Legion: Lässt sich Staffel 2 zu viel Zeit auf dem Weg zum Finale?

LegionAbspielen
© FX
Legion
07.06.2018 - 11:35 UhrVor 2 Jahren aktualisiert
1
3
Dan Stevens David macht Pause in Kapitel 17 von Legion und die 2. Staffel rückt ihre Bausteinchen zurecht fürs Finale, natürlich in unnachahmlicher Legion-Art.

Die 2. Staffel von Legion ist anders. Eine weltbewegende Feststellung, keine Frage, aber es lässt sich nicht abstreiten. Die 2. Staffel ist anders als der Peabody-prämierte Vorgänger, was löblich ist. Warum sollte eine Serie, die einen dermaßen flexiblen kreativen Spielraum besitzt, sich daran abarbeiten, die Koordinaten alter Folgen nochmal abzufliegen? Wie anders Legion Staffel ist, zeigt sich im 17. Kapitel der Serie. Da haben wir die Länge der Vorgänger-Staffel bereits um eine Episode überschritten und immer noch zwei vor uns. Wir warten auf den Körper des Shadow Kings wie Vladimir und Estragon auf einen gewissen Godot. Schwer denkbar in der letzten Runde, aber diesmal kaum bemerkt: David (Dan Stevens) wird ganz ausgespart, stattdessen konzentriert sich das Drehbuch von Noah Hawley und Nathaniel Halpern auf vernachlässigte Figuren wie Melanie (Jean Smart), Kerry (Amber Midthunder) und Cary (Bill Irwin) sowie die geflohene Lenny (Aubrey Plaza). Umwege und Schleichpfade bestimmen die neuen Folgen. Legion Season 1 war ein narrativer Jogger, in Staffel 2 folgen wir einem erzählerischen Flaneur, der keine Seitenstraße seiner Stadt unentdeckt lässt. Das braucht seine Zeit.

Die Länge der 2. Staffel hat Legion auffällig verändert

Es mag seltsam klingen angesichts einer 1. Staffel, die durch ihre audiovisuellen Exzesse den Plot beinahe vergessen ließ. Acht Folgen standen Noah Hawley und seinem Team damals zur Verfügung. Die Geschichte von David war nach dem Auftakt schwer abzusehen. David wollte Syd finden, so viel war sicher. Mit Clockworks, Summerland und Division 3, Amys Entführung, dem sich versteckenden Shadow King und der nebulösen Vergangenheit Davids gab es allerdings so viele sich über- und nebeneinander stapelnde Plot-Elemente, dass die 1. Staffel ungeheuer dicht wirkte. Das Ziel lag genau vor Augen und trotzdem sah man es die meiste Zeit nicht. In Staffel 2 wird das Ziel präzise definiert: der Körper des Shadow Kings. Die verdichtenden Plot-Elemente sind auf dem Papier gegeben: eine merkwürdige Epidemie, Mönche, Syd aus der Zukunft, die Geheimnisse von Division 3, David Heimlichtuerei. Dafür stehen den Autoren diesmal 11 Episoden zur Verfügung. Aus der Überlagerung der 1. Staffel werden Verästelungen, Umwege, Geheimgänge, die ganze Episoden in Anspruch nehmen. Damit liegt die Struktur der Staffel offen, was den Vorwurf bekräftigt haben dürfte, dass Legion sich in Staffel 2 schlicht zu viel Zeit nimmt, um zum Körper des Shadow Kings zu kommen. Wir glauben zu wissen, dass alles viel zu lang dauert, weil wir das Ziel kennen und die Autoren den längsten Weg zwischen zwei Punkten abfahren.

Jemaine Clement und Jean Smart in Legion

"Sind wir schon da!?", mag man nach jeder neuen Folge schreien und ich würde antworten: "Hoffentlich nicht." Es gab schwächere Episoden in dieser Staffel, nicht immer können die Folgen das gemächliche Tempo kompensieren. Erstklassige Folgen wie Kapitel 17 entwickeln ihren Reiz erst durch das Flanieren in der Legion-Welt. In einer anderen Serie wäre es eine pragmatische Folge gewesen, in der die Drehbuchautoren erkennen, dass sie langsam zu Potte kommen müssen. Bei solchen Folgen fallen die logistischen Aspekte auf. Es sieht nach Arbeit aus, wenn Figuren von Punkt A nach Punkt B gebracht werden müssen, um sich im Finale gegenüberzustehen. Wenn es nach schnöder Arbeit aussieht, vergeht einem die Lust. Kapitel 17 leidet genau darunter nicht, obwohl ebenfalls ein erzählerisches Logistikzentrum am Werk ist. Melanie gerät im Drogenrausch unter den Einfluss von Oliver/dem Shadow King und verrät ihm Davids Plan. Dessen implantierte Erinnerungen in den Köpfen von Kerry und Cary werden getriggert, was die beiden dazu bringt, eine Waffe aus Division 3 zu stibitzen. Die wird von Lenny in die Wüste gebracht, wo der Shadow King nach seinem Körper sucht. Fragen bleiben offen: Was geschieht mit Clark? Was hat es mit dem Minotauros auf sich? Und wichtiger: Wer bezahlt die Restaurantrechnung von Kerry und Cary? Die Seitenwege dieser Episode von Legion lassen einen jedoch über die logistischen Anstrengungen hinwegblicken.

