Schäm dich, Netflix: Serien wie Dahmer verletzen auch Jahre nach den Mordfällen noch echte Opfer

Dahmer – Monster: Die Geschichte von Jeffrey DahmerNetflix
21.10.2022 - 15:55 UhrVor 2 Monaten aktualisiert
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Die Netflix-Serie Dahmer ist weiterhin wahnsinnig erfolgreich, wird zugleich aber auch hart kritisiert. Denn: True-Crime-Serien sind zwar spannend, haben aber ein riesengroßes Problem.

Monster: Die Geschichte von Jeffrey Dahmer läuft seit Ende September bei Netflix und die 10-teilige Serie entwickelte sich innerhalb weniger Tage zur zweiterfolgreichsten englischsprachigen Serien in der Netflix-Geschichte. Überraschend war das nicht, schließlich hat der Netflix-Algorithmus hier ganze Arbeit geleistet: True Crime, Serienkiller, Kannibalismus, Nekrophilie, dazu der Star-Produzent Ryan Murphy als Gestalter im Hintergrund und der charismatische Evan Peters in der Titelrolle des bekannten Serienmörders.

Doch Dahmer wurde nicht nur begeistert weggebingt, die Serie sorgte auch für heftige Kritik. Mittlerweile gibt es sogar Petitionen , die Netflix dazu auffordern, alle Gewinne aus dem Projekt an die Familien der Opfer des Serienkillers zu spenden. Aber woher kommt die Aufregung um Dahmer? Was genau wird an der Serie kritisiert?

Wir beschreiben in diesem Artikel:

  • Warum der Fall Jeffrey Dahmer schon vor der Netflix-Serie popkulturell schwierig war
  • Was Opfer und Angehörige an Dahmer kritisieren
  • Wie Dahmer die grundsätzlichen Probleme des True-Crime-Genres verdeutlicht

Mit dem Fall Jeffrey Dahmer wird seit über 30 Jahren Geld verdient

Der Fall Dahmer unterscheidet sich von anderen bekannten Serienmördern wie dem Zodiac-Killer oder Ted Bundy, deren Taten Medien und Polizei jahrelang unmittelbar begleiteten. Denn Jeffrey Dahmer ermordete zwischen 1978 und 1991 zwar insgesamt 17 Männer, die er außerdem vergewaltigte und teilweise aß. Die Taten wurden vor seiner Verhaftung allerdings nie als zusammenhängende Serie identifiziert.

Einer der Gründe: Dahmer suchte seine Opfer ganz bewusst unter den sozial schwächer Gestellten, in primär afroamerikanischen Vierteln und Schwulenbars. Über verschwundene People of Color berichten US-Medien weniger  als etwa über eine weiße Frau aus einer wohlhabenden Gegend. Obwohl Dahmer nicht gerade vorsichtig vorging, konnte er also relativ ungestört morden. Die mangelnde Aufmerksamkeit und Ermittlungsfehler  verzögerten die Aufklärung und ermöglichten so wohl weitere Morde.

Avengers-Star Jeremy Renner spielte bereits 2002 Jeffrey Dahmer:

Dahmer - Trailer (English)
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Als Dahmer 1991 schließlich gefasst und das volle Ausmaß seiner Taten bekannt wurde, stürzte sich die Presse dann doch auf den Fall. Wohl auch, weil wenige Monate zuvor Das Schweigen der Lämmer in den Kinos gestartet war, ein Film über einen kannibalistischen Serienkiller. Für die 17 Opfer (ein Großteil davon schwarz und homosexuell) interessierte sich die Öffentlichkeit also erst, als sie aus den Schocktaten Profit schlagen konnte.

Hunderte Reporter:innen sollen sich während des Prozesses gleichzeitig in der Dahmer-Stadt Milwaukee aufgehalten haben. Anschließend brach sich die Dahmer-Faszination in etlichen Büchern und Filmen Bahn. Die Faszination mit dem Serienmörder gipfelte stellenweise fast in einer Art Heldenverehrung. Für die Opfer und die Angehörigen der Opfer von Jeffrey Dahmer ist das natürlich unerträglich. Egal ob in den 1990ern oder ganz aktuell durch die Netflix-Serie.

Opfer und Angehörige sind wütend auf Netflix – zu Recht

Monster: Die Geschichte von Jeffrey Dahmer versucht ganz bewusst, die Schicksale der Opfer und ihrer Angehörigen in den Vordergrund zu stellen. Ein im ersten Schritt natürlich guter Ansatz. Allerdings wurden die Betroffenen nicht gefragt, ob sie diese Bühne überhaupt wollen. Nicht einmal die noch lebenden Personen, die in der Serie eine größere Rolle spielen.

