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I, Tonya - So viel Wahrheit steckt im Biopic über Tonya Harding

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© DCM
I, Tonya
23.03.2018 - 10:45 UhrVor 2 Jahren aktualisiert
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In I, Tonya spielt Margot Robbie die berüchtigte "Eishexe" Tonya Harding. Doch wie nah bewegt sich das stellenweise unglaublich absurde Biopic an der Realität?

Kurz bevor ihr neuer Film I, Tonya über auf dem Toronto Film Festival im vergangene Jahr Premiere feierte, gab Hauptdarstellerin Margot Robbie gegenüber Vanity Fair  zu, dass sie nach der Lektüre des Drehbuchs fest davon ausgegangen sei, dass die Geschichte um Redneck-Eiskunstläuferin Tonya Harding komplett fiktional sei und dem Kopf von Autor Steven Rogers entstamme. Und tatsächlich wirkt das bissige Biopic von Regisseur Craig Gillespie (The Finest Hours) stellenweise viel zu skurril, um auf wahren Begebenheiten zu basieren. Doch das tut es: Tonya Harding war die erste Frau, die eine der anspruchsvollsten Figuren im Eiskunstlauf - den dreifachen Axel - stand, nahm zweimal an den Olympischen Spielen teil und wurde vor allem durch den Anschlag auf Konkurrentin Nancy Kerrigan im Jahr 1994 berühmt, der von ihrem damaligen Ehemann Jeff Gillooly mitgeplant wurde und der ihr den Spitznamen Eishexe einbrachte.

Aber wie viel Wahrheit steckt wirklich in I, Tonya? Was hat sich tatsächlich so zugetragen, was wurde ironisch überspitzt und was frei erfunden?

Links: Margot Robbie als Tonya Harding, Rechts: Die wahre Tonya

Tonya Hardings Kindheit

I, Tonya beginnt in den 1970er Jahren, als die Protagonistin im Alter von nur vier Jahren mit dem Eiskunstlauf beginnt. Und schon hier entspricht erschreckend viel der Wahrheit: Im Film sehen wir, dass der jungen Tonya von ihrer herrischen Mutter LaVona (für diese Rolle oscarprämiert: Allison Janney) mit den Worten: "Ich habe für das Training bezahlt, also wirst du auf dem Eis bleiben und trainieren", der Toilettengang verboten wird, was dann auch gleich wortwörtlich in die Hose geht. Und wie der Chicago Tribune 1994 herausfand, ist dies wirklich so passiert - bis hin zur harschen Wortwahl von Tonyas Mutter.

Aber damit noch lange nicht genug. Auch dass LaVona ihre Tochter zwang, auf Schulfotos ihr Eislauf-Outfit samt Krönchen zu tragen, weil sie dies nun mal bezahlt habe, bestätigt Tonya Harding in ihrer Autobiographie: "Glaubt mir. Das kann ich sogar beweisen." Eine andere amüsante Episode aus dem ersten Abschnitt des Films ist - glücklicherweise - frei erfunden: Tonya musste nicht mit einem von ihrem Vater selbst zusammengeschusterten Mantel aus Hasenfellen zum Wettkampf erscheinen, nachdem ihre Trainerin nach einem Pelzmantel verlangt hatte. Dies verneinte die ehemalige Profi-Sportlerin in einem ausführlichen Interview mit der New York Times  zum Kinostart von I, Tonya.

Die junge Tonya (Maizie Smith) mit ihrer Mutter (Allison Janney)

Tonya Hardings Jugend

Die Jugendjahre Tonya Hardings sind im Film stark geprägt von der destruktiven Beziehung zwischen der jungen Eiskunstläuferin und ihrer Mutter sowie von der aufkeimenden Liebe zu ihrem späteren Ehemann Jeff Gillooly (Sebastian Stan).

Wir sehen, dass Tonya von ihrer Mutter mit einer Haarbürste geschlagen wird - was im Gegensatz zu den späteren Vorkommnissen noch fast harmlos wirkt. Auch das hat sich zwei Quellen zufolge zugetragen: Sowohl ihre damalige Trainingspartnerin Antje Spethmann (via New York Times ) als auch eine Jugendfreundin namens Sandra Lucknow (via Cosmopolitan ) bestätigten dies in den 1990er Jahren. Ob LaVona allerdings tatsächlich darauf bestand, beim ersten Date ihrer 15-jährigen Tochter mit Jeff anwesend zu sein, ist zumindest nicht bestätigt.

