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Horror contra Kunst

01.02.2012 - 08:50 UhrVor 9 Jahren aktualisiert
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Leatherface aus Blutgericht in Texas
© Turbine Medien GmbH
Leatherface aus Blutgericht in Texas
In der Speakers’ Corner geht moviepilot-User SamRamJam der Frage nach dem künstlerischen Wert von Horrorfilmen nach.

In den 30ern überlebten die Universal-Studios indem sie allemöglichen literarischen Horrorklassiker verfilmten. Von Dracula über Frankenstein bis hin zum Werwolf. Der weiße Hai war der erste Blockbuster der Filmgeschichte, Italiens Filmindustrie florierte in den 70ern mit Zombie- und Kannibalenstreifen, der Videomarkt der 80er wurde von Direct-to-Video Produktionen beherrscht, zumeist Horrorfilme. Diese Aufzählung könnte man beliebig weiterführen, aber eines merkt man schnell: Horror ist erfolgreich. Und damit lukrativ für Produzenten.

Ist ein Horrorfilm erst einmal erfolgreich geworden, kann man ziemlich schnell ein Franchise gründen, indem man die Grundidee kopiert und beliebig oft wiederholt. Schlechte Schauspieler, billige “Schock”-Musik und meistens auch in vielen anderen Bereichen eher billig gehalten. Das führt dazu, dass die Sparte Horror immer wieder gerne von sogenannten Cineasten verkannt wird. Aber warum eigentlich?

Zuersteinmal sollte klar sein, dass die Relevanz eines Films oder Genres eng mit dem Verständnis von Kunst verwoben ist. Filme sind Geschichten, und das Geschichtenerzählen gab es schon in der Steinzeit, als die ersten Menschen Comics an ihre Höhlenwände kritzelten. Es ist also tief in der Natur des Menschen verankert. Egal ob die Mythen der Griechen oder die mittelalterlichen Märchen, in Geschichten ist oft eine Botschaft oder Moral versteckt. In klassischen Geschichten gibt es zudem immer Identifikationsfiguren, einen Helden, der man selber sein möchte, Bösewichte, in denen man das aktuelle Feindbild projizieren kann (ob nun den König, den Staat, den Lehnsherr oder wen auch immer) und die Gewissheit, dass sich alles zum Guten wenden wird. Zudem sind Geschichten auch immer ein Spiegel ihrer Enstehungszeit. In den Geschichten von Naturvölker geht es oft um Jäger und wilde Tiere, in Märchen um Königreiche und heutzutage um Naturkatastrophen, organisiertes Verbrechen und was uns sonst noch so beschäftigt.

Fassen wir also einmal kurz mittels eines Gedankensprungs zusammen: Die Filme die wir mögen hängen mit unserem Weltbild zusammen.

Weltbilder
Die 50er und die Angst vor dem Kommunismus = Invasionsfilme.

Die 60er und die Propagierung der amerikanischen Familie = u.a. Die Nacht der lebenden Toten, Rosemaries Baby.

Die 70er/80er und die zunehmende Industrialisierung und die damit verbundene Bildung der Jugendkultur = die Teenslasher wie Halloween – Die Nacht des Grauens und Blutgericht in Texas.

Die 90er und die Rückbesinnung vermeintlich alter Ideale, genährt von dem Glauben, nach dem Kalten Krieg in eine neue Ära des Friedens und Wohlstands zu steuern = Scream – Schrei! darf die 70er und 80er wieder aufleben lassen.

Die 2000er und die zunehmende Gewalt in den Medien, Globalisierung und Zerstörung der Umwelt = krasse Zeiten scheinen krasse Filme zu fordern, voilà, der Torture Porno à la Hostel.

Hinzu kommt noch, dass Horror scheinbar eine breitere Masse anspricht. Jugendliche und Halbstarke wollen sich beweisen, der Freund will, dass sich die Freundin aus Angst an ihn kuschelt, Gebildete wollen einen Kontext finden, Dumme freuen sich, dass sie nicht nachdenken müssen, um den Film zu verstehen. Alte Menschen erinnern sich an das Original ihrer Jugend beim Remake und junge Menschen erinnern sich an den ersten Teil vor einem Jahr bei der Fortsetzung. Darum ist der Horrorfilm so erfolgreich! Das ist natürlich etwas scherzhaft formuliert, trotzdem geben diese Filme oft auf eine recht deutliche Art und Weise ihre Entstehungszeit wieder, und das liegt vor allem am (zahlenden) Publikum.

Wenn wir also wieder zurückgehen zu der Aussage, dass “Kunst der Spiegel ihrer Zeit” ist, dann sind Horrorfilme auch Kunst. Trotzdem sind sie eine unbeliebte Kunst. In finanziell schlechten Kinojahren können sich Horrorfilme meistens trotzdem recht gut behaupten. Natürlich liegt das auch daran, dass Horrorfilme meistens kostengünstiger sind und somit schneller ihr Budget einspielen, es liegt aber auch daran, dass diese Filme eine Art Knotenpunkt für verschiedene Weltbilder sind. Ich wage zu behaupten, dass in Horrorfilmen mehr Leuten aus verschiedenen Kreisen etwas geboten wird, als bei so manch einem anderem Genre.
Es scheint aber ein ungeschriebenes Gesetz zu geben, dass Horrorfilme erst ein paar Jahre alt sein müssen, um anerkannt zu werden. Denn selbst Nosferatu, eine Symphonie des Grauens waren bei der Erstaufführung keine guten Kritiken vergönnt. Und heutzutage gilt dieses copyrightverletzende Filmchen als der große Klassiker deutscher Filmgeschichte. Und auch Blutgericht in Texas wurde als erster Slasher im New Yorker Museum of Modern Art aufgenommen, auch wenn mit Verspätung.

Horror wird also weiter existieren. Er wird weiter Geld umsetzen wenn Blockbuster floppen, er wird weiter der Nährboden für zukünftige große Namen sein wenn sie Anfangs keiner will (Johnny Depp, Kevin Bacon, Joe Dante, James Cameron, Steven Spielberg, Sigourney Weaver etc.) und Horror wird auch weiterhin bis auf wenige Ausnahmen von seriösen Filmpreisen ausgeschlossen werden.
Und trotz aller Remakes, Fortsetzungen und Direct-to-Video Produktionen wird Horror hin und wieder einen großartigen Film hervorbringen, der dann in 30 Jahren zum Klassiker erklärt wird, um mit Verspätung dann doch das wertvolle Siegel zu erhalten: Kunstwerk!


Vorschau: Der nächste Woche erscheinende Text handelt von einem großartigen Film, der schon zahlreiche emotionale (Gefängnis)Mauern eingerissen hat.


Dieser Text stammt von unserem User SamRamJam. Wenn ihr die Moviepilot Speakers’ Corner auch nutzen möchtet, dann werft zuerst einen kurzen Blick auf die Regeln und schickt anschließend euren Text an ines[@]moviepilot.de

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