Polar ist selbst für einen Netflix-Film einfach nur erbärmlich

Mads Mikkelsen in Polar
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"I am what I am and I do what I can."

Letzten Freitag erschien auf Netflix Polar von Jonas Åkerlund neben anderen Neuveröffentlichungen der Woche und ich beschloss, ihn mir anzusehen. Und das, obwohl ich die für mich tatsächlich sehenswerten Netflix-Filme an einer Hand abzählen kann und auch die Bewertungs-Zahlen anderer Nutzer belegen, dass Netflix-Filmproduktionen nicht ohne Grund in dem Ruf stehen, meist vergessenswerte Durchschnittsware zu sein. Ich hatte also keine hohen Erwartungen an den Actionthriller mit Mads Mikkelsen.

Was ich dann aber letztendlich zu sehen bekam, hat mich weder enttäuscht noch den Film so schnell vergessen lassen: Denn Polar hat mich gewaltig verärgert. Wenn ihr den Streifen also mochtet oder noch sehen wollt, dann seid hiermit nicht nur vor Spoilern gewarnt, sondern auch davor, dass ich an dieser Stelle mal gehörig Dampf ablassen muss, um von der Palme wieder herunterzukommen, auf die mich dieser arktische Film gebracht hat.

Polar: Wenn eine Comic-Verfilmung zur Karikatur wird

Dass Polar die Verfilmung eines Webcomics bzw. einer Reihe Graphic Novels von Victor Santos ist, hielt ich bei der Ankündigung des Films noch für einen guten Ausgangspunkt, um eine spannende Geschichte über einen (fast) berenteten Auftragskiller im Noir-Gewand auf die Leinwand zu bringen, der selbst in die Schusslinie gerät. Moment: Auf die Leinwand? Das ist doch ein Netflix-Film! Aber nein: Der von Constantin Film (mit)produzierte Polar hatte ursprünglich in Deutschland ins Kino kommen sollen. Der Start wurde allerdings wieder gestrichen und der Vertrieb ganz zu Netflix verlegt. Das war ein erstes Anzeichen, das mich hätte stutzig machen müssen.

Der Trailer zu Polar ließ noch einige hoffnungsvolle Vergleiche zu John Wick ziehen. Doch von der groben Handlung des in seinen eigenen Kreisen gefürchteten Berufsmörders (sowie seines nach Kurzem schon wieder entsorgten Hundes) einmal abgesehen, liegen zwischen den zwei Filmen Welten. Ich verlange ja nicht mal, dass eine Profikiller-Erzählung das Rad neu erfinden oder gar mit Originalität auftrumpfen muss. Doch beim Wiederkäuen des bekannten Themas mit einer (fehlgeschlagenen) gewollten Coolness ist Polar dann eben trotz rauchender Revolver kein Schuss ins Schwarze, sondern ein gewaltiger Schuss in den Ofen.

Das Comic-hafte, was der Film wohl aus seiner Vorlage zu entlehnen versucht, ist einfach nur überzogen statt stilvoll. Die Humorversuche im Gemetzel zünden nicht, weil sie an den ungünstigsten Stellen eingestreut werden und weil Polar sich (anders als z.B. Smokin' Aces) trotz fehlgeleiteten Witzen die meiste Zeit zu ernst nimmt, was wiederum überhaupt nicht mit den überzeichneten Figuren zusammenpasst. So bleibt der Actionthriller eine krude Skizze dessen, was vielleicht ein ganz anständiges Gemälde hätte werden können.

Wandelnde Klischees im Visier: Netflix' Polar scheitert mit seinen Figuren

Polars Charaktere sind für mich ein wichtiger Schlüssel zur unterirdischen Qualität des Films. Ich empfinde die Frauenfiguren als Beleidigung meines Geschlechts, die so nur einem eindimensionalen sexistischen Machohirn entsprungen sein können: Denn die zu rettende Damsel-in-Distress (Vanessa Hudgens), die Möchtegern-Femme-Fatale (Katheryn Winnick), die harte und bald tote asiatische Gespielin des Chefs (Fei Ren) sowie, am schlimmsten, die stets angetörnte Sexbombe Sindy (als deutsche Unterbringung: Ruby O. Fee) - all diese weiblichen Figuren sind ausgelutschten Stereotypen von vorgestern, die in unserer heutigen Zeit wahrlich grenzwertig sind.

