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Das Frühwerk des Yasujirô Ozu, Teil 1

Ozus Gangsterfilme

12.03.2015 - 13:57 UhrVor 4 Jahren aktualisiert
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"Die Frau jener Nacht" (1930): Tokihiko Okada, Mitsuko Ichimura, Emiko Yakumo
© Shochiko Co., Ltd. / Kawakita Memorial Film Institute, Tokio
"Die Frau jener Nacht" (1930): Tokihiko Okada, Mitsuko Ichimura, Emiko Yakumo
Wenn ich auf die Frage meines Lieblingsregisseurs mit Yasujirô Ozu antworte, wird entweder mit den Schultern gezuckt oder im besten Falle gefragt, ob das der Typ mit den immer gleichen Familiengeschichten ist. Immerhin... Aber natürlich ist Ozus Werk vielfältiger. Insbesondere seine Stummfilmzeit zeichnete sich durch Studentenkomödien, Gangsterfilme oder Angestelltendramen aus. Aber auch schon zu dieser Zeit lag Ozus Fokus hauptsächlich bei den Armen und Schwachen. Oder wie im Falle seiner Gangsterfilme zumindest bei denen, die ihrer unglücklichen Lage entkommen wollen.

Yasujirô Ozu ist bekannt für seine Familiendramen: Er untersuchte in seinen großen, bekannten Filmen typischerweise Beziehungen zwischen beispielsweise Vater und Sohn (z.B. Es war einmal ein Vater), Vater und Tochter (z.B. Weizenherbst) oder auch zu Schwiegertöchtern (Die Reise nach Tokio). Dass manch einer dieser Filme anderen Werken Ozus ähnelt liegt auch nicht zuletzt an der Tatsache, dass er quasi auch Remakes seiner eigenen Filmen drehte, allerdings immer mit einem veränderten Blick. Lange bevor Ozu zu seinem Stil und zu seinen Themen fand, drehte der große japanische Meister (und mein persönlicher Lieblingsregisseur) aber auch eine nicht zu vernachlässigende Reihe an Genrefilmen. Darunter lassen sich Melodramen, Studentenkomödien, Angestelltendramen (Shomin-geki ) oder Gangsterfilme finden, die aber auch immer Ozus Gefühle und Sorgen in Bezug auf die in den 20er bzw. 30er Jahren gegenwärtige Situation in seiner Heimat widerspiegeln - insbesondere den mit Problemen ringenden Unterschichten. Es lassen sich Anspielungen auf die Wirtschaftskrise finden. Aber auch der Veränderungen innerhalb der japanischen Gesellschaft aufgrund in der elektrifizierten Moderne werden thematisiert.

Von diesen Genrefilmen, die größtenteils noch aus Ozus Stummfilmzeit stammen, möchte ich in einer kleinen Ozu-Reihe berichten. Den Anfang machen heute seine Gangsterfilme, die ich hier vorstellen werde. Drei Spielfilme und ein Kurzfilm...

A Straightforward Boy (1929)

Dieser 14 minütige Kurzfilm ist eigentlich mehr eine Gaunerkomödie. Ursprünglich war der Film länger (fast 40 Minuten insgesamt), doch im Mittelteil ist das Filmmaterial leider verloren gegangen. Die Geschichte ist einfach. Der Kleinkrimineller Bunkichi (Tatsuo Saito) kidnappt den jungen Tetsubo (Tomio Aoki), muss jedoch feststellen, diesen nicht unter Kontrolle zu bekommen. Da helfen auch Bestechungsversuche mit Geschenken oder Süßigkeiten wenig. So entwickelt sich eine leichte, unterhaltsame Komödie.

Die Darsteller sind bekannte Gesichter in Ozus Filmen. Tatsuo Saito und Takeshi Sakamoto spielten in einigen frühen Werken des Regisseurs. Auch der Junge Aoki gehört seit dem komplett verlorenen gegangenen Film The Life of an Office Worker zu den Stammdarstellern Ozus und spielte in solch unvergesslichen Stummfilmen wie Ich wurde geboren, aber... (und hier spielte Saito sogar seinen Vater), Eine Laune und An Inn in Tokyo - Eine Herberge in Tokio.

Schaut euch hier  A Straightforward Boy an.

