Happy Birthday

Provokateur Lars von Trier wird heute 55

Lars von Trier am Set von Dancer in the Dark (rechts Kameramann Robby Muller)
© Zentropa Entertainments
Lars von Trier am Set von Dancer in the Dark (rechts Kameramann Robby Muller)

Ob Breaking the Waves, Idioten oder zuletzt wieder Antichrist, die Filme von Lars von Trier polarisieren Kritiker und Publikum. Nicht zuletzt wegen seiner Darstellung von Frauenfiguren sorgt von Trier immer wieder für Diskussionen. Heute feiert der umstrittene Regisseur seinen 55. Geburtstag.

Mein erster richtiger Kontakt mit den Arbeiten des Dänen Lars von Trier war eher untypisch. Lange bin ich dem Filmemacher gegenüber sehr skeptisch gewesen. Diese verwackelten Handkamera-Dogma-Filme voller Provokationen wollte ich mir nicht ansehen. Dann wurde ich aber überzeugt, mir bei meinem Interesse für Horror und Mystery doch wenigstens mal die Serie Geister anzuschauen. Seitdem ich dann einige Abende mit der DVD-Box vor dem Fernseher verbracht hatte, war ich mir sicher: Diese Serie hat im Werk unseres heutigen Geburtstagskindes viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommen. Geister lässt sich vielleicht grob beschreiben als Twin Peaks im Königlichen Reichskrankenhaus von Kopenhagen mit Satanisten, Udo Kier und dem großartigen Ernst-Hugo Järegård.

Nach von Triers Vorlage schrieb und produzierte übrigens Stephen King seine eigene Serie hospital-der-geister, die aber nicht im entferntesten an die Skurrilität in der Charakterzeichnung von Geister heranreicht. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass Lars von Trier diese TV-Serie gedreht hat, um sich von seiner Krankenhaus-Phobie zu heilen. Wenn bei der filmischen Eigentherapie von Herrn von Trier immer so witzige Horror-Krankenhaus-Serien herausgekommen wären, könnten wir ihm glatt noch viel mehr Phobien wünschen.

Aber über Lars von Trier kann natürlich nicht geschrieben werden, ohne “Dogma 95” zu erwähnen. Schließlich begründet sich seine Berühmtheit als Arthouse-Regisseur vor allem auf diesem Manifest von 1995. Von Trier und die Regisseure Thomas Vinterberg (Das Fest), Kristian Levring und Søren Kragh-Jacobsen unterzeichneten das Dogma-Manifest, um Richtlinien für die Filmproduktion festzulegen, die sich stark auf die Ästhetik ihrer Arbeiten auswirkten. Sie wollten Filme ohne Effekte, nur mit Handkameras und natürlichem Licht sowie ohne Requisiten drehen. Ziel war es vor allem, das Kino wieder näher an die Wirklichkeit zu holen.

Als ersten nach den Dogma-Maßgaben hat Lars von Trier sein Film Idioten gedreht. Darin geben sich die Bewohner einer Kommune in der Öffentlichkeit als geistig Behinderte aus, um mit dem freien Ausleben von Aggressionen und Sexualität radikal zu provozieren. Diese Provokation ist von Trier auch bei seinem Publikum gelungen. Vor allem die dokumentarischen Bilder der sexuellen Orgien sorgten für Empörung. Idioten hatte seine Premiere 1998 in Cannes, wo er hauptsächlich schlechte Kritiken bekam. Tobias Kniebe schrieb damals in der Süddeutschen Zeitung, der Film sei in seinen besten Momenten “lustig, schockierend und entlarvend zugleich” und war damit einer der wenigen Journalisten, die auch positive Worte fanden.

Mittlerweile haben die Dogma-Begründer allerdings ihre eigenen Maßstäbe wieder aufgegeben. Auch der Provokateur Lars von Trier hat sich seit 2005 deutlich von den grobkörnigen Dokubildern entfern. Die stilisierten Farbfilter und extremen Zeitlupen in Antichrist zeigen in eine ganz andere visuelle Richtung.

Mit Melancholia ist Lars von Trier beim kommenden Filmfestival Cannes vertreten. Von dem, was wir im ersten Trailer sehen konnten, scheint sich der neueste Streich des Dänen ästhetisch an Antichrist anzulehnen. Charlotte Gainsbourg ist ebenfalls wieder mit dabei. Auch mit Stellan Skarsgård setzt von Trier auf einen Schauspieler, der an die Zusammenarbeit mit dem nicht ganz unkomplizierten Regisseur unter anderem schon aus Dogville und Dancer in the Dark gewöhnt sein dürfte.

Wir warten gespannt darauf, wie es bei Lars von Trier aussieht, wenn die Erde vom herabstürzenden Planeten Melancholia bedroht wird, und gratulieren dem Regisseur zu seinem 55. Geburtstag!

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