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Poetische Mogelpackungen

In 5 Schritten zum ... Shion Sono-Experten

31.07.2013 - 08:50 UhrVor 7 Jahren aktualisiert
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Shion Sono
© Rapid Eye Movies / Splendid
Shion Sono
Doppelbödige Genrefilme, poetisch anmutende Gewaltexzesse, kaputte Elternhäuser und ganz viel Einsamkeit sind einige der Bestandteile, aus denen Shion Sono seine Filmstoffe webt. Es Folgt der Vorschlag eines Annäherungsversuchs.

Japans facettenreiche Filmindustrie hat, was Auteur-Regissere angeht, einige nennenswerte Kandidaten in petto, wie jeder, der keine hollywoodgerichteten Scheuklappen trägt, mittlerweile wissen sollte. Prominentester Filmbotschafter des Landes dürfte in den letzten Jahren Takeshi Kitano (Sonatine, Takeshi Kitanos Dolls) gewesen sein, der nach dem Ausscheiden von Yasujiro Ozu und Akira Kurosawa das Gesicht der japanischen Filmindustrie wurde, zumindest was die Rezeption im Ausland angeht. Um auch mal einen der etwas abseitigeren zu beleuchten, möchten wir heute eine Gebrauchsanleitung zum Poeten, Autoren und Filmemacher Shion Sono vorstellen. (Der erste Filmtitel des Mannes, der nie ohne Hut zu sehen ist, lautete “I am Sion Sono!!”, weshalb es bei seinem Namen, dessen Transkription aus dem Japanischen mit Shion eigentlich die üblichere ist, häufig zur alternativen Schreibweise kommt.)

Warum ausgerechnet… Shion Sono?
Den Hintergrund in Poesie und Performancekunst merkt man Shion Sonos teils assoziativ wirkenden und pathosreichen Werken stets ein wenig an, doch entgeht er dabei der Kardinalssünde, dabei nicht mehr unterhaltsam zu sein. Oft kommen seine Filme als Mogelpackung daher, die ein gewisses Genre vorgaukeln, nur um nach der Hälfte mit den Erwartungen zu brechen. Dabei schafft er es, gesellschaftskritische Themen anzuschneiden, ohne dabei prätentiös zu wirken und fürchtet sich weder vor Kunstblut noch Humor. Genrekino mit Tiefgang, wenn ihr so wollt. Japan nach Fukushima scheint aktuell ein Thema zu sein, das ihn wie viele andere japanischen Künstler beschäftigt, wie an den jüngsten Einträgen seiner Filmografie zu sehen ist. Wer ihn kartographisch zwischen Filmemachern Japans verorten möchte, ist mit einem Platz zwischen dem unberechenbaren Takashi Miike (Visitor Q, Ichi the Killer) und dem nachdenklich-lyrischen Shunji Iwai (Yentown, All About Lily Chou-Chou) gut bedient.

Der perfekte Start… für den Shion Sono-Einstieg
Mutige Einsteiger könnten zum Beispiel mit Strange Circus beginnen, der bereits ganz starker Tobak ist. Bei der ersten Hälfte des Films handelt es sich um die Herz- und Seele-zerfetzende Leidensgeschichte eines missbrauchten Mädchens, dessen monströser Vater gleichzeitig der Direktor ihrer Schule ist. Im Cellokasten eingesperrt muss sie den Eltern beim Verkehr zusehen und ist auch vor dem Zorn der Mutter nicht sicher. Jedes weitere Wort über den späteren Verlauf dieses doppelbödigen Melodrams wäre an dieser Stelle ein Verbrechen. Am Ende könnte Sono der emotional zermürbende Beginn fast übel genommen werden, wenn diese Zirkus-Achterbahn nicht so denkwürdig gewesen wäre und das überraschende Ende nicht einiges wettmachen würde. Einer der intensivsten Filme seines Œuvres mit ebensoviel Vergraul- wie Anfixpotential.

