ulmer hatten bisher ausschließlich am Set volontiert, und die Drehbuchautoren Curt Siodmak und Billy Wilder waren bislang eher Reporter. Selbst für die Rollen verpflichteten sie nur Laiendarsteller, die sich auf Grundlage eines siebenseitigen Scripts mehr oder weniger selbst spielten. Gemeinsam nannten sie sich Filmstudio 1929 und stampften ein improvisiertes Projekt aus dem Boden, das die Kritiker und das Publikum wider Erwarten begeisterte.

Die Tretmühle dreht sich weiter und weiter
Etwa zur gleichen Zeit veröffentlichte der oben schon erwähnte Siegfried Kracauer eine soziologische Studie namens Die Angestellten, in der er mit den Mitteln der Reportage die neu entstandene Bevölkerungsschicht untersuchte. Er unterstellte ihr nicht nur ideologische Heimatlosigkeit, sondern auch die unkritische und unreflektierte Suche nach permanenter Zerstreuung. Die im Entstehen begriffene Unterhaltungskultur und Freizeitaktivitäten wie Sport (für Kracauer ein Mittel zu Entpolitisierung der Massen) trugen ihren Teil dazu bei, und bewogen den Theoretiker sogar dazu, eine gedankliche Linie bis hin zum erstarkenden Nationalismus während der ausgehenden 1920er Jahre zu ziehen.

Auch Menschen am Sonntag beinhaltet einen zynisch angehauchten Subtext dieser Art. So endet der eigentlich so hübsch anzusehende Berlinfilm mit einer Abfolge von Zwischentiteln, die resignativ verkünden: „…Und dann am Montag wieder Arbeit, wieder Alltag, wieder Woche. Vier Millionen Menschen warten auf den nächsten Sonntag. Ende.“ Tja, da drängt sich das Gefühl von einer immerwährenden Tretmühle schon förmlich auf. Wir kennen das. Ist heute nicht schon wieder Montag?

Was die Menschheit sonst noch im (Film)Jahr 1929 bewegte:

Fünf Filmleute, die geboren sind
03. Januar 1929 – Sergio Leone, Regisseur von Zwei glorreiche Halunken
04. Mai 1929 – Audrey Hepburn, Holly aus Frühstück bei Tiffany
31. Oktober 1929 – Bud Spencer, Kultrabauke aus Filmen wie Vier Fäuste für ein Halleluja

Drei Filmleute, die ihr Debut feierten
Judy Garland in The Big Revue mit den Gumm-Schwestern
Paulette Goddard in Berth Marks von Lewis R. Foster
Ray Milland in Piccadilly – Nachtwelt von Arnold Bennett

Oscar-Gewinner
Bester Film: The Brodway Melody von Harry Beaumont
Bester Schauspieler: Warner Baxter in In Old Arizona von Irving Cummings
Beste Schauspielerin: Mary Pickford in Coquette von Sam Taylor

Drei wichtige Ereignisse der Filmwelt
20. Januar 1929 – In Old Arizona ist der erste Tonfilm, der außerhalb des Studios gefilmt wird
16. Mai 1929 – Zum ersten Mal werden die Academy Awards verliehen
Hallelujah! von King Vidor ist der erste Hollywoodfilm mit einem komplett schwarzen Cast

Drei wichtige Ereignisse der Nicht-Filmwelt
29. Januar 1929 – Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque erscheint
01.-03. Mai 1929 – Beim Blutmai in Berlin werden zahlreiche Demonstranten durch die Polizei getötet
24. Oktober 1929 – mit dem Schwarzen Donnerstag beginnt die Weltwirtschaftskrise

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