Netflix-Film mit seltener Altersfreigabe: Blond ist ein 165-minütiger Horrorfilm, der dich schockieren will

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10.09.2022 - 08:16 UhrVor 4 Monaten aktualisiert
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165 Minuten lang reist der heiß erwartete Netflix-Film Blond mit Ana de Armas in die Psyche von Filmikone Marilyn Monroe. Das Ergebnis ist ein Horrorfilm, der schocken will.

Ana de Armas spielt mit Marilyn Monroe eine der größten Filmikonen überhaupt. Entsprechend harsch waren die Reaktionen nach ersten Trailern. Vor allem am Akzent der in Kuba geborenen Schauspielerin wurde herumgemäkelt. Selbst die Verwaltung von Monroes Erbe und Produzent Brad Pitt mussten sich schützend vor sie stellen.

Nach Ansicht des 165 Minuten langen Blond bei den Filmfestspielen in Venedig steht fest: Ana de Armas spielt grandios auf in dem Biopic, das höchstens als abschreckender Hollywood-Horrorfilm funktioniert. Der Star aus Keine Zeit zu sterben und Knives Out ist schlicht besser als Blond, aber damit macht sie den Netflix-Film fast im Alleingang sehenswert.

Blond bei Netflix inszeniert Leben und Tod einer Filmikone als Horrorfilm

Regisseur Andrew Dominik (Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford) verfilmt mit Blond den gleichnamigen Roman von Joyce Carol Oates, der von der Biografie von Marilyn Monroe inspiriert wurde. Die wurde als Norma Jeane Baker in Los Angeles geboren, erlebte eine schwierige Kindheit mit einer psychisch kranken Mutter, im Waisenhaus und bei Pflegeeltern.

Schaut euch den Trailer für Blond an:

Blond - Trailer (Deutsch) HD
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Als Model wurde sie in den 40ern bekannt und als Filmstar Marilyn Monroe zu einem der Bilder, die weltweit Glanz und Elend der Traumfabrik verkörpern. Ihre Ehen mit Baseball-Star Joe DiMaggio (Bobby Cannavale) und Dramatiker Arthur Miller (Adrien Brody) fütterten die Klatschspalten, psychische Probleme und Tablettenabhängigkeit plagten sie bis zu ihrem tragischen Tod 1962.

Mehr aus Venedig:

Blond erzählt diese Geschichte im Wesentlichen von Anfang bis Ende. Nur sollte man nicht dem Irrglauben verfallen, hier ein konventionelles Biopic vor sich zu haben. Blond sträubt sich gegen konventionelle Erzählungen und steckt voller Momente, die schockieren sollen. Wer schon immer mal sehen wollte, wie US-Präsident John F. Kennedy einen Blowjob kriegt, wird bei Netflix ab dem 28. September fündig.

Das ist prinzipiell zu begrüßen, denn wenn die Welt eines nicht benötigt, dann noch eine einschläfernde Filmbiografie. Blond ist alles außer einschläfernd. Der Monroe-Film schaut sich in seinen fast 165 Minuten wie ein Streifzug durch traumatisierende Erlebnisse, der im Delirium aus Beruhigungsmitteln und Alkohol erinnert wird.

Der Netflix-Film erzählt eine Geschichte von Elend, Missbrauch und Betrug

Episodisch streift das Drehbuch Norma Jeanes Aufstieg, der wiederholt von Missbrauch, Ausbeutung und privaten Rückschlägen geprägt wird. Als Kind wird sie von ihrer Mutter beinahe ertränkt, als Erwachsene von Studiochefs bedrängt, vom Ehemann geschlagen und von den wenigen Freunden, die sie hat, betrogen.

Andrew Dominik kleidet die Horror-Story aus dem Hades Hollywood in Hochglanz-Schwarz-Weiß und blasse Farben. Er spielt mit den Bildformaten und anderen Verfremdungstechniken so lange, bis Norma Jeanes Leben wie ein nicht enden wollender Albtraum mit einer Handvoll flüchtiger Glücksmomente erscheint.

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Glück überhaupt scheint nur ein Vorwand zu sein, um den nächsten Schlag in den Bauch seiner tragischen Hauptfigur zu landen. Eine der raren Ausnahmen bildet ein rauschhaft dargebotener Dreier mit zwei Filmstar-Söhnen, der aus seinen Orgasmen surreale Bilderwelten entstehen lässt, wie wir sie nur selten in amerikanischen Filmen sehen dürfen. Bei solchen fast avantgardistischen Einfällen kratzt Blond an einem überwältigenden Filmerlebnis. Die Elendssucht des Films macht das ständig zunichte.

Ana de Armas spielt mit Marilyn und Norma Jeane zwei verschiedene Horror-Figuren

Schlussendlich überwältigt nur Ana de Armas, die sich der Aufgabe annimmt, eine unerreichbare Filmikone zu spielen. Die Ikone Marilyn Monroe wird im Film als erdrückende Rolle betrachtet, die Norma Jeane so lange spielt, bis sie davon verzehrt wird. Marilyn Monroe sein bedeutet in den Fesseln einer Horrorbösewichtin zu enden, deren Maske aus wasserstoffblonden Haaren, erdbeerroten Lippen und einem Schönheitsfleck besteht.

Ana de Armas beeindruckt mit ihrer rückhaltlosen Darstellung von Norma Jeane und Marilyn. Die Ähnlichkeit ist stellenweise verblüffend, aber nebensächlich. Die Schauspielerin macht sich beide Gesichter des Stars zu eigen, die im Film entworfen werden. Die verführerische Marilyn und die zerbrechliche Norma Jeane mit der hauchenden Stimme und den großen, gefühlvollen Augen. De Armas ist ein Wunder in Blond, weil sie dem überbordenden Stil ihres Regisseurs, der sprunghaften Erzählung und dem eintönigen Handlungsbogen standhält.

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Sie macht die Seele eines Filmstars zum roten Faden von Blond. Ein Filmstar, der in der kollektiven Erinnerung wenig mehr darstellt als ein Bild. Das Bild eines weißen Kleides, das von der heißen Luft aus einem U-Bahn-Schacht aufgeblasen wird. Diese berühmte Szene aus Billy Wilders Das verflixte 7. Jahr wird in Blond dermaßen oft in Zeitlupe wiederholt, dass es selbst Zack Snyder zu viel des Guten wäre.

Über die Filme von Marilyn Monroe und ihre Entwicklung als Schauspielerin hat Blond leider wenig zu sagen. Wie Monroe sich in einem restriktiven System eine Unabhängigkeit als Künstlerin erkämpfte, von der andere nur träumen konnten, interessiert Blond so gut wie gar nicht. Es ist schließlich viel einfacher, diese Frau als schutzloses Opfer des Star-Schicksals zu betrachten, denn als aktive Gestalterin ihres eigenen Ruhms.

Und ja, selbst die beiden Filmstar-Söhne aus dem fantastisch verträumten Dreier werden Norma Jeane irgendwann betrügen.

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