Jeff Gilloly und die 15-jährige (!) Tonya kurz nach Date Nr. 1

Der beschwerliche Aufstieg von Tonya Harding

Zu Beginn der 1990er war Tonya Harding auf ihrem Karriere-Höhepunkt: 1991 stand sie ihren ersten dreifachen Axel und wurde US-Meisterin, im Jahr darauf verpasste sie mit Rang 4 nur denkbar knapp das olympische Treppchen. Doch der Weg dorthin war sportlich, vor allem aber auch privat mehr als nur steinig.

Aufgrund ihrer eher ärmlichen Herkunft und ihres Redneck-Rufes hatte Tonya Harding einen schweren Stand in der versnobten Welt des Eiskunstlauf-Sports. Im Film sehen wir, dass Tonya - frustriert von anhaltender ungerechter Behandlung - die Punktrichter noch auf dem Eis konfrontiert und ihnen lauthals entgegenblafft: "Lutscht meinen Schwanz". Im Interview mit der New York Times gab die mittlerweile 47-jährige Sportlerin zwar zu, dass sie zwar noch auf dem Eis zur Jury gegangen wäre und sie auf die unfaire Behandlung angesprochen habe, doch habe sie sie nie angeschrien oder beleidigt, selbst als sie die Antwort bekam, dass sie sich für mehr Punkte zunächst teurere Kostüme kaufen müsse. "Glaubt mir, ich sage nicht 120 Mal am Tag 'Fuck'", äußerte sich Tonya zu der Szene des Films.

Mehr noch als die Eislauf-Richter machten Tonya Harding zur Zeit ihres sportlichen Aufstieges jedoch ihre Mutter und ihr Lebensgefährte zu schaffen. In einer der drastischsten Szenen des Films artet ein Streit zwischen Tonya und ihrer Mutter derartig aus, dass diese ein Messer nach ihrer Tochter wirft und in den Arm trifft. Hier widersprechen sich beide Parteien bis heute: Während Tonya zuletzt in einem Fernsehspecial über ihre Person mit den Worten: "Ich war ungefähr 3 Meter von ihr entfernt. Es war ein Steak-Messer", nochmals betonte, dass diese Situation der Realität entspricht, stritt LaVona das in derselben Sendung vehement ab: "Wieso sollte ich ein Steak-Messer nach irgendwem werfen? Sie hat so viel gelogen, sie weiß doch gar nicht mehr, was eine Lüge ist und was nicht." (via Huffington Post )

Mama LaVona hat einen Vogel

Viel schlimmer als von ihrer Mutter wird Tonya jedoch von ihrem Ehemann behandelt: Er schlägt und erniedrigt sie, an einer Stelle klemmt er ihre Hand in einer Autotür ein und es wird sogar angedeutet, dass er auf sie geschossen hat. Und zumindest regelmäßige Streits und Misshandlungen scheinen nachgewiesen: Sowohl Polizeiberichte als auch Freunde und Bekannte des Paares bestätigen, dass es etliche Notrufe gegeben habe und Tonya aufgrund der physischen Attacken ihres Ehemannes zeitweise um ihr Leben fürchtete (via Huffington Post ).

Was das Hand-Einklemmen sowie den Schuss auf Tonya angeht, so steht dort Aussage gegen Aussage: Während die Ex-Olympionikin behauptet, dass sich beide Vorfälle wirklich zutrugen, weist Jeff Gillooly diese Vorwürfe auch heute noch energisch von sich (via Vulture ).

Tonya Hardings krasser Absturz durch das Attentat auf Nancy Kerrigan

Die Olympischen Winterspiele 1994 in Lillehammer sollten die Krönung der Karriere von Tonya Harding darstellen. Schlussendlich durfte sie dort auch antreten, wurde jedoch nur Achte. Und das auch erst, nachdem sie einen Durchgang durch einen defekten Schnürsenkel verängstigt gefahren, versagt und anschließend die Punktrichter unter Tränen angefleht hatte, diesen mit voll funktionstüchtigem Schlittschuh wiederholen zu dürfen. In diesem Punkt ist die Darstellung des Wettkampfes sehr realitätsnah, wie ihr in folgendem Video sehen könnt:

Doch nicht der sportliche Wettkampf sondern der skandalträchtige Vorfall im Januar 1994 sorgten für den brutalen Fall der Tonya Harding: Damals wurde ihrer Team-Kameradin und gleichzeitig ärgsten Konkurrentin Nancy Kerrigan nach einer Trainingseinheit für die Olympischen Spiele mit einer Eisenstange das Knie zertrümmert. Dieses von Jeff Gillooly mitgeplante Attentat wirkt in I, Tonya ironisch weit überspitzt, aber durchaus nicht in dem Ausmaße, wie es den Anschein hat.

