Electroma von Daft Punk

Mit Daft Punk ins Kino der 70er

Electroma
© Alternative Distribution Alliance
Electroma

Morgen läuft der heißerwartete Tron Legacy an und kaum ein Kritiker konnte bislang umhin, vor allem auch den von Daft Punk beigesteuerten Soundtrack zu loben (im übrigen an dieser Stelle auch ich nicht), der gleichermaßen orchestralen Score wie Tangerine-Dream-artige Soundscapes meistert. Für Daft Punk war das freilich nicht der erste Flirt mit dem Filmbiz: Bereits 2003 entstand der Retro-Anime Daft Punk – Interstella 5555, über den Daft Punk ihr Album Discovery legten. Daft Punk – Interstella 5555 war noch bei Kazuhisa Takenouchi in Auftrag gegeben worden, für den 2006 entstandenen Electroma setzten sich Guy-Manuel de Homem-Christo und Thomas Bangalter, die beiden Masterminds hinter den Robothelmen von Daft Punk, selbst auf den Regiestuhl.

Ein Ausflug ins Kino der 70er

War Daft Punk – Interstella 5555 noch einigermaßen zugänglich und von der Ekstase des Discovery-Albums geprägt, ist Electroma ungleich rätselhafter: Zwei Roboter im Daft-Punk-Style fahren in einem schwarzen Ferrari 412 (Wikipedia) durch die amerikanische Wüste. Wie fast alle guten Roboter der Filmgeschichte wollen auch sie Menschen werden. In einem geheimnisvollen, strahlend weiß gehaltenen Labor unterziehen sie sich einer Operation. Mit fratzenhaft künstlichen Menschenmasken kehren sie zurück in die Robot-Society, werden von der Bevölkerung aber verjagt. Als die Masken unter der Hitze der Sonne zu schmelzen beginnen, ziehen sich beide Roboter in die Ödnis der Wüste zurück …

Während des ganzen Films fällt kein einziges Wort – auch keine Musik von Daft Punk selbst ist zu hören: Statt dessen läuft Musik von Brian Eno, Haydn, Curtis Mayfield und anderen Musikern vornehmlich aus den 70ern, deren Musik sich nicht ohne weiteres in die Welt von Daft Punk zu integrieren scheint. Statt auf eine frickelig hektische Montage setzen Daft Punk hier auf lange, klar komponierte Einstellungen – alles ist dabei dem Stil- und Kunstwillen der beiden Musiker unterworfen.

Als Folie dient das Kino der 70er: Die schweigsame Fahrt durch die Wüste erinnert ein wenig an das New-Hollywood-Meisterwerk Two Lane Blacktop – Asphaltrennen von Monte Hellman, die weiß gehaltene Laborsequenz an THX 1138 von George Lucas. Auch das bewusst reduzierte Erzähltempo, das Gottvertrauen auf die Erzählkraft des dialoglosen Bildes passen eher zum experimentierfreudige Kino der 70er (oder zu den sperrigeren Filmen von Gus van Sant wie Gerry, Elephant oder Last Days oder zu Brown Bunny von Vincent Gallo).

Ein meditativer Science-Fiction-Trip

Und dennoch passt dieser meditative Science-Fiction-Trip in Midnite-Movie-Manier hervorragend in das Oeuvre von Daft Punk, für deren Klangwelten die 70er Jahre schon immer so etwas wie einen retro-utopischen Fluchtpunkt darstellen. In Homework, ihrem ersten Album, findet sich im CD-Booklet das nostalgisch verbrämte Bild eines typischen 70er Jahre Jugendzimmer-Schreibtischs – ein Wimmelbild der Popkultur zwischen Plastikstift, Konzertkarten und Aufnähern. Legendär sind die zahlreichen Samples aus 70s Disco- und Soulklassikern, die Daft Punk als tragende Architektur ihrer Hits dienen. Nicht viel anders verhält es sich in Electroma, wo Daft Punk sich mit zärtlicher Geste aus Versatzstücken des eher psychedelischen Kinos der 70er den Traum vom eigenen Kunstfilm schaffen (dass das Dancefloor-Kunstprojekt The KLF mit dem völlig in Vergessenheit geratenen The White Room 1989 ganz ähnliches im Sinn hatte, sei an dieser Stelle auch nicht unerwähnt).

Natürlich, den Sehgewohnheiten der meisten Menschen dürfte dieses stumme, traurige Robotermärchen kaum entgegen kommen. Wer aber sperrige Filme liebt, auf New-Hollywood-Science-Fiction steht oder einfach nur gerne mit viel ästhetischem Wohlgefallen durch einen Film lustwandelt, wird an Electroma sicher viel Freude haben: Es gilt eine kleine Perle zu entdecken!

Ein schickes DVD-Set

In Deutschland ist Electroma bislang leider nicht auf DVD erschienen – auch hier muss man wieder zum Eigenimport greifen. Wer keine Kreditkarte sein eigen nennt, muss das relativ teuer über das deutsche Amazon machen, alle anderen importieren selbst über das britische Amazon oder über play.com und sparen einige Euro. Der Kauf lohnt auch deshalb, weil die britische DVD mit einem enorm schicken Buch als Bonus kommt, in dem die schönsten Stills des Films wie in einem Bildband aus dem Coffeetable-Segment gesammelt sind – ein echtes Schmuckstück für das DVD-Regal, das den kunst- und galerieartigen Charakter des Projekts passend flankiert. Dass man dafür auf weitere Bonusmaterialien verzichten muss, passt schlussendlich auch zu der verschlossenen Haltung, die Daft Punk an den Tag legen: Ein Making-Of, in dem Guy-Manuel de Homem-Christo und Thomas Bangalter die Helme abnehmen, über die Dreharbeiten schwatzen und dabei betonen, was für eine gute Zeit dabei doch alle hatten, lässt sich schwerlich vorstellen.

Und dann noch der Trailer

Electroma ist beim deutschen Amazon für 24,99 Euro als Import-DVD erhältlich oder zum Eigenimport bei play.com für 16,99 Euro.

Thomas Groh lebt in Berlin, arbeitet für die Programmvideothek Filmkunst im Roderich und schreibt über Filme, zum Beispiel für die Filmzeitschrift Splatting Image, die taz und das Onlinekulturmagazin Perlentaucher. Wenn er nicht gerade sein Blog aktualisiert, verfasst er wöchentliche DVD-Kolumnen für den moviepilot, in denen er Filme von etwas jenseits des Radars empfiehlt, zuletzt beispielweise Todd Solondz’ neuen Film Life During Wartime, den Schwabing-Western Rote Sonne und den Animationsfilm Mein Nachbar Totoro.

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