Netflix' The Irishman präsentiert die beste Figur des Filmjahres

Joe Pesci, Robert De Niro und Al Pacino in The Irishman
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Meint es gut mit den Menschen.

Warum er ständig nur von Männern erzähle, wurde Martin Scorsese auf einer Pressekonferenz zu The Irishman gefragt. Der 77-jährige Oscarpreisträger wies den Vorwurf, Frauen spielten in seinen Filmen eine untergeordnete oder sogar überhaupt keine Rolle, zurück. Immer wieder höre er diese Kritik, obwohl sie "nicht einmal fundiert" sei (via The Hollywood Reporter).

Tatsächlich liegt der Fokus zahlreicher Scorsese-Arbeiten auf männlichen Protagonisten. Zu tun hat das mit seiner offensichtlichen Vorliebe für bestimmte Milieus ebenso wie mit der schlichten Voraussetzung, dass Geschichten über Mafiosi, Boxer oder Jesus Christus von Natur aus in eine Richtung tendieren.

Möglicherweise kann Martin Scorsese gut mit Männern. Und möglicherweise hat er deshalb viele aufschlussreiche Filme über sie gedreht.

Das "Frauenproblem" von Martin Scorsese

Seit jeher bringt der Scorsese-Kanon allerdings auch hochinteressante Frauenfiguren hervor, gespielt etwa von Jodie Foster in Taxi Driver (1976), von Liza Minnelli in New York, New York (1977) oder von Michelle Pfeiffer und Winona Ryder in Zeit der Unschuld (1993). Für Alice lebt hier nicht mehr (1974) gewann Ellen Burstyn einen Oscar, genau wie später Cate Blanchett für Aviator (2004).

Nun soll The Irishman, der auf Netflix veröffentlichte neue Film von Martin Scorsese, das vorgebliche Problem abermals aufzeigen. Stein des Anstoßes ist Anna Paquin, ihrerseits Oscarpreisträgerin und Darstellerin der einzigen größeren Frauenrolle im dreieinhalb Stunden langen Film. Peggy, so der Name ihres Charakters, sei lediglich 10 Minuten zu sehen – und spreche gerade einmal 6 Worte, wie Variety berichtet.

Ich kann nicht sagen, ob diese Zeit- und Mengenangaben zutreffend sind, da ich den Film weder mit einer Stoppuhr gesehen noch seine Dialoge gezählt habe. Es erschiene mir auch sinnlos, Repräsentationsfragen im Kino durch strichlistenartige Erfassung von Frauen und Minderheiten zu klären, statt die spezifische Ästhetik eines Werks zu beurteilen. Denn Filme können am Bechdel-Test scheitern und trotzdem feministische Meisterwerke sein.

The Irishman und die Bedingungen eines Milieus

Als Mafiaepos, das The Irishman zumindest dem Anschein nach ist, erzählt der Film von einer Welt, die Frauen einzig an der Peripherie duldet. Sie führen Ehen, die sie nicht aufkündigen dürfen, und organisieren den ihnen zugeteilten häuslichen Bereich. Schon in GoodFellas (1990) und Casino (1995) zeigte Martin Scorsese, dass die Frauen einer solchen Welt dauerhaft Misogynie ausgesetzt sind.

Daher bilden Figuren wie Peggy, die Tochter des von Robert De Niro gespielten Auftragsmörders Frank Sheeran, nicht einfach nur Kontrapunkte. Sie haben keine Funktion in dem Sinne, dass sie Männer vervollständigen oder ihnen Hoffnung verleihen müssen, sondern lassen gerade als randständige Figuren die lebensfeindlichen Bedingungen des Milieus begreifbar werden.

So verdeutlicht erst Peggys über Blickverhältnisse und schließlich räumliche Distanz ersichtliche Resignation, welche Tragweite die Machenschaften ihres Vaters haben. Dass ein Mord nicht gewöhnlich ist und auch niemals gewöhnlich sein darf, findet in der ästhetischen Logik des Mafiafilms oftmals überhaupt nur Ausdruck durch Frauen, die sich dem Kräfteparadigma der Männer entziehen.

Entscheidende (Augen-)Blicke in The Irishman

Um das eindrücklich darzustellen, genügen hier zwei Schlüsselszenen. In der ersten verprügelt Frank Sheeran einen Lebensmittelhändler, der seine Tochter geschubst haben soll. Scorsese schneidet während des aus einer Totalen gefilmten Angriffs auf eine Nahaufnahme von Peggys entsetztem Gesicht, das doppelte Abscheu zu zeigen scheint – gegenüber der Gewalt des Vaters, aber auch dessen Markierung der Tochter als Eigentum.

Achtung: Spoiler zu The Irishman!

In der zweiten Schlüsselszene, der tollsten des ganzen Films, erkennt Peggy mittels kurzer Nachfrage, dass Frank für das Verschwinden des ihr nahe stehenden Gewerkschaftsführers Jimmy Hoffa (Al Pacino) verantwortlich ist. Die freilich unausgesprochene väterliche Schuld lässt sie um Fassung ringen. Es ist ein bewegender Moment, dessen Wirkung kein Dialog annähernd erzielen könnte.

Zur aktiven Figur wird Peggy aber nicht erst in jenem letzten Abschnitt, der bestimmt ist von ihrem folgenschweren Bruch mit Frank. Als junges Mädchen (dann gespielt von Lucy Gallina) registrierte sie bereits die konspirativen Tätigkeiten ihres Vaters – und suchte, ob am gemeinsamen Küchentisch oder bei Familienausflügen in der Bowlingbahn, den größtmöglichen Abstand zu ihnen.

Vielleicht hinterlassen Anna Paquin in The Irishman, Sharon Stone in Casino oder Lorraine Bracco in GoodFellas einen so bleibenden Eindruck, weil sie das Verhalten der Männer als den virilen Popanz überführen, der er ist. Wenn ich jedenfalls an den neuen Film von Martin Scorsese denke, denke ich nicht an männliche Gangsterposen. Ich denke an Blicke des Schmerzes, des Befremdens und der Verachtung.

Die neue Podcast-Folge zu The Irishman ist da

  • Andrea, Esther und Jenny stellen sich in der 7. Folge Streamgestöber die Frage, wo The Irishman auf der Scorsese-Skala von Mafia-Meisterwerk bis ultralangweilig einzuordnen ist und kommen zu einem erstaunlichen Fazit: Gerade die Unterschiede zu klassischen Mafia- und Gangstergeschichten zeichnen das Netflix-Epos aus. Bei 00:06:38 geht es mit The Irishman los.

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