Legion legt überkommene Geschlechterrollen im Genre bloß

Da wäre Melanie, mit der die Autoren verfahren wie mit Davids Schwester Amy. Im Gros der Staffel wird sie vermisst, bevor sie rückwirkend ihre eigene Folge erhält. Wenn mir etwas missfällt an Kapitel 17, dann dass die Autoren wieder auf diesen Trick zurückgreifen. Melanie lebt durch ihren eskapistischen Drogenrausch in der Peripherie, aber die Autoren machen es sich zu einfach, wenn sie das als Grund nehmen, sie über weite Strecken zu ignorieren, nur um sie überraschend als Trumpfkarte zu ziehen: "Melanie ist wichtig für den Plot", schreien sie und ziehen uns mit ihrem Twist eins über den Schädel. Die Beziehung zwischen Melanie und Oliver gehört zu den interessantesten, kaum erkundeten Aspekten der Serie und Kapitel 17 deutet an, warum. Wir haben zweierlei Syds aus der Zukunft in dieser Staffel: die Einarmige und Melanie. 21 Jahre wartete Melanie auf ihren Astralebenen-Entdecker, doch kaum ist er in den Hafen eingelaufen, verschwindet er wieder. Das Superheldentum ist eine Qual für die Mary Jane Watsons dieser Welt. In Legion eröffnet es die Frage nach überkommenen Geschlechterrollen im Genre. Die größte Macht der männlichen Helden ist demnach nicht in ihrem telepathischen Hirn zu finden, sondern in ihrer Kontrolle über die zum Warten verdammten Frauen. In Melanie hat sie sich hineingefressen und hinterlässt eine Wunde, die nur mit Drogen gestopft werden kann. Oder der Manipulation durch ihren Odysseus Oliver.

Aubrey Plaza in Legion

Das Zusammenspiel von Jean Smart und Jemaine Clement gehört zu den kreativen Höhepunkten dieser Folge, bilden sie doch ein reiferes und auch traurigeres Gegenstück zu David und Syd. Mehrere Paare werden in der 9. Folge der 2. Staffel von Legion parallelisiert, allen voran die zum Glück unzertrennlichen Körpergeschwister Kerry und Cary sowie Lenny und Amy (Katie Aselton), die durch Zwang in eine ähnliche Situation geraten sind. Wärme versprüht das Gespräch von Cary/Kerry, das dem Tod persönlich zwei Messerstiche ins Herz androht, sollte Cary sterben. Das Gegenteil findet sich bei Junkie Lenny, die in ihrem neuen Körper einen seelischen Untermieter hat. Die Verschmelzung von Lenny und Amy in einem Körper - ehemals Teufelchen und Engelchen auf Davids Schulter - ist ein kleiner Geniestreich und ich könnte mir eine ganze Folge vorstellen, in der die beiden eine Art psychopathische Screwball-Komödie durchspielen. Mit Aubrey Plaza als Clark Gable und Katie Aselton als Katherine Hepburn.

Aubrey Plaza bleibt einer der zentralen Genüsse von Legions 2. Staffel, ob sie nun in ihre alte Drogenhöhle zurückkehrt wie eine Königin ins Schloss oder mit ihren unheimlich blau leuchtenden Augen durch die Wüste stolziert, ein brennendes Auto hinter ihr. Überlang sind ihre Party-Exzesse in dieser Episode, so ausufernd wie die Inszenierung, die Melanies Wahrnehmung und das Serien-Logo auf den Kopf stellt und den Wüstenhorizont aus seiner Verankerung löst. Der Überfluss regiert in Legion Staffel 2. Ich möchte ihn trotz aller Probleme nicht missen.

Zitat der Folge: "Buenas tardes, bitches!" (Lenny)

Anmerkungen am Rande:

  • Exzellente Musikauswahl in dieser Folge mit u.a. den Flaming Lips (The Castle), MC5 (Kick out the Jams), The Kinks (Destroyer) und Nicolas Jaer (Space is only Noise if you can see).
  • Das glühende Auto verweist auf den Kultfilm Repo Man von 1984. (Die Szene bei YouTube )
  • Acht blaue Dudes sitzen in der Wüste mit einem überdimensionierten Abfluss-Stöpsel. Eben ein ganz normaler Tag in Legion.
  • "I’m real. ... Cause, when I hit people they fall down." (Kerry Loudermilk)
  • Ist Lenny, das Cornflake Girl, ein Tori Amos-Fan ?
  • "Are you a good person?" (Amy)
  • Legion wurde um eine 3. Staffel verlängert!
  • Da FOX und Sky Ticket jetzt mit der Veröffentlichung von Folgen auf Dauer eine Woche hinterherhinken, habe ich die Recap-Veröffentlichung daran angepasst.

Alle Recaps zur 2. Staffel von Legion:

Staffel 2, Folge 1: Legion ist auch in Staffel 2 die aufregendste Marvel-Serie im TV
Staffel 2, Folge 2: Legion Staffel 2 - Der Shadow King zeigt endlich sein wahres Gesicht
Staffel 2, Folge 3: Legion ist einer der großen Gewinner und Verlierer unserer TV-Ära
Staffel 2, Folge 4: Legion - Handlung wird in Serien sowieso überbewertet
Staffel 2, Folge 5: Legion: Staffel 2 - Lasst euch von Aubrey Plaza hinters Licht führen
Staffel 2, Folge 8: Legion: Wie viel Kreativität ist erträglich, bis es wahllos wirkt?

Die 2. Staffel von Legion läuft jeden Mittwoch um 21:00 Uhr auf FOX in Deutschland und ist danach bei Sky Ticket  zu sehen.

Wie hat euch die neuste Folge von Legion gefallen?

Das könnte dich auch interessieren

Angebote zum Thema

Kommentare

Aktuelle News