Walk Cheerfully (1930)

Koyama Kenji (Minoru Takada) und seine Kumpane Senko (Hisao Yoshitani), Gunpei (Teruo Mori) sowie seine Freundin Chieko (Satoko Date) sind Kleinkriminelle. Kenji verliebt sich jedoch in die zurückhaltende Yasue (Hiroko Kawasaki). Für sie will er die Welt der Gangster hinter sich lassen. Chieko und Gunpei versuchen jedoch, ihn wieder in die Kriminalität zurück zu ziehen.

Trotz der Anwendung von amerimanischen Genrekonventionen und dem hohen Tempo, entwickelt sich ein fast klassisches Familiendrama, das die Sorgen des Regisseurs reflektiert. Dabei ist insbesondere der Einfluss eines seiner Lieblingsfilme, Josef von Sternbergs Unterwelt, stark zu spüren, beispielsweise im Spiel mit scharf abgegrenzten Spiel von Licht und Schatten. Interessant ist auch der Zusammenhang zwischen den an den Wänden aufgehangenen Postern amerikanischer Filme in Bezug auf die Handlung.

Walk Cheerfully kann man in voller Länge hier  sehen.

Die Frau jener Nacht (1930)

Der Künstler Shuji Hashizume (Tokihiko Okada) überfällt aus Verzweifelung eine Bank, da er die Behandlung seiner schwer erkrankten Tochter Michiko nicht mehr bezahlen kann. Doch der Überfall läuft schief und Shuji kann nur knapp vor der Polizei flüchten. Der Taxifahrer, der ihn nach Hause bringt, ist allerdings der verdeckt ermittelnde Polizeikommissar Kagawa (Togo Yamamoto).

Die spannende Mischung aus Thriller und Melodrama ist in Ozus Filmographie einzigartig. Der Film beginnt wie ein Hollywood-Thriller, aber die Emotionalität und die Konzentration auf familiäre und soziale Probleme sind bezeichnend für einen typischen Ozu-Film. Die Handlung verläuft fast ausschließlich in der Wohnung Shujis, weshalb der Film eine sehr klaustrophobische Atmosphäre verbreitet. Eher atypisch für einen Ozu sind jedoch drei Dinge, die Die Frau jener Nacht so einzigartig machen: Der Film enthält keinerlei Humor, die Geschichte entfaltet sich fast in Echtzeit und er spielt nahezu ausschließlich nachts. Normalerweise bevorzugt Ozu Tageslicht (mit Ausname von Woman of Tokyo und Tokyo Twilight). Auch der symbolische Einsatz von starken Lichtkontrasten ist erwähnenswürdig. Beispielsweise sind die strahlend weißen Handschuhe der Polizisten im Grunde der Gegenpol zu den schwarzen Fingerabdrücken des Verbrechers auf einer Glasscheibe.

Hauptdarsteller Okada drehte insgesamt fünf Filme mit Ozu. Außerdem ist er beispielsweise auch bei Kenji Mizoguchi zu sehen. Leider starb Okada mit 34 Jahren viel zu früh an Tuberkulose. Seine Tochter Mariko Okada spielte übrigens später in zwei Filmen von Yasujirō Ozu mit (Spätherbst und Ein Herbstnachmittag). In einer kleinen Nebenrolle in Die Frau jener Nacht ist übrigens als Polizist Ozus Lieblingsschauspieler Chishû Ryû zu sehen.

Die Frau jener Nacht könnt ihr euch hier  anschauen.

"Dragnet Girl": Kinuyo Tanaka

Dragnet Girl  (1933)

Ähnlich zu Walk Cheerfully allerdings mit einem düsteren Grundton ist dieser Film ein Melodrama im Yakuza-Umfeld. Die Hauptfigur ist dieses Mal gedoch eine Frau. Tokiko (wunderbar gespielt von Kinuyo Tanaka) ist die Freundin des Gangsterbosses Joji (Joji Oka), eines ehemaligen Boxchampions. Außerdem ist die lasterhafte und infame Tokiko als Sekretärin in einem Büro angestellt, eventuell mit der Absicht den Sohn des Bosses auszunehmen. Der Student Hiroshi (Hideo Mitsui) will seine Karriere vernachlässigen und möchte lieber Jojis Bande beitreten. Seine zurückhaltende und ehrenhafte Schwester Kazuko (Sumiko Mizukubo) bittet Joji, ihren Bruder aus den dunklen Geschäften herauszuhalten. Dabei verliebt sich Joji allerdings in Kazuko. Joji bleibt jedoch aufgrund von verzweifelten Zurückgewinnungsanstrengungen bei Tokiko, die alles andere als traditionell ist. Sie beschließen zusammen ihr unehrenhaftes Leben hinter sich zu lassen. Zuvor müssen sie jedoch einen letzten Auftrag ausführen, um Hiroshi und Kazuko zu helfen.

