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Woody Allen zum Geburtstag - Wenn Lachen nicht mehr genug ist

Woody Allen
© Concorde
Woody Allen
01.12.2015 - 09:00 UhrVor 5 Jahren aktualisiert
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Kino-Urgestein Woody Allen wird heute stolze 80 Jahre alt. Zur Feier des Tages werfen wir einen Blick auf sein Schaffen als Auteur, das sehr viel mehr als bloß Lachen ist.

"Weißt du, eines Tages schaust du dich um und realisierst, dass Lachen einfach nicht mehr genug ist." So beschreibt Ellie (Téa Leoni) in Hollywood Ending das Ende ihrer Ehe. 1975 lässt sich vielleicht als das Jahr interpretieren, in dem Woody Allen zu einer ähnlichen Erkenntnis gekommen ist, als er gewissermaßen mit Love and Death  verkündete, was die nächsten 40 Jahren auf uns zukommen wird - nämlich 40 Langfilme, die im Grunde nichts sind als ein endloses Sinnieren über Lieben und Sterben. Love and Death markierte damit auch das Ende der nunmehr etwas in Vergessenheit geratenen ersten Phase in Allens Karriere, die sich noch sehr viel mehr der klassischen Komödie mit starken Neigungen zum Slapstick verschrieb. Zwar wies sie mit ihrer literarischen Verspieltheit bereits einige Charakteristika des später zur Marke gewordenen Woody Allen auf, doch irgendwo blieben sie auch Produkte eines intellektuellen Klassenclowns, die einfach Platz machen mussten für Woody Allen, den pessimistischsten Nihilisten des US-amerikanischen Kinos.

"Die menschliche Existenz ist eine brutale Erfahrung für mich. Sie ist eine brutale, bedeutungslose Erfahrung - eine qualvolle, bedeutungslose Erfahrung mit ein paar Oasen, ein bisschen Freude, ein bisschen Charme und Frieden, aber das sind bloß kleine Oasen." Dass derart pessimistische Sätze aus dem Mund eines Mannes kommen, der ein breites Publikum seit den 1960er Jahren zuverlässig zum Lachen bringt, mutet nur auf den ersten Blick etwas paradox an. Zwar beschreibt Allen Humor in seinem Leben als etwas Unfreiwilliges, was seine Existenz keineswegs erträglicher mache. Es sei jedoch das Beste, was er seinen Mitmenschen bieten könne. Denn was bringt es, die Menschen mit essentiellen Problemen zu konfrontieren, wenn es ohnehin keine Lösungen geben kann? Die Person, die wirklich etwas Gutes für die Menschheit mache, sei diejenige, die nette Musik spiele oder einen Film mache, der einfach ablenkt. Die Tragödie konfrontiert, die Komödie flüchtet, wie es zwei seiner Charaktere in Melinda und Melinda zusammenfassen.

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In dieser Art von "Dienst" für die Menschheit mag Woody Allen ein Ideal sehen, doch es lässt sich nur von wenigen seiner Filme sagen, dass sie diesem Ideal wirklich entsprechen. Und die, von denen man das doch behaupten könnte, wie zum Beispiel Schmalspurganoven, Im Bann des Jade Skorpions oder eben Hollywood Ending (bezeichnenderweise hintereinander erschienen) werden in der Regel zu den schwächeren Momenten seiner Karriere gezählt. Ansonsten ist sein Werk durchzogen von zynischen Figuren, die in moralischen Grauzonen umherwandern und letzten Endes hinter all den clever pointierten Witzen doch mit essentiellen Konflikten zu kämpfen haben. Ob es nun einfach die Liebe zwischen einem Mann und der Schwester seiner Frau (Hannah und ihre Schwestern) oder eine Auseinandersetzung nach Dostojewksi mit der Frage nach Verbrechen und Bestrafung ist (Verbrechen und andere Kleinigkeiten, Match Point): In erster Linie begleitet Woody Allen Charaktere, die unter der Last ihrer per Definition nicht selbst verschuldeten Emotionen vor dem Zusammenbruch stehen - und das in einer vollkommen bedeutungslosen Welt, die es nicht ernst zu nehmen lohnt.

