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Das Kino ein Traum

Jacques Demy und seine Filme

27.10.2010 - 08:50 Uhr
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Jacques Demy
© newwavefilm.com
Jacques Demy
Agnès Varda sagte, er würde Alltagserlebnisse aus der Kindheit in Farbe, Musik und Lieder umsetzen und sie wären Zeitzeugen des Frankreichs seiner Zeit. Heute vor 20 Jahren starb Jacques Demy 59 Jahre – eine Hommage.

Vor 20 Jahren starb mit Jacques Demy einer der eigenwilligsten Regisseure des französischen Films. Zwar gehörte er zur Generation der Nouvelle vague, stand aber, wie etwa Louis Malle, eher am Rande der Bewegung. Jacques Demy fand seine Vorbilder in den artifiziellen Kunstprodukten des Mediums: in den federleichten Musicals von Stanley Donen ebenso wie im poetischen Realismus von Marcel Carné, im bühnenhaften Illusionismus von Jean Cocteau und im üppigen Kinobarock von Max Ophüls. In seinen eigenen Werken kreierte Jacques Demy eine gesungene und getanzte Traumwelt, in der sich immer wieder kaleidoskopisch die Wirklichkeit des Lebens spiegelte.

Geboren am 5. Juni 1931 in Pontchâteau, aufgewachsen in der westfranzösischen Hafenstadt Nantes, ist Jacques Demy früh vom Kino fasziniert. Schon als Jugendlicher fertigt er kleine Animationsfilme, die er Familie und Freunden vorführt. Anders als seine Altersgenossen François Truffaut, Jean-Luc Godard oder Claude Chabrol nähert sich Jacques Demy dem professionellen Filmemachen nicht schreibend sondern über die Praxis. Nach einer Ausbildung an der Technischen Schule für Foto und Film in Paris inszeniert er Werbe-, Dokumentar- und Kurzfilme, bevor er 1960 seinen ersten langen Spielfilm drehen kann.

Lola, das Mädchen aus dem Hafen ist eine Hommage an Nantes, die Heimatstadt von Jacques Demy. Gewidmet dem verehrten Max Ophüls, fotografiert in Schwarzweiß und CinemaScope von Raoul Coutard, schildert der Film einen komplexen Liebesreigen rund um eine von Anouk Aimée verkörperte, erotisch-exaltierte Nachtclubkünstlerin. Lola, das Mädchen aus dem Hafen handelt von Hoffnung und Enttäuschung, von Abschied und Rückkehr; Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft scheinen zauberisch ineinanderzufließen. Und auch wenn Jacques Demy sein Debüt aus Kostengründen nicht wie geplant als Musical realisieren kann, weht eine tänzerische Leichtigkeit durch das Geschehen.

Nach einem Intermezzo an der Côte d’Azur, dem Spieler-Melodram Die blonde Sünderin mit einer platinblonden Jeanne Moreau in der Hauptrolle, feiert 1964 das wohl berühmteste Werk von Jacques Demy Premiere: Die Regenschirme von Cherbourg, der auf den Filmfestspielen von Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wird. In farblich stark akzentuierten Bildern und einem von der ersten bis zur letzten Silbe gesungenen Dialog erzählt Jacques Demy die Geschichte einer großen Liebe, die an äußeren Umständen und zu großen Erwartungen zerbricht. Wenn Geneviève (Catherine Deneuve) ihrem in den Algerienkrieg ziehenden Geliebten Guy ein schmerzvolles “Mon amour, ne me quitte pas!” nachsingt, bleibt kein Auge trocken. Dass sie, schwanger und einsam, dann doch einen anderen heiratet (und zwar denselben Mann, der einst von Lola, das Mädchen aus dem Hafen verlassen wurde), ist dem pragmatischen Lauf der Dinge geschuldet. Mit Die Regenschirme von Cherbourg, der von Teilen der Kritik als zuckriger Kitsch geschmäht wird, findet Jacques Demy nicht nur zu einem originellen romantischen Realismus, sondern zu seiner ganz persönlichen künstlerischen Ausdrucksform. Deren filmische Überzeugungskraft ist freilich auch der hervorragenden Arbeit seiner Mitstreiter geschuldet: den emotionalen Kompositionen von Michel Legrand, der stilisierten Ausstattung von Bernard Evein und den klaren Bildern des langjährigen Claude Chabrol -Kameramannes Jean Rabier.

Die Mädchen von Rochefort porträtiert 1966 die Bewohner und Besucher einer sommerlichen französischen Hafenstadt und begleitet sie auf der jeweiligen Suche nach der Liebe ihres Lebens. Im Gegensatz zum fatalistischen Vorgänger erfüllt Jacques Demy diesmal die Sehnsüchte seiner Protagonisten und erzählt ihre Geschichten – wiederum zu den Melodien des großen Michel Legrand – als vergnügtes, pastellbuntes Musical mit Gesangs- und Tanznummern in der Tradition amerikanischer Genreklassiker. Neben den französischen Stars Michel Piccoli, Danielle Darrieux sowie Catherine Deneuve und ihrer Schwester Françoise Dorléac als attraktiv-musikalischen Zwillingen besetzt Jacques Demy denn auch konsequenterweise eine zentrale Rolle mit der Hollywood-Legende Gene Kelly.