Rita Isbell beispielsweise, die Schwester des von Dahmer strangulierten Errol Lindsey, soll nichts davon gewusst haben, dass sie in der Serie vorkommt und von der Schauspielerin DaShawn Barnes verkörpert wird. Rita Isbells Cousin Eric Parry wandte sich als erster Angehöriger kritisch an die Öffentlichkeit. Seine Familie sei wütend, da sie weder kontaktiert, noch in irgendeiner Form entschädigt worden seien. Die Serie sei retraumatisierend, so Perry, und ergänzte in einem Tweet :

Nachzustellen, wie meine Cousine einen Nervenzusammenbruch vor Gericht hat, im Angesicht des Mannes der ihren Bruder gefoltert und ermordet hat, ist wild.

Rita Isbell selbst äußerte in einem später veröffentlichten Essay:"Es [die Serie] brachte alle Emotionen zurück, die ich damals gefühlt habe." Isbell durchlebte ihr Leid quasi erneut und macht dafür ganz klar Netflix verantwortlich. Der Streaming-Dienst profitiere von ihrem und dem Leid anderer:

Netflix hätte fragen sollen, ob wir Einwände [bei der Darstellung bestimmter Ereignisse] haben oder wie wir allgemein zur Umsetzung der Geschichte stehen. Sie haben mich nicht gefragt. Sie haben es einfach getan.
Wenn die Serie [den Opfern] in irgendeiner Weise helfen würde, würde sich das alles nicht so hart und achtlos anfühlen. Es ist traurig, dass [Netflix] mit dieser Tragödie nur Geld verdienen will. Das ist einfach nur Gier.
Auch Shirley Hughes, Mutter des Dahmer-Opfers Tony Hughes, kritisierte das Vorgehen von Netflix .
Ich verstehe nicht, wie sie das tun können. Ich verstehe nicht, wie sie unsere Namen verwenden können und dieses Zeug veröffentlichen können.

In allen Statements drückt sich Unverständnis über eine Nachstellung realer, traumatischer Ereignisse aus, die beteiligte Personen in deren Inszenierung nicht miteinbezieht. Netflix adaptierte die Dahmer-Mordfälle im Grunde wie eine fiktive Geschichte. Es profitierte vom Reiz des Echten, wollte sich aber nicht mit der emotionalen Last auseinanderzusetzen, die das True-Crime-Genre zwangsläufig mit sich bringt.

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Netflix selbst äußerte sich nicht zu den Vorwürfen. Der "LGBTQ"-Tag , mit dem die Serie zu Beginn versehen war, wurde nach öffentlicher Kritik allerdings kommentarlos entfernt.

Juristisch hat Netflix nichts falsch gemacht, das Einverständnis der Betroffenen war nie notwendig. Die Verantwortlichen der Serie hatten ohnehin Zugriff auf die größtenteils öffentlich zugänglichen Gerichts- und Polizeidokumente. Ein moralisch fragwürdiges Vorgehen ist das trotzdem, für das die Dahmer-Serie vielleicht das aktuell größte, aber nicht einzige Beispiel ist.

Warum Dahmer stellvertretend für ein generelles Problem mit dem True-Crime-Genre steht

True Crime wird mehr und mehr zum Geschäft, sei es in Podcasts, Filmen oder Serienproduktionen großer Streaming-Anbieter. Die Kontroversen folgen oft auf dem Fuß. Auch eines von Netflix' anderen großen Serienmörder-Projekten, Ted Bundy: Selbstporträt eines Serienmörders von 2019, erntete heftige Kritik. Dem Mann, der mehrere Frauen brutal vergewaltigte und umbrachte, wurde durch alte Aufnahmen Raum gegeben, quasi seine eigene Geschichte zu erzählen . Eine kritische Einordnung fehlte oft, stattdessen wurde Bundy stellenweise als charismatisches, attraktives Genie stilisiert.

Aufregung gab es dieses Jahr auch um die Serie Pam & Tommy bei Hulu, die die Geschichte des Sextapes von Pamela Anderson und Tommy Lee erzählt. Allerdings nicht als Dokuserie, sondern fiktionalisierte Erzählung, ähnlich wie Dahmer.

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Das Sextape wurde in den 90er Jahren gegen den Willen des Paares veröffentlicht. Pamela Anderson wurde anschließend von der Öffentlichkeit auseinandergenommen und der Lächerlichkeit preisgegeben. Ein auf mehreren Ebenen traumatisierender Vorfall, den die Serie direkt wiederholte, denn: Anderson hatte explizit nicht ihr Einverständnis für die Serie gegeben. Pam & Tommy konnte nur produziert werden, weil der Streaming-Dienst die Rechte an einem Artikel über den Skandal kaufte .

Das Publikumsinteresse an "echten" Kriminalfällen ist so riesig, dass Produktionsfirmen, Streaming-Dienste und Sender also allem Anschein nach bereit sind, selbst offensichtliche moralische Bedenken über Bord zu werfen, um mit wahren, schockierenden, unfassbaren Geschichten die nächste große Publikumswelle  anzuziehen. Vielleicht kann Netflix' Dahmer-Serie hier zumindest einen guten Zweck erfüllen: Endgültig zeigen, wie zynisch das Geschäft mit True Crime geworden ist.

Wie steht ihr zu der Kontroverse um Dahmer?

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