In drei Filmen zur Spitze
Wer nach Strange Circus noch nicht genug hatte oder wer sich nicht rangetraut hat macht einfach hier weiter. Suicide Circle (manchmal auch Suicide Club) ist ein subversiver Horror- und Detektivfilm, in dem es um die Ermittlungen bezüglich scheinbar miteinander verbundener Selbstmorde geht. Die Einstiegsszene, in der sich 54 gleichzeitig springende Schulmädchen per einfahrender U-Bahn umbringen, ist bereits jetzt legendär. Das mehr oder weniger unaufgelöste Ende wird Leute, die zu sehr auf den Detektivaspekt gesetzt haben, enttäuschen, aber wer zwischen den Zeilen lesen kann, wird feststellen, dass Suizid nicht einmal das wahre Thema des eigentlich gesellschaftliche Isolation und zwischenmenschliche Entfremdung verarbeitenden Filmes war. Die Fortsetzung Noriko’s Dinner Table unterstreicht diesen Fakt wehement.

Nun heißt es aber Luftholen und nochmal zur Toilette gehen, denn als nächstes steht Sonos 4-Stunden-Epos Love Exposure auf dem Programm. Ein ungeheurer Trip bestehend aus Vater-Sohn-Drama, Religionskritik, Filmreferenzen, Selbstfindungs-Roadmovie, Verwechslungskomödie und Lovestory, der einem einiges abverlangt, aber ebenso reich belohnt und sich trotz seiner Albernheiten mit einem Wimpernschlag viel ernster nehmen kann, als es die Filmpolizei eigentlich erlaubt.

Als Finale schlage ich einen der neueren Filme mit der oben erwähnten Post-Fukushima-Thematik vor, die ursprünglich nicht in der Mangavorlage von Himizu – Dein Schicksal ist vorbestimmt vorkam, in der es lediglich um einen von seinen Eltern im Stich gelassenen Jungen ohne Ambitionen geht, dessen Stalkerin ihn aus der Reserve zu locken gedenkt. Enorm düster-pessimistisches Material eigentlich, das im letzten Moment einen Hoffnungsanstrich verliehen bekommen hat, den Sono nach der Tsunami- und Atomkatastrophe für nötig hielt. Eine filmische Beschwörung an die Heilkräfte des Landes, die er danach in in Land of Hope noch einmal anklingen ließ. Die hier so kaputte Eltern-Kind-Beziehung ist ebenfalls ein immer wiederkehrendes Thema.

Geheimtipps … oder der etwas andere Shion Sono
Humor und Genresubversion sind zwar immer Teil von Shion Sonos Filmen gewesen, hier wird es aber am klamaukigsten und offensichtlichsten auf die Spitze getrieben. In Exte geht es um Killer-Hairextensions, die natürlich eine Parodie auf das im japanischen Horrorkino inflationär verwendete Motiv der langen Gruselhaare (wie etwa bei Sadako in Ring – Das Original) darstellen. Für diesen Gag, der ziemlich fix erzählt scheint, gibt die Satire erstaunlich viel Story her und funktioniert sogar innerhalb seines verhohnepipelten Genres. In der Hauptrolle Chiaki Kuriyama, die hier vor allem als Killerschulmädchen aus Kill Bill: Volume 1 bekannt ist und Ren Osugi als Haarfetischist.

Shut up and take my money!
Wer hierzulande nach Filmen von Shion Sono sucht, ist mit dem Katalog des auf japanische Filme spezialisierten Verleihs Rapid Eye Movies gut bedient. Diese bringen die Filme hübsch verpackt, in ungeschnittener Fassung und natürlich im Originalton mit Untertiteln heraus. Synchronisationen sind zwar meist vorhanden, sollten aber weiträumig umfahren werden. Himizu kam grad am 28. Juni bei Splendid/WVG heraus. Sonos neuster Film Why Don’t You Play in Hell?, in welchem Yakuza ins Filmgeschäft einsteigen, kommt erst Ende dieses Jahres in die japanischen Kinos.

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