Mein Herz für Serie

Oz - Eine (fast) vergessene Knastserie voller Qualität

Oz - Hölle hinter Gittern
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Dass es bisher auf moviepilot keinen einzigen größeren Artikel über Oz - Hölle hinter Gittern gab, ist geradezu sinnbildlich für die HBO-Produktion, die wohl zu den unterschätztesten Serien der letzten 20 Jahre gehört. Auch ich hatte zwar immer mal wieder von ihr gehört, schenkte ihr aber in Anbetracht meiner endlos langen Muss-ich-noch-schauen-Liste eigentlich keine größere Beachtung. Bis ich Oz im Sommer dieses Jahres dann doch eine Chance gab und kaum fassen konnte, dass diese Serie so lange unter meinem Radar lief. Wie konnte mir diese Perle für so viele Jahre entgehen? Und wie konnte Oz überhaupt irgendjemandem bisher entgangen sein?

Es war einmal bei HBO ...

Oz - Hölle hinter Gittern von Schöpfer Tom Fontana lief von 1997 bis 2003 im US-amerikanischen Fernsehen und damit lange vor dem Serien-Hype, der vor ein paar Jahren durch Breaking Bad, Mad Men & Co. ausgelöst wurde. Und es ist sicher nicht weit hergeholt, dass Oz als einer der geistigen Vorläufer der heutigen Qualitätsserien den Weg für viele dieser Produktionen geebnet hat. Und den Vergleich mit diesen muss Oz schon gar nicht scheuen. Dass die Serie hierzulande kaum Aufmerksamkeit bekam, ist wohl auch zum großen Teil der verspäteten Erstausstrahlung geschuldet, die erst 2014 (!) bei Sky Atlantic stattfand. Dabei gibt es durchaus Parallelen zwischen Oz und der weitaus populäreren Serie Game of Thrones, die sich nicht nur auf den produzierenden Sender HBO beschränken.

Natürlich steht den Produzenten von Game of Thrones wesentlich mehr Budget zur Verfügung, als es bei den Machern von Oz jemals der Fall war. Und auch das Genre ist ein komplett anderes. Darüber hinaus bieten beide Serien jedoch eine ähnlich massive Anzahl von verschiedensten Charakteren, deren Interagieren zu zahlreichen Konflikten innerhalb der Handlung führt. Wie beim erfolgreichen Fantasy-Epos wird in Oz geliebt, gehasst, betrogen, gelogen, intrigiert und gemordet, was die Drehbuchseiten hergeben. Im Gegensatz zu Game of Thrones findet das Ganze jedoch nicht in sieben Königreichen, sondern lediglich in einem Hochsicherheitsgefängnis (und der Großteil auch nur in einem Zellenblock) statt. Eine Tatsache, die Oz zu etwas Außergewöhnlichem macht.

Willkommen in Oz

Tom Fontana präsentiert einen eigenen Mikrokosmos, dem sich der Zuschauer nur schwer entziehen kann. In einem unglaublichen Tempo werden mehrere Insassen der Oswald Maximum Security Penitentiary (kurz: Oz) vorgestellt. Jedoch rückt die Serie den experimentellen Zellenblock namens Emerald City in den Fokus. Hier haben die Gefangenen mehr Möglichkeiten zur individuellen Entfaltung (dank Computern, Fernsehern oder Freizeitaktivitäten), werden aber auch stärker beobachtet. Was die Resozialisierung der einzelnen Insassen eigentlich beschleunigen soll, führt allerdings mehrfach zu gewalttätigen Auseinandersetzungen physischer wie psychischer Natur und dadurch zu einer Dynamik zwischen den Charakteren, die oftmals unerträglich spannend ist.

Doch nicht nur die ethnische, politische oder religiöse Zugehörigkeit der Figuren sorgt für jede Menge Konfliktpotenzial, sondern vor allem die einzelnen Charakterzüge. Da wären zum Beispiel der Muslim Kareem Saïd (Eamonn Walker), der Pazifismus und Enthaltsamkeit predigt, dabei jedoch stark von seinen eigenen Emotionen belastet wird. Oder der Ire Ryan O'Reily (Dean Winters), der zwar höchst manipulativ, rücksichtslos und egoistisch ist, dafür aber das Wohl seines Bruders Cyril (Scott William Winters) über sein eigenes stellt (womit er Parallelen zu Cersei Lannister in Game of Thrones aufweist).