Der beauftragte Schläger Shane Stant (Ricky Russert) war wirklich ein so großer Trottel, wie es im Film vermittelt wird: Er bezahlte jegliche für das Attentat anfallende Rechnungen mit seiner Kreditkarte, bewegte sein Auto überaus auffällig in regelmäßigen Abständen, während er vor Nancy Kerrigans Trainingsstätte wartete, und als er fliehen wollte, durchbrach er tatsächlich auf unglaubliche Weise eine Glastür mit seinem Kopf (via Huffington Post ).

Auch bei Shawn Eckhardt (Paul Walter Hauser), dem Bodyguard von Tonya Harding und zudem neben Jeff Gillooly einer der Strippenzieher hinter dem Attentat, ist die Film-Darstellung erstaunlich korrekt: Er behauptete und bestand darauf, dass er ein ausgebildeter Geheimagent sei. Zudem bestätigte ein Richter, der 1994 mit dem Fall zu tun hatte, gegenüber dem TV-Sender ESPN, dass Eckhardt "nicht aufhören konnte, vor jedem damit anzugeben, dass er die Attacke geplant hatte." Wie im Film geschildert, wollte er durch den Vorfall seiner Bodyguard-Firma mehr Aufmerksamkeit verschaffen und war sich sicher, dass in der Folge mehr Eiskünstläuferinnen seine Dienste in Anspruch nehmen würden. Hauptsächlich durch die Dummheit von Stant und Eckhardt kam schließlich ans Licht, wer hinter dem Anschlag stecke (via Vulture ).

Es lässt sich hingegen nicht mit Sicherheit sagen, wie viel Tonya Harding selbst von den Planungen des Attentats wusste. Damals plädierte sie vor Gericht auf schuldig, um damit ihre Strafe zu mildern, bestritt danach allerdings immer wieder, irgendetwas gewusst zu haben. Erst Anfang 2018, im Zuge der Veröffentlichung von I, Tonya, ließ sie sich in einem TV-Interview entlocken, dass sie zumindest etwas ahnte: "Ich habe sie über so etwas reden gehört wie: 'Vielleicht sollten wir jemanden ausschalten, damit sie sicher ins Team kommt'. Aber ich sagte darauf nur: 'Worüber zum Teufel redet ihr da?'" (via Huffington Post )

Tonya Hardings Strafe und weiteres Leben

Das große Finale von I, Tonya findet im Gerichtssaal statt, wo der Protagonistin offenbart wird, dass sie nie wieder an Eiskunstlauf-Wettbewerben teilnehmen darf. Diese Strafe erhielt sie auch in der Realität. Anschließend wirft Regisseur Craig Gillespie noch einen Blick auf die Zeit nach Tonya Hardings Karriere und der Film endet damit, dass sie sich als Boxerin versucht. So war es auch in der Wirklichkeit: Nach einem Promi-Kampf gegen Paula Jones gab Tonya 2002 ihr Debüt als professionelle Boxerin, verlor diesen jedoch. Insgesamt absolvierte sie in ihrer kurzen, 2004 wieder endenden Ring-Karriere sechs Kämpfe, von denen sie drei gewann. Heute lebt sie mit ihrem dritten Ehemann Joseph Price und dem gemeinsamen Sohn Gordon im US-Bundesstaat Washington, wo sie als Malerin und Deckbauerin arbeitet. Jedoch geht sie noch mindestens dreimal pro Woche eislaufen, wie Tonya 2017 in der Talkshow von Ellen DeGeneres verriet (via Huffington Post ).

I, Tonya läuft seit dem 22.03.2018 in den deutschen Kinos.

Hättet ihr gedacht, dass sich I, Tonya so nah an der Realität bewegt?

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