Darüber hinaus ist der blondierte Hauptgegenspieler (Matt Lucas), der den volltönenden deutschen Namen Blut trägt, als Bösewicht leider nur eine Lachnummer statt ein erstzunehmender Opponent. Javier Bardems Skyfall-Blondie Silva hätte sich im Grabe umgedreht. Ein Held wächst an seinen Gegnern, aber das, was Duncan Vizla (Mads Mikkelsen) hier entgegengesetzt wird, bietet ihm einfach nicht die Chance, über sich hinauszuwachsen - weder bei dem Profikiller-Team, was auf ihn angesetzt wird, noch bei seinem verweichlichten Endgegner samt Damokles-Schwert (Wie originell. Nicht.), der nur das Davonlaufen mit kleinen Trippelschritten beherrscht.

Dieser blutleere Mr. Blut lässt mit seiner kleinen Zange sogar drei Tage Folter langweilig aussehen und Duncans am Ende ausgestochenes Auge ist auch nur ein viel zu offenkundiger Versuch, dem "Black Kaiser" einen weiteren Coolness-Faktor zu verleihen, während er längst mit erschossenen Hunden und diversen im Vorbeigehen sexuell abgefertigten Damen die von mir abverlangte Helden-Sympathie überstrapaziert hat. Mads Mikkelsen kann einem nur leid tun, dass er in diesem von sich selbst so überzeugten Film gelandet ist. Dabei spricht schon die Besetzung des gleich zu Anfang ermordeten Johnny Knoxville Bände, welcher Jack- bzw. Badass-Film Polar gerne wäre.

Polar und der verkrampfte Versuch, lässig zu sein

Die eigene, um jeden Preis angestrebte Lässigkeit geht dabei in der Rechnung von Polar nur leider nicht auf: Der Film versucht so angestrengt cool sein will, dass es fast schon peinlich ist. Diese Oberflächlichkeit, bei der die Tiefe den Äußerlichkeiten untergeordnet wird, mag ihren Ursprung darin haben, dass Jonas Åkerlund bis vor Kurzem als Regisseur vor allem in der schillernden Welt der Musikvideos unterwegs war. In der Verlängerung bemüht er auch in Polar ein Sammelsurium anderswo geklauter äußerlich schöner Versatz-Elemente, die allerdings in ihrer Menge nur beweisen, dass sich echter Stil nicht durch die angehäufte Masse dessen erzwingen lässt, was früher einmal neu war:

Die eingestreuten Nahaufnahmen-Abfolgen von Handlungszusammenfassungen haben wir bei Edgar Wright und anderen schon deutlich geschickter eingesetzt gesehen. Die bunte Farbgebung soll wohl "hip" sein (war das Ziel Sin City in bunt?), ist aber einfach nur grausam für das menschliche Auge. Der umgekehrt laufende Abspann war bei Sieben vielleicht noch aufregend, wirkt hier am Schluss aber nur wie der (irrgläubige) Hinweis 'Seht, wie cool und andersartig ich doch bin!'. Ach ja: Und die 2000er wollen ihre Splitscreen-Übergänge, Ortseinblendungen und Gangster-Namen-im-Bild zurück.

Von der verherrlichten Gewalt einmal ganz abgesehen, hatte ich am Ende der viel zu langen zweiststündigen Stunden Laufzeit von Polar einen Punkt in meiner Genervtheit erreicht, wo mir der "Twist" des Films am Allerwertesten vorbeiging. Jonas Åkerlunds Film mag sich ja selbst für das Allergrößte halten. Ich tue es jedoch nicht. Und wenn der verkrampfte Versuch eines angedeuteten Auftraggeber-Hintermannes beim Familienmord, der als platter Mini-Cliffhanger eine Fortsetzung erzwingen soll, jemals Früchte trägt, dann braucht Netflix nicht mit meiner verärgerten Zuschauerschaft rechnen. Da wandere ich doch lieber mit John Wick 3 in die Wüste aus, als diesem falschen Polarstern zu folgen.

Mit welchen Gefühlen hat Netflix' Polar euch zurückgelassen?

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