Kult in Menschengestalt

Zum 80. Geburtstag von Michael Caine

Michael Caine in Prestige
© Warner
Michael Caine in Prestige

Manche Schauspieler werden durch ihre Rollen Teil des popkulturellen Gedächtnisses, ermutigen zu Zitaten, Parodien und Hommagen. Michael Caine, der heute seinen 80. Geburtstag begeht, ist längst selbst eine Ikone, deren Legendenstatus, Manierismen und Bonmots den ihrer Figuren in den Schatten stellt. Kurz gesagt: Michael Caine ist Kult und wir gratulieren dem Mann, der den Cockney-Akzent salonfähig machte, sich als Anti-Bond in die Herzen der Zuschauer spielte und Generationen von Schauspielern inspirierte, zum Ehrentag.

“I’m every bourgeois nightmare – a Cockney with intelligence and a million dollars.”

Beim Gedanken an britische Schauspieler schießen einem früher oder später all die erfahrenen Shakespeare-Darsteller in den Kopf, die durch die wunderschönen Kulissen von Literaturverfilmungen spazieren, ihre Austen-, Forster- oder James-Zeilen in hochgestochenem Englisch aufsagen und vor allem eines versprühen: die Dekadenz der Oberschicht. Spätestens seit dem Erfolg der Ealing Studios in den 40er und 50er Jahren gelang dem britischen Kino allerdings ein Spagat, der die Schranken zwischen den gesellschaftlichen Klassen nicht zu überbrücken, aber immerhin offenzulegen vermochte. Die kleinen Leute mit ihrem speziellen Vokabular und ihren außerhalb der britischen Inseln nur schwer verständlichen Dialekten bevölkerten Komödien und vermehrt Sozialdramen. Michael Caine, geboren 1933 als Maurice Joseph Micklewhite, hätte durchaus einer dieser Charakterdarsteller werden können, die die Unterschicht in exzentrischen bis liebenswerten Nebenrollen auf der großen Leinwand verkörpern. Doch Michael Caine wurde ein Star.

Mit seinem Londoner Cockney-Dialekt war der aus kleinen Verhältnissen stammende Michael Caine für Aristokraten-Rollen nicht gerade geschaffen. Trotzdem verhalf ausgerechnet solch eine ihm zum Durchbruch. Der amerikanische Regisseur Cy Endfield castete ihn trotz seiner markanten Aussprache für den Kriegsfilm Zulu – Die Schlacht von Rorkes Drift (1964), der ihn endgültig ins Kino beförderte. Schlag auf Schlag folgten nun jene Filme, die Michael Caine in eine Ikone der Swinging Sixties verwandelten. Als Underdog und Anti-James Bond Harry Palmer zog er durch den Kalten Krieg (Ipcress – Streng geheim, Finale in Berlin und drei weitere). In Alfie, The Italian Job – Charlie staubt Millionen ab und Das Mädchen aus der Cherry-Bar gab er den gerissenen Frauenschwarm. Er spielte nicht den reichen Dandy, dem alles zufliegt, sondern einen, der sich mit Witz, Charme und einem Hauch Verschlagenheit aus jeder Zwickmühle befreien konnte.

“Be like a duck, my mother used to tell me. Remain calm on the surface and paddle like hell underneath.”

Schon in Alfie zeigt sich eine Gewissenlosigkeit, die Michael Caines Figuren dank ihrer charmanten, bodenständigen Fassade oft und fatalerweise erst auf den zweiten Blick anzumerken ist. Da tingelt er von One-Night Stand zu One-Night Stand, bringt eine Affäre gar zur Abtreibung, allein auf seinen eigenen Hedonismus bedacht. Im großartigen Mord mit kleinen Fehlern von Joseph L. Mankiewicz perfektionierte er diesen Figurentypus. Bezeichnenderweise wird der gehörnte Ehemann, mit dem sich Caine in dem Film Psychospielchen liefert, von Laurence Olivier verkörpert, dem Shakespearean Actor schlechthin. Sleuth, so der Originaltitel, war 1972 ein Treffen der (Schauspiel-)Generationen, neben dem das Remake 1 Mord für 2 von Kenneth Branagh nur verblassen konnte.

In den 2000er Jahren erreichte Caine durch seine liebenswürdigen Mentor-Figuren die breite Masse. Die zur Eiseskälte neigenden Antihelden aber sind es, mit denen er seine wahre schauspielerische Größe zeigt. Keine Rolle belegt diese düstere Seite so ikonisch wie die des knallharten Gangsters Jack Carter, der rücksichtslos durch die Londoner Unterwelt zieht, um den Mord an seinem Bruder aufzuklären. Er ist ein eiskalter Engel der Unterschicht, dessen rabiates Verhalten Sympathien verbaut und der uns trotzdem dank des ungeheuren Caine’schen Charismas bei Laune hält. Jack rechnet ab von Mike Hodges war nicht zuletzt dank seines Hauptdarstellers einer der stilprägenden Gangsterfilme Großbritanniens. Umso amüsanter ist es, Caine als Loser-Autor Mickey King in Malta sehen und sterben zu bewundern, ebenfalls eine Regiearbeit von Hodges, leider aber ein völlig unterschätzter Schatz an One-Linern.

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Moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.
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