Kinuyo Tanaka überzeugt in Dragnet Girl auf ganzer Linie. Insbesondere ihre Diskussionsszenen mit Joji Oka und ihre sehr atypische Darstellung einer japanischen Frau sind erinnerungswürdig. Zuvor spielte sie bereits in einigen von Ozus frühen Stummfilmen mit wie I Graduated, But..., ist aber wohl eher für ihre zahlreichen Zusammenarbeiten mit Mizoguchi bekannt (wie beispielsweise Ugetsu oder Sansho Dayu). Später wurde sie sogar eine der ersten weiblichen Regisseurinnen des japanisches Kinos. Ihre erster Regiearbeit war Love Letter von 1953. Danach drehte sie noch fünf weitere Spielfilme. Und übrigens auch in Dragnet Girl (wie zuvor bereits in Die Frau jener Nacht) hat Chishû Ryû einen Gastauftritt als Polizist.

Den kompletten Film Dragnet Girl gibt es hier  zu sehen.

So anders und doch Ozu

Fast alle von Ozus Stummfilmen wurden nach ihrer Kinoaufführung so gut wie nie wieder gezeigt. Sie verstaubten zunächst in den Regalen bis zu ihrer Wiederentdeckung in den 1970ern; und einige Produktionen gingen dabei leider sogar vollkommen verloren. Für viele Filmkritiker war deshalb der Einfluss amerikanischer und deutscher Filme auf Ozus Arbeit kaum bekannt. Letzte lassen sich eher in seinen Angestelltendramen und sozialen Melodramen wie Tokyo Chorus ausmachen. Bei seinen Gangsterfilmen ist jedoch inbesondere der amerikanische Einfluss stark zu spüren. Teilweise ist nichts typisch Japanisches an diesen Filmen. Interessanterweise vermeidet Ozu allerdings auch bei diesen Werken die direkte Darstellung körperlicher Gewalt. In Dragnet Girl beispielsweise findet eine Schlägerei statt, die jedoch nicht direkt gezeigt wird. An anderer Stelle zeigt die Kamera lediglich die Beine während es außerhalb des Bildes zu einer Ohrfeige kommt. Nur wenn es für die Psychologie der Handlung ausschlaggebend ist, kann Ozu einen Schlag oder ein Schubsen dem Zuschauer nicht vorenthalten.

Ozu experimente Ende der 1920er bis Anfang der 1930er noch sehr viel mit seinem Stil. Erst später entwickelte er die für ihn so typische Kamera- und Schnitttechnik. Seine Gangsterfilme sind erheblich dynamischer. Die Kamera wurde sehr oft bewegt und der Schnitt machte die Filme um einiges rasanter. Ozu letzter Gangsterfilm Dragnet Girl muss auf das japanische Publikum sehr modern gewirkt haben: Die westliche Kleidung, die Gegenstände bis hin zu dem Boxhintergrund der männlichen Hauptfigur. Es ist schon fast ironisch, dass der bei vielen als der "japanischste" aller Regisseure geltende Ozu tatsächlich ein großer Fan des amerikanischen Filmes war und dies in der Anwendung von Genre-Konventionen und dem Spiel mit ihnen in seinen Gangsterfilmen auch offen zeigte. Seine visuellen Eigenheiten sind jedoch auch hier bereits vorhanden. Wie beispielsweise die Ozu-typischen, witzigen Ideen im Spiel mit deplaziert wirkenden Objekten und merkwürdigen Umplatzierungen dieser innerhalb der Bildkontinuität. Oder das Aufhängen von zwei Uhren nebeneinander. Oder die wie von Geisterhand herunterfallende Hüte...

Während seine Gangsterfilme vielleicht nicht die komplexesten oder anspruchsvollsten in Ozus bemerkenswerter Filmographie sind, so bieten sie jedoch einen interessanten Einblick in seine frühen Hollywood-Einflüsse. Und man kann die Anfänge einer Karriere bewundern, die Ozu zu einem Meister seines Faches werden liess. Insbesondere Die Frau jener Nacht und Dragnet Girl kann ich persönlich wirklich nur wärmstens empfehlen!


War dieser Artikel interessant? Oder kennen bereits einige Moviepiloten Ozus frühe Filme? Und ist eine Fortsetzung dieser Reihe um Ozus frühe Stummfilme gewünscht? Bitte laßt es mich wissen!

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