Joker-Parallelen: Funny Face ist wie ein (sehr) düsterer DC-Film

Funny Face und Joker
© Yellow Bear Films/Rathaus Films/Warner Bros.
Funny Face und Joker
28.02.2020 - 08:01 UhrVor 9 Monaten aktualisiert
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Auf der Berlinale 2020 ließ der kapitalismuskritische Funny Face immer wieder Erinnerungen an Joker aufkommen. Das Indie-Drama und der DC-Film unterscheiden sich im Kern jedoch bedeutend.

Anstelle von dickem Clown-Make-Up trägt der Protagonist im Berlinale-Film Funny Face oftmals eine bizarr grinsende Maske. Saul aus Tim Suttons neuem Werk und Joaquin Phoenix' Darstellung des ikonischen Batman-Bösewichts in Joker finden trotzdem immer wieder gemeinsame Berührungspunkte.

Beide Filme handeln von Menschen, die an der Ungerechtigkeit eines Systems zerbrechen, gegen das sie sich zur Wehr setzen (wollen). Auch das gegenwärtig populärste Genre des Superhelden-Films bzw. der Comicverfilmung behandeln Funny Face und Joker auf ihre ganz eigene Weise. Letztendlich unterscheiden sie sich im Kern jedoch bedeutend voneinander.

Interessante Fakten zu Funny Face von Tim Sutton

  • Regisseur Tim Sutton hat bisher unter anderem das Arthouse-Drama Dark Night gedreht, das lose auf dem realen Amoklauf von Aurora basiert.
  • In Funny Face ist es nicht die Gesellschaft, sondern Politik und Gentrifizierung, die den Protagonisten langsam in den Wahnsinn abgleiten lassen.

Schon die ersten Szenen von Funny Face lassen erahnen, dass es in Hauptfigur Saul (Cosmo Jarvis) brodelt. Verschlossen und rastlos wandert er durch die heruntergekommenen Nachbarschaften Brooklyns, während er die titelgebende Maske mit dem grotesken Grinsen wie einen Schutzpanzer über dem Gesicht trägt.

Saul ist ein klassischer Drifter, der nirgendwo zuhause zu sein scheint. Eine Gestalt, die überwiegend in die Nacht verbannt gehört und vordergründig den aufgewühlten Einzelgängern aus dem New Hollywood-Kino der 70er Jahre ähnelt. Oder eben Arthur Fleck aus Todd Phillips' Joker.

Joaquin Phoenix in Joker

Funny Face und Joker sind Studien wütender Männer in Zeiten sozialer Ungerechtigkeit

Für Joker hat Todd Phillips die bekannte Batman-Marke aufgegriffen, um eine finstere Charakterstudie einer gequälten Seele und zugleich das Abbild einer herzlosen, abgestumpften Gesellschaft zu inszenieren. Der psychisch kranke Arthur wird in dem polarisierenden DC-Film zum geächteten Individuum, dem nach und nach sämtliche Hilfsmaßnahmen wie die nötige Dosierung an Medikamenten entzogen wird.

Erst der Kontakt zu seiner Nachbarin Sophie scheint den zunächst verzweifelten und später rasenden Arthur besänftigen zu können. Die Andeutung dieser aufkeimenden Liebesbeziehung ist in Joker jedoch nur eine von vielen Illusionen in dieser trostlosen Abwärtsspirale, die Arthur schließlich in ein mordendes Monster verwandelt.

In Funny Face wird die Hauptfigur auch zum Opfer. In dem Film ist es nicht die Gesellschaft allgemein, sondern der Bauplan eines skrupellosen Unternehmers. Das Haus von Sauls Eltern soll für ein gigantisches Parkhaus abgerissen werden, während sich der schnell zum Bösewicht stilisierte Großkapitalist isoliert in seiner Limousine oder abgeschottet in der Hochhaus-Suite vor den Sorgen und Aggressionen einfacher Menschen wie Saul abschirmt.

Ähnlich wie in Joker tritt bald ebenfalls eine Frau in das Leben der Hauptfigur. Die junge Zama (Dela Meskienyar) wird von Saul auf frischer Tat beim Stehlen in einem Deli ertappt. Gemeinsam irren beide durch das nächtliche New York, er mit seiner Maske über dem Gesicht und sie mit einem Gesicht, das Saul aufgrund ihres Schleiers gar nicht erst erkennen kann.

Immer wieder wirken beide wie das angehende Superhelden-Liebespaar aus einem schmal budgetierten, an den Realismus aus The Dark Knight oder Joker angelehnten DC-Film, den Regisseur Tim Sutton jedoch nie erschaffen will.

Funny Face

Die pessimistische Aggression von Joker prallt an Funny Face ab

In Joker verschreibt sich Todd Phillips in letzter Konsequenz der ganzen Tragik, aus der eine Figur wie der Joker erst entstehen kann. Den niederschmetternden Abstieg von Arthur Fleck begreift der Regisseur als Aufschrei zu mehr Empathie, der nicht ohne brennende Autos und getötete Opfer geäußert werden kann und in Chaos und Anarchie endet.

Auch in Funny Face gibt es irgendwann eine Szene, in der Joaquin Phoenix' oscarprämierte Figur endgültig aus Saul hervorzubrechen scheint. In der Szene verweilt die Kamera ausschließlich auf dem Gesicht des Protagonisten, während dieser im Auto neben Zama einen längeren Monolog hält. Wutentbrannt schlägt er immer wieder gegen die Armatur des Fahrzeugs, während er sich nach der Radio-Durchsage eines Basketballspiels für die Unterstützung des schwächeren Teams rechtfertigt.

Eine Sequenz wie diese befördert den Amoklauf des Protagonisten schon in den Kopf des Zuschauers. Doch Tim Sutton entzieht sich dem angedeuteten Superhelden-Genre ebenso wie den Konventionen des Rachethrillers. Der schwingt ähnlich unruhig zwischen den Zeilen dieser Kreuzung aus gefühlvoller Liebesgeschichte und Genre-Eskalation, der neben Joker gelegentlich leise Töne eines Drive von Nicolas Winding Refn anschlägt.

An der pessimistischen Aggression von Joker lässt Sutton Funny Face bewusst abprallen. In seinem hypnotisch in Szene gesetzten Film voller hypnotischer Elegie wiegt ein eng umschlungener Tanz im blutroten Licht schwerer als real gewordene, blutrote Gewaltfantasien.

Interessiert ihr euch für Funny Face?

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