Im Jahr der Revolte 1968 zieht es Jacques Demy nach Los Angeles. In Das Fotomodell schildert er einen Tag aus dem Leben eines jungen Mannes, der seine Einberufung nach Vietnam erhalten hat, und spinnt die Biographie seiner ersten Heldin Lola weiter: In Kalifornien gestrandet, muß sich Anouk Aimée als Nacktmodell durchschlagen, um das Geld für die Fahrkarte nach Hause zu verdienen.

Auf den Ausflug nach Amerika folgen Anfang der 70er Jahre zwei Reisen in eine märchenhaft-legendäre Vergangenheit. Eselshaut handelt von einer schönen Königstochter, die sich auf der Flucht vor ihrem liebestollen Vater unter einer alten Eselshaut versteckt und dort auf die Erlösung durch den Prinzen ihres Vertrauens wartet. Der Film bezaubert mit einer hochklassigen Besetzung – neben Catherine Deneuve und Jean Marais glänzt Delphine Seyrig als elegante, aber auch lebenskluge gute Fee –, einer fantasievollen Ausstattung und einer Reihe von charmanten Michel Legrand -Ohrwürmern. Danach inszeniert Jacques Demy mit dem Popsänger Donovan Leitch in der Titelrolle die Volkssage vom Rattenfänger von Hameln; Der Rattenfänger von Hameln wird, mit John Hurt und Donald Pleasence, als britische Produktion im idyllischen Rothenburg ob der Tauber gedreht.

Anschließend gerät die Karriere von Jacques Demy in eine flaue Phase: nach einer Komödie über einen Mann, der schwanger wird (Das bedeutendste Ereignis), adaptiert er einen japanischen Comic, der zur Zeit der französischen Revolution spielt (Lady Oscar), sowie einen Roman der Colette (La naissance du jour). Ambitioniertere Projekte, darunter eine musikalische Komödie in Moskau, zerschlagen sich.

1982 gelingt dem Regisseur noch einmal ein Meisterwerk. Mit Ein Zimmer in der Stadt kehrt Jacques Demy ins Nantes des Jahres 1955 zurück. Der Film handelt, im Umfeld eines großen Werftarbeiterstreiks, von der tragisch endenden Liebe zwischen einem Proletarier und einer Tochter aus großbürgerlichem Haus. Wie schon in Die Regenschirme von Cherbourg werden alle Dialoge gesungen, aber der Score von Michel Colombier ist – passend zur Ausweglosigkeit des Geschehens und zur Brutalität der historischen Ereignisse – weitaus düsterer und härter als die Klänge, die bislang in den Filmen von Jacques Demy zu hören waren. Dominique Sanda und Richard Berry spielen die Hauptrollen in diesem Werk, das zu den großen Melodramen der Kinogeschichte zählt.

Zwei weitere Filme kann Jacques Demy in den 80er Jahren realisieren: Parking, eine moderne Adaption der Orpheus-Sage, und schließlich Trois places pour le 26, ein langgehegtes Projekt mit Yves Montand, in dem der Grandseigneur des französischen Kinos und Chansons sich mit viel Selbstironie singend und tanzend selber spielt.

Seit 1962 war Jacques Demy mit der Regisseurin Agnès Varda verheiratet, die kurz vor dem seinem Tod einen biographischen Film über ihren Mann inszenierte: Jacquot de Nantes, 1991 uraufgeführt, ist die episodisch-stimmungsvolle Erinnerung an eine glückliche Kindheit als Ausgangspunkt einer spielerischen Kreativität. Agnès Varda war es auch, die sich für die Restaurierung der Filme von Jacques Demy einsetzte und dafür sorgte, dass sein Gesamtwerk 2008 in einer vorbildlichen DVD-Ausgabe erscheinen konnte.

Zu Beginn seiner Laufbahn hatte Jacques Demy die Vision, 50 Filme zu machen, die alle miteinander zu tun haben sollten, die verbunden wären durch ein Geflecht von Geschichten, Beziehungen und Figuren. 13 Spielfilme konnte Jacques Demy realisieren – vielleicht nicht alle so, wie er sie sich erträumt hatte, aber alle geprägt von seiner unverwechselbaren künstlerischen Handschrift.

Am 27. Oktober 1990 ist Jacques Demy in Paris gestorben.


Dieser Text stammt von unserem User Sebastian Schubert, besser bekannt unter Joe Gillis. Wer ebenfalls Text-Ideen oder bereits was aufgeschrieben hat, wende sich an ines[@]moviepilot.de.

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