Robert Pattinson ist die Sensation im größten Mindfuck des Jahres

Der Leuchtturm
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Der Leuchtturm
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Junior Redakteur bei Moviepilot. Kann mit dem DCEU so einiges anfangen, aber noch mehr mit David Lynch. Meist im Kino oder beim Essen anzutreffen.

"Tauch ein in fremde Welten" lautete das Motto des Trailers zum diesjährigen Filmfest Hamburg, das vom 26. September 2019 bis zum 5. Oktober 2019 in der Hansestadt stattfand. Zu viel versprochen wurde damit nicht, denn in über 140 Filmen, die hier zu sehen waren, durften Zuschauer täglich eintauchen. Eintauchen in Welten, die ihnen womöglich fremd waren, aber auch in Welten, die unserer eigenen Welt ähnelten.

Auch ich war 2019 für Moviepilot beim Filmfest Hamburg zu Gast und habe mir über die knapp 1,5 Wochen hinweg 22 verschiedene Filme angeschaut und mit kurzen Twitter-Reaktionen kommentiert. Dabei sind neben der Vielfalt drei Filme ganz besonders für mich herausgestochen, die ich euch hier näher vorstelle.

Filmfest Hamburg 2019-Höhepunkt 1: Der Leuchtturm mit Robert Pattinson

Zwei Menschen müssen in Der Leuchtturm kurz vor Beginn des 20. Jahrhunderts mehrere Wochen an dem titelgebenden Schauplatz miteinander verbringen. Auf der einen Seite ist der erfahrene Leuchtturmwärter Thomas Wake, den Willem Dafoe als grummeligen Seebären mit Rauschebart, einer ausgeprägten Vorliebe für Schnaps und ausgeprägten Verdauungsstörungen verkörpert.

Auf der anderen Seite ist der jüngere, unerfahrenere Ephraim Winslow, der vom Holzfäller zum Leuchtturmwärter umschult. Obwohl beide gleichwertige Schichten arbeiten sollen, wird Ephraim von dem älteren Thomas die meiste Zeit wie ein Praktikant behandelt. Zum Leuchtsignal auf der Spitze des Turms will dieser den attraktiven Jüngling schon gar nicht lassen.

Die Trailer zum neuen Werk von The Witch-Regisseur Robert Eggers versprachen bereits verstörenden Wahnsinn, den der fertige Film über seine fast zwei Stunden Laufzeit in eindringlicher Intensität unaufhörlich liefert. Während die beiden Männer in heftigen Streitsituationen immer wieder aneinandergeraten, entpuppt sich vor allem die instabile Psyche von Ephraim, den Robert Pattinson sensationell verkörpert, als Garant für Bilder des surrealen Horrors.

Und tatsächlich bekommt man Bilder wie die aus Der Leuchtturm selten im Kino zu sehen. Für die Schwarz-Weiß-Aufnahmen im beklemmenden, quadratisch verengten Format nutzte Robert Eggers altes 35mm-Filmmaterial und spezielle Kameralinsen aus den 1930er Jahren. Dadurch wird das Drama zur ganz besonderen Erfahrung, die sich wirklich anfühlt wie ein Film aus einer anderen Zeit.

Zusammen mit bizarr-verstörenden Impressionen, in denen Möwen zur vermeintlichen Bedrohung und Meerjungfrauen zur Masturbationsfantasie werden sowie schleimige Tentakel ein Monstrum andeuten, liefern sich die beiden Protagonisten einen ausufernden Psychokrieg. Dabei ist nie klar, wer von beiden gerade wirklich den Verstand verliert oder womöglich schon lange im Herzen der Finsternis angekommen ist.

Am Ende von Der Leuchtturm ist es nicht das geheimnisvolle Licht in der Spitze des Gebäudes, sondern die bedrohlich stechenden Augen von Robert Pattinson, die aus diesem Film unvergesslich bleiben.

Filmfest Hamburg 2019-Höhepunkt 2: Der tunesische Mindfuck Tlamess

Als ebenso verstörender Mindfuck wie Der Leuchtturm entpuppte sich überraschenderweise die tunesisch-französische Produktion Tlamess. Dabei beginnt der Film von Ala Eddine Slim noch weitestgehend konventionell, wenn der Regisseur in der ersten Hälfte nichts anderes als die Flucht eines Mannes schildert.

