Joaquin Phoenix hat den Oscar für Joker nicht verdient

Joaquin Phoenix als Joker
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Meint es gut mit den Menschen.

Sein größtes Geschenk, sagte Joaquin Phoenix auf der Bühne der 92. Oscar-Verleihung, sei die "Möglichkeit, den Stimmenlosen eine Stimme zu geben". Es gehe, als Hollywoodstar wie vermutlich als Mensch überhaupt, um den "Kampf gegen Ungerechtigkeit". Weshalb Phoenix seine ersten Sekunden als Oscar-Preisträger dazu nutzte, einen Bogen vom Antirassismus zum Veganismus zu spannen.

Die gewohnt bizarre Dankesrede war der Abschluss jener Monate andauernden Beifallstournee, genannt Award-Saison, in deren Verlauf Joaquin Phoenix nahezu alle möglichen Filmpreise gewann. Es schien dabei nicht allein um wachrüttelnde Worte zu gehen. Seine schrulligen Künstlergesten hatten auch mit der Performance und Wahrnehmung einer Rolle zu tun, die den Irritationsmoment zum Prinzip macht.

Vom Spaß zur Züchtigung: Die Joker-Rolle im Wandel der Zeit

Seit jeher ist die Darstellung des mal lustvoll schurkischen, mal an Seelenqualen leidenden und daher getriebenen Batman-Gegenspielers Joker eine dankbare Aufgabe. Sie erlaubt Schauspielern nicht nur Exaltiertheit, sondern verlangt geradezu nach großen Gesten: Als ein Verzweifeln an der Welt, von dem ebendiese Welt auch ganz dringend in Kenntnis gesetzt werden muss.

Mit Poweracting, jener einzig erträglichen Variante von Overacting, die etwa Nicolas Cage zur transzendentalen Kunst erhoben hat, ist dem Joker schwer Rechnung zu tragen. Bleibt sie einem gewissen psychologischen Realismus verpflichtet, können sogenannte Charakterdarsteller wie Heath Ledger und Joaquin Phoenix für die Rolle einen Oscar gewinnen, während die Oscar-Sieger Jack Nicholson und Jared Leto davon weit entfernt waren.

Folglich ist es ein langer Weg vom Joker-Interpreten Cesar Romero, der sich in den 1960er Jahren nicht mal seinen Schnurrbart abrasieren wollte (und ihn stattdessen überschminken ließ), bis zur totalen körperlichen Züchtigung einer reinen Filmfigur wegen. Heath Ledger, so will es das Pathos der dahingehend besonders überzeichneten Erzählung, hat die Rolle mit dem Leben bezahlt. Und sie zum Synonym extremer Schauspielmethoden werden lassen.

In einer Kinolandschaft, die Superheldengeschichten nur bonbonbunt oder graudüster akzeptiert, als entweder amüsantes Spektakel oder existenzialistische Fragen berührender Gründungsmythos, musste der irrsinnig erfolgreiche Joker-Film zwangsläufig an solche Extreme anknüpfen. Vielleicht ist es zu verlockend, sich der Figur nicht von außen zu nähern – oder auch schlicht etwas leichter.

Joaquin Phoenix als Joker: Der Oscar für die größte Mühe

Kompliziert zu spielen ist eine Rolle jedenfalls noch nicht deshalb, weil jemand mit ihr verschmilzt. Als persönliche Herausforderung mag der Joker für Schauspieler reizvoll sein, sofern dessen Wahnsinn besonders erlebt werden möchte (aus Gründen der Eitelkeit oder weil Schauspiel mit Selbstgeißelung verwechselt wird). Zugleich gestattet er aber auch das Tragen einer Maske, die schauspielerische Distanz und damit Erleichterung verschafft.

Umso sinnloser wirken jene Eskapaden der Überidentifizierung (im Falle von Joaquin Phoenix die Entwicklung einer Essstörung oder das Auskugeln einer Kniescheibe), deren zudringliche Mühen lediglich belohnt werden wollen – mit Preisen und Ehrfurcht. Natürlich liebt das Publikum solche ungehemmten, für ihre Intensität gefeierten Darstellungen, die eigentlich das Gegenteil von Schauspiel sind.

Im Eindruckschinden der Performance und ihrer zuverlässig dienerischen Rezeption geht es letztlich um ein Missverständnis. Joaquin Phoenix, heißt es, spiele den Joker nicht "nur", sondern sei mit Haut und Haaren zum Joker selbst geworden. Obwohl alles manieristische Projektionsfläche und gerade keine Transformation ist. Behauptet wird eine Verwandlung, die es ohnehin gar nicht brauchte.

Während also der schräge oder schräg sich gerierende Schauspieler seine ebenso schräge Rolle zu leben statt zu erzählen vorzieht, umgeht er die tatsächlich schwierige Aufgabe ihrer Darstellung. Oscars werden sich damit wahrscheinlich noch in 100 Jahren gewinnen lassen. Einen kollektiven Kniefall jedoch verdient es nicht.

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