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Wild & Widerwärtig

Sex-Skandalfilme zwischen Provokation und PR

24.11.2010 - 08:50 Uhr
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Ken Park
© Neue Visionen Filmverleih
Ken Park
Nachdem wir uns zuletzt mit “Blasphemie!” schreienden Fundamentalisten beschäftigt haben, kehren wir jetzt zu einem Thema zurück, mit dem wir uns auskennen: Sex im Film und die Skandale, die er auslöst.

Unser Artikel Blut, Sex & Blasphemie in Skandal-Filmen ist derart gut bei euch angekommen, dass wir noch etwas tiefer geschaut haben. Auf Blasphemie im Film sind wir schon näher eingegangen. Heute geht es um Sex-Skandalfilme.

Auch wenn unsere heutige sexualisierte Gesellschaft verklemmter ist, als sie vorgibt zu sein, so haben sich die Konventionen und Werte doch mindestens insofern verändert, als dass ein Film heutzutage schon echt radikal sein muss, um Skandale auszulösen. Bloßer Sex und auch dessen freizügige Darstellung reichen dafür bei Weitem nicht mehr. Das war nicht immer so.

Historische Sex-Skandalfilme
Es gibt zwei Hauptkategorien von Skandalfilmen: Diejenigen, die provozieren um des Provozierens willen, und diejenigen, die anderen sauer aufstoßen, obwohl dies nicht in erster Linie das Ziel des Films war. Der historische Blick zeigt, dass die frühe Filmgeschichte vor allem von Sex-Skandalfilmen letzterer Art geprägt war.

Anders als die Andern von Richard Oswald aus dem Jahre 1919 hatte aufklärerischen Anspruch. Er gilt als erster Film überhaupt, der Homosexualität mehr oder weniger offen anspricht und deshalb zum Skandalfilm wurde. Im Stummfilm wird Paul Körner von einem Stricher (Dieser Name fällt natürlich nicht!) erpresst, der ihn schließlich wegen Verstoß gegen §175 verpfeift. Beim Gerichtsverfahren hält der Sexualforscher Magnus Hirschfeld – ja, der Magnus Hirschfeld – ein Plädoyer für Toleranz. Ein Skandal! Weshalb Anders als die Andern kurz nach seiner Fertigstellung verboten wurde und nur noch im Rahmen (sexual-)wissenschaftlicher Forschung gezeigt werden durfte.

Die Sünderin von 1950 sei “künstlerisch belanglos und in der Wirkung verderblich”, so hieß es zur damaligen Zeit. Der Film löste Proteste von politischer und religiöser Seite aus. Für Hildegard Knef bedeutete der Skandalfilm den Durchbruch ihrer Karriere. Warum das alles? Der nackte Busen von Hilde sorgte zwar für Furore und feilte am verrucht freiheitlichen Image der Knef, war aber eigentlich eher nebensächlich. Laut Deutschem Filminstitut waren die im Film angesprochenen Themen Freitod und Euthanasie viel eher für die Proteste verantwortlich. Trotz einigem Hin und Her, gab die FSK den Film ohne Auflagen und ungeschnitten frei, so dass ihn 7 Mio. Menschen sehen konnten. Für Hildegard Knef barg der Skandal auch die Möglichkeit, ihre erste Schallplatte unter gesteigerter Aufmerksamkeit veröffentlichen zu können.

Zu Das Schweigen von Ingmar Bergman schrieb Marcel Reich-Ranicki, dass mit diesem Film nun Spießer und Heuchler beruhigt “einen feuchten weiblichen Busen” betrachten und “sich aufgeilen” lassen könnten, “denn man hat ihnen ja erklärt, es ginge um Gott.” Tatsächlich schieden sich 1963 die Geister, ob es sich bei Das Schweigen um Kunst oder Pornografie handele. Heute kaum zu glauben, das ein Bergman-Film einen derartigen Skandal auslöste.

Sex-Skandalfilme in den 70ern
Mit den 70ern änderte sich in Hollywood auch wegen der Abschaffung des Production Codes so einiges im Umgang mit Sexualität im Film und in der Gesellschaft. Die Röcke wurden kürzer, die Menschen aufgeschlossener, Sex wurde salonfähig. Und mittendrin sorgte Deep Throat trotzdem für Aufsehen. Linda Lovelace spielt sich selbst, deren Klitoris in den Rachen verrutscht ist, so dass sie zur Befriedigung ihrer eigenen sexuellen Bedürfnisse leider leider ganz viele Männer oral befriedigen muss. Deshalb durfte Deep Throat in mehr als der Hälfte der US-Bundesstaaten nicht aufgeführt werden und Hauptdarsteller Harry Reems wurde wegen seines Spiels in erster Instanz zu 5 Jahren Haft verurteilt. Andererseits holte Deep Throat den Porno aus seiner Schmuddel-Ecke und kreierte eine Art Porno Chic.

Mit dem Kunstwerk Der letzte Tango in Paris von Bernardo Bertolucci hatten die Verleiher Angst, in dieselbe Ecke gestellt zu werden wie Deep Throat. Den schmalen Grad zwischen Zensur und profitabler PR meisterte der Film, der die “bürgerlichen Sehgewohnheiten auf den Kopf” stellt. In Frankreich löste man das Problem des Letzten Tango in Paris mithilfe von Warntafeln, die auf die besonders “heiklen und delikaten” Szenen hinwiesen.

Dass die Sensation mit dem Skandal besonders finanziell lohnenswert ist, beweisen Filme wie Basic Instinct oder auch die unvergessene Reihe der Schulmädchen-Reports, die zwischen 1970 und 1980 lief. Um finanziellen Erfolg ging es in Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt von Rosa von Praunheim nicht. Gegen die WDR-Ausstrahlung protestierten kurioserweise vor allem Homosexuellen-Verbände, weil sie im Anschluss Übergriffe auf Homosexuelle fürchteten. Zumindest einen Anstieg von empörten Anrufen konnte der Sender nach der Ausstrahlung tatsächlich verzeichnen.

Sex-Skandalfilme heute. Sowas gibt es?
Wer in der heutigen Zeit, in der alle Medien voll von Hochglanz-Porno sind, mit einem Thema wie Sex noch Skandale heraufbeschwören möchte, der muss sich schon etwas überlegen. Um Sex so darzustellen, dass damit nicht jeder einverstanden ist, gibt es ein Patentrezept: Mach ihn hässlich! Mit Intimacy ist dies auf eine sehr authentische Art gelungen. Patrice Chéreau zeigt Sex so, wie er ist, wenn der Körper nicht künstlich konturiert wird. Da sehen die Akteure nicht immer vorteilhaft aus. Da wird geschwitzt. Geredet wird in Intimacy allerdings nicht.

Nicht nur wegen der Sex-, sondern auch wegen der Gewaltszenen wurde Ken Park zum Skandalfilm. Es kam zu illegalen Aufführungen. Sex ist in Ken Park neben Gewalt und Drogen eine der drei Fluchtmöglichkeiten für die Jugendlichen aus ihrer bedrückenden Lebenswirklichkeit in der kalifornischen Kleinstadt Visalia. Explizite Szenen, die Geschlechtsverkehr, Masturbation und Ejakulation zeigen, sind die Konsequenz eines kompromisslos authentischen Plots, der selbst im 21. Jahrhundert noch skandalös aufgenommen wird. Weniger Sex, aber einen guten Eindruck vom Film gibt’s hier:

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