Der Protagonist des Films ist der tunesische Soldat S., der aufgrund der Gewalttaten innerhalb seiner Armee zum Deserteur wird. Gut eine Stunde lang wird Tlamess dadurch zu einem Film der Bewegung und des Stillstandes, wenn dieser S. in Verstecken untertaucht und ausharrt, bis er plötzlich wieder vor der Polizei davonrennt.

Ruhige, konzentrierte Bilder sowie ein weitestgehender Verzicht auf Dialoge wechseln sich in dem beeindruckenden Werk mit langen Sequenzen ohne Schnitte ab. Ein verfrühter Höhepunkt ist eine gefühlt 10-minütige Plansequenz, in der die nackte, blutende Hauptfigur zu einem Progressive-Metal-Instrumental um ihr Leben läuft. Ein elektrisierendes Festival-Highlight.

Doch auch die zweite Hälfte von Tlamess, in der eine neue weibliche Hauptfigur eingeführt wird, ist nicht minder hypnotisierend und verwandelt den Film fortwährend in ein rätselhaftes Juwel. Plötzlich wird die Flucht des Einzelnen zur gemeinsamen Flucht aus der Zivilisation. Daneben stiften eine besondere wortlose Kommunikation, eine hoffnungsvolle Schwangerschaft, ein Cameo-Auftritt des Monolithen aus Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum und eine bizarre Riesenschlange mehr und mehr Verwirrung.

Immer gefährlich nahe am Rand zur puren Prätention wirft Tlamess deutlich mehr Fragen auf, als beantwortet werden. Am Ende überwiegt nichtsdestotrotz die Faszination gegenüber diesem außergewöhnlichen Werk, das aus dem Nichts kommt und nach dem Abspann noch lange im Kopf des Betrachters herumspukt.

Filmfest Hamburg 2019-Höhepunkt 3: Das herzzerreißende Spielfilmdebüt Babyteeth

Die größte Überraschung des diesjährigen Filmfest Hamburg war die herzzerreißende Tragikomödie Babyteeth. In ihrem unglaublich stilsicheren Spielfilmdebüt widmet sich die australische Schauspielerin und Regisseurin Shannon Murphy der Geschichte der todkranken Teenagerin Milla. Die lernt zu Beginn des Films den Drogendealer Moses kennen und verliebt sich nach und nach in dessen stürmische, unangepasste Art.

Auf dem Papier klingt Babyteeth wie jede beliebige US-Produktion, die in den vergangenen Jahren dem Subgenre der sogenannten "sick teen"-Filme angehörten. Der australische Film hebt sich durch bedeutende Details jedoch stark von sämtlichen Vertretern ähnlicher Art ab.

Dazu gehört, dass auf die tödliche Krankheit der Protagonistin selten explizit eingegangen wird und sich der Film nicht unnötig im Leid des jungen Mädchens suhlt. Stattdessen erzählt die Regisseurin in ihrem Film von den Auswirkungen, die die komplizierte Situation von Milla und Moses vor allem auf die Eltern der Jugendlichen hat.

Neben den Hauptdarstellern Eliza Scanlen und Toby Wallace tragen Ben Mendelsohn und Essie Davis in den Rollen von Millas Eltern mit ihren wunderbar vielschichtigen Schauspielleistungen dazu bei, dass die Tragikomödie nie in vorhersehbare Indie-Klischees abrutscht.

Babyteeth wird stattdessen zur Ansammlung ungemein fein ausgearbeiteter Charakterporträts von Menschen, die zwischen der Euphorie des Lebens und der Unausweichlichkeit des Todes auf einen Abgrund zusteuern. Viel wichtiger ist am Ende jedoch, dass sie diesen schweren Weg gemeinsam gehen.

Dabei beweist Shannon Murphy in ihrem Spielfilmdebüt ein beeindruckendes Gespür dafür, auf dem schmalen Grat zwischen Komik und Tragik balancieren zu können. Auch in Babyteeth finden sich jene Momente wieder, in denen besonders emotionale Szenen mit dem dazu passenden Song untermalt werden.

In den entscheidenden Augenblicken, wenn pure Menschlichkeit herrscht und der Film gemeinsam mit dem Zuschauer förmlich den Atem anhält, setzt die Musik aus und der Blick auf das Wesentliche ist frei.

Interessiert ihr euch für einen oder mehrere der vorgestellten Filme vom Filmfest Hamburg?

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