Ein Trost im Tumult dieser Bedeutungslosigkeit, natürlich: die Liebe. Ein Motiv, das sich so hartnäckig in den Mittelpunkt seines Schaffen drängt, dass Allen sich wie kaum ein anderer Regisseur regelmäßig anhören muss, immer wieder denselben Film zu drehen. Ganz unbegründet sind derartige Vorwürfe sicher nicht; seit seinem endgültigen Durchbruch mit Der Stadtneurotiker richtet Allen seinen Blick tatsächlich am liebsten auf die Dynamik zwischenmenschlicher, von sexuellen Spannungen nicht unbelasteter Beziehungen. Das mag oft romantisch sein, ist aus bestimmten Blickwinkeln betrachtet aber nur ein weiterer Beleg von Allens tiefsitzendem Pessimismus - glücklich bleiben seine Paare in der Regel nämlich nicht. Bestenfalls hören sie einfach auf, einander zu lieben (Ehemänner und Ehefrauen), schlimmstenfalls benutzen sie sich gegenseitig für die eigenen Zwecke oder wollen sich gar umbringen (Magic In The Moonlight, Irrational Man).

So oder so sind diese Verhältnisse, ob kurz oder lang, stets von einer immensen Leidenschaft erfüllt, die gewissermaßen alles rechtfertigt. Gefühle sind nun mal Gefühle und die lassen sich nicht wegrationalisieren. Wenn man so will, steht genau das unterm Strich eines jeden Woody Allen-Films: Mach einfach. Wir alle steuern auf dasselbe, grausame Ende zu, wieso also eines unser wertvollsten Güter, die sinnliche Leidenschaft, kontrollieren wollen? Die Charaktere in Allens Universum müssen sich immer wieder mit dieser Frage auseinandersetzen. Sie verlieben sich und sind Feuer und Flamme, nur damit diese Leidenschaft plötzlich erlischt und jemand anderem zuteilwird. Verurteilt werden sie dafür nicht, ganz im Gegenteil erhalten sie in der Regel sogar Befürwortungen zu einem Leben voller sprunghafter, intuitiver Leidenschaft. Dass es in diesem Universum keinen Platz für Reue geben kann, versteht sich von selbst.

Denn, das lässt Woody Allen uns niemals vergessen: Alles steht im riesigen Schatten des Todes. Und in diesem Schatten ist ein sinnvolles Dasein ohnehin unmöglich, auch nicht mit der Befolgung eines (teilweise selbst auferlegten) sozialen Codes. Wenn es mit der Liebe dann immer noch nicht klappt, dann gibt es ja noch die Fiktion, ein Obdach, das Allen selbst ganz offensichtlich nur allzu gern in Anspruch nimmt. Eine romantische Faszination für das Magische gehört spätestens seit Annie Hall zum festen Bestandteil des klassischen Woody Allen-Films. Dort gibt es eine Szene, in der Protagonist Alvy Singer in der Kinoschlange steht und unfassbar genervt von einem anderen Besucher ist, der über Marshall McLuhan herzieht. Daraufhin zaubert Singer sozusagen McLuhan herbei, um zu beweisen, dass es sich bei den Äußerungen seines Mitmenschen um Schwachsinn handelt. In diesem Moment dreht er sich zur Kamera und seufzt: "Man, wenn das Leben doch bloß so wäre."

Manchmal ist es das. Zumindest glaubt Allen ganz fest an die Magie, denn immerhin "ist es das Einzige, was uns noch retten kann." Mit Purple Rose of Cairo erklärte er der Fiktion im Allgemeinen und dem Kino im Speziellen seine Liebe. Cecilia (Mia Farrow) führt eine zutiefst unglückliche Ehe und findet lediglich im Kino Trost. Vor allem dieser eine Film hat es ihr fürchterlich angetan, den sie so oft schaut, bis sie sich in den Protagonisten verliebt und der dann auch noch aus der Leinwand in ihr Leben tritt. Dass die anderen sie für verrückt halten, spielt keine Rolle. Sie hat einfach "einen wundervollen Mann getroffen. Er ist fiktiv, aber man kann ja nicht alles haben", wie sie es selber formuliert. Wenn wir Woody Allen glauben wollen, hat sie natürlich Recht. Fiktion, was soll's, am Ende sind wir tot. Warum also nicht das Beste draus machen?

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