Unter all diesen Charakteren, die oft Abscheu und Faszination gleichzeitig auslösen, stellt Augustus Hill (Harold Perrineau) gewissermaßen die Konstante in einer Welt voller Chaos dar. Dessen neutral-sympathischer Status im Oz-Gefängnis wird beim Zuschauer noch dadurch verstärkt, dass er als Erzähler fungiert, der die "Vierte Wand" durchbricht. Augustus kommentiert dabei weniger die eigentliche Handlung, sondern stößt philosophische Diskurse an, die Themen wie Liebe, Familie, Religion, Sex und Rassismus beinhalten oder auch das Justizsystem der USA (inklusive Todesstrafe) in Frage stellen.

Gesangseinlagen hinter Gittern

Dass Oz dennoch nicht zu einer bedeutungsschwangeren Moralgeschichte verkommen ist, ist unter anderem der kurzweiligen, cleveren Erzählung und abwechslungsreichen (manchmal auch etwas holprigen) Inszenierung zu verdanken. Zu Letzterem sei als Beispiel die Episode Variety in Staffel 5 zu nennen, die Augustus' Kommentarsequenzen durch Musical-Nummern ersetzt und als Highlight eine surreale Cover-Version von Barry Manilows The Last Duet durch die Gefangenen Tobias Beecher (Lee Tergesen) und Vernon Schillinger (J.K. Simmons) präsentiert, die perfekt deren von Hass und Abhängigkeit geprägtes Verhältnis zueinander beschreibt. Hier könnt ihr das Duett sehen:


Beide Schauspieler führen zudem in der Serie eine exzellente Riege von Darstellern an, zu denen u. a. Adewale Akinnuoye-Agbaje, Christopher Meloni und Ernie Hudson gehören. Allein Lee Tergesen darf als Tobias Beecher im Laufe der Serie jede erdenkliche Emotion einmal abdecken und liefert dabei eine überragende Vorstellung ab, was im Nachhinein die Frage aufwirft, weshalb er nicht eine ähnlich erfolgreiche Kino-Karriere wie J.K. Simmons hinlegte. Selbiges gilt für die nicht weniger überzeugenden Dean Winters und Michael Wright.

Achtung, hier folgen leichte Spoiler: Wie jede Serie hat natürlich auch Oz ihre Schwächen. So gibt es ein paar unglaubwürdige Charakterentwicklungen, wie beispielsweise die von Clayton Hughes (Seth Gilliam), der vom feigen Wärter zum fanatischen Insassen mutiert. Aber auch die Liebe zwischen Ryan O'Reily und Dr. Nathan (Lauren Vélez) wirkt etwas an den Haaren herbeigezogen. Zudem streifen manche Drehbucheinfälle (z. B. die Alterspille oder Bob Rebadows Lottogewinn) die Grenze zum Lächerlichen, was den Gesamteindruck am Ende aber nicht schmälern kann. Spoiler Ende.

Hier bin ich Mensch, doch darf's nicht sein

Oz ist einfach zu mitreißend und bewegend, um nicht gemocht zu werden. Tom Fontana zeichnet eine brutale Welt, deren Protagonisten weder zu Monstern deklariert noch als Helden glorifiziert werden, sich aber zwangsläufig ihrer Umgebung anpassen müssen. Eine Welt, in der Menschlichkeit als Schwäche ausgelegt wird und den Tod bedeuten kann. Eine Welt, in der auch Direktoren, Geistliche und Wärter ihre inneren Dämonen haben. Trotzdem findet Fontana in dieser Welt Platz für berührende Momente, wie etwa in Staffel 2, wenn fast alle Insassen (selbst die Sadisten und Mörder) Geld für Bob Rebadows (George Morfogen) krebskranken Enkel spenden.

Dem dramatischen Effekt ist es natürlich geschuldet, dass der Realismusanspruch in Oz relativ niedrig ist, auch wenn ich selbst nie in einem Gefängnis saß, um das mit Sicherheit zu wissen. Derart viele Tote wie in der Serie würden jedoch für jede Strafvollzugsanstalt vermutlich ein schnelles Ende bedeuten. Nichtsdestotrotz ist Oz eine großartige Serie, die ich nur jedem ans Herz legen kann. Und um mit einer Game of Thrones-Gemeinsamkeit abzuschließen: Seht mal, wer hier in einer Szene aus Staffel 4 vom Dach geworfen wird.


Habt ihr schon einmal bei Oz - Hölle hinter Gittern reingeschaut?

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