Zum 75. Geburtstag

Harvey Keitel - Dr. Jekyll und Mr. White

13.05.2014 - 08:50 UhrVor 7 Jahren aktualisiert
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Harvey Keitel
© Universal Pictures
Harvey Keitel
Er war alles und kann alles. Er war Zuhälter, Geistlicher, Polizist, Kleinkrimineller und Problemlöser. Er lässt sich nicht einordnen und seine Charaktere schon gar nicht. Harvey Keitel ist böse, besonnen oder beruhigend. Und er wird heute 75 Jahre alt.

Wirklich geläufig ist mir Harvey Keitel als ruhender Pol, als Vermittler und Schlichter. Ich führe das vor allem auf seine Rollen in den Filmen von Quentin Tarantino zurück. In From Dusk Till Dawn sehen wir ihn als Geistlichen mit verlorenem Glauben und Vater zweier Kinder im vampir-und sündenverseuchten Titty-Twister, wo nichts Schlimmeres passieren könnte, als dass der im Angesichts des Schreckens souveräne Jacob Fuller (Keitel) stirbt. Vorher, in Pulp Fiction, besetzt Tarantino ihn als herbeigerufenen hyperentspannten Problemlöser Winston Wolf, dessen lässig vorgetragene Anweisungen jegliche im Raum verbreitete Panik einschüchtern, der selbst gegenüber dem unverschämten Vincent Vega (der das Zauberwort vermisst, das Malheur aber erst verursacht hatte) besonnen bleibt. In Pulp Fiction ist Harvey Keitel in dieser bemerkenswerten Sequenz der pragmatische Puffer, der all die kriminelle Irrationalität und machomäßige Kindlichkeit versacken lässt und den Zufall in seine Schranken weist.

Die erste Rolle für Quentin Tarantino übernahm Harvey Keitel als Mr. White in Reservoir Dogs. Kurz davor ist er explodiert, darstellerisch, hat die ganze negative Energie, den Hass und die Verdorbenheit einem einzigen Charakter einverleibt. Nach Bad Lieutenant blieb ihm scheinbar nur noch Besonnenheit und Freundlichkeit. Vielleicht können Schauspieler nur eine begrenzte Anzahl verdorbener Figuren spielen. Vielleicht reicht die Energie irgendwann nicht mehr aus, das pure Böse nicht nur zu verkörpern, sondern es zu sein. Vielleicht wird es irgendwann anstrengend, dort hinzugehen, wo es weh tut, das Böse zu zeigen, zu vermitteln, zu fühlen. Das würde erklären, weshalb auch Robert De Niro das ernsthafte Schauspielern inzwischen lieber sein lässt.

Schauspielen tut weh, wenn er schauspielert, sagt Keitel, spürt er das Böse in sich. “Es ist nicht schwer, die Methode zu finden, einen Charakter zu spielen, wenn du herausgefunden hast, wer der Charakter ist.”

Im selben Jahr, 1992, spielt Harvey Keitel sowohl den Bad Lieutenant als auch Mr. White in Reservoir Dogs. Dort den vom Übel zerfressenen Verbrechensbekämpfer, hier den väterlichen Kriminellen – zwei Rollen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. In beiden ist Keitel das, was im realistischen Kino, in das er mit Robert de Niro und Al Pacino hineingeboren wurde, am meisten wert ist: Er ist authentisch. Er analysiert und präsentiert den Charakter aus der Tiefe seines Bewusstseins, ist dabei wie der Method-Actor de Niro nah dran an der momentanen, aber vollkommenen Aneignung der Gefühls- und Bewusstseinsebene der Figur. Keitel bildet präzise genau das ab, was die Figur sein soll bzw. was sie beim Zuschauer auslösen soll. Dem einen soll er sich ab-, dem anderen soll er sich zuwenden. Außer Keitel generieren beiderlei Reaktion nur wenige Schauspieler mit einer derartigen Selbstverständlichkeit und Plausibilität.

Mehr: Das total vernetzte Tarantinoversum

In der Bande der Verbrecher in Reservoir Dogs, unter denen die ganze mentale Farbpalette des Kriminellen sich zusammenfindet, ist Mr. White derjenige Verbrecher, der Schlechtes tut, im Grunde aber gut ist. Kaum ein Charakter steht Keitel besser als der von Mr. White, kaum einer passt besser zu seiner Karriere, die aus zwei miteinander verschmolzenen Teilen besteht. Sie begann mit Martin Scorsese, der ihm die Elemente des seelisch verseuchten Kleinkriminellen bis in die späten Achtziger einbetonierte. Es ist unwahrscheinlich in einem Scorsese-Film keinen Kriminellen oder Polizisten zu spielen. In Hexenkessel ist Keitel ein Schuldeneintreiber, in Taxi Driver ein Zuhälter. Noch 10, 15 Jahre danach spielte er meist Variationen dieser Charaktere.

Dem zuckenden, nervösen Sport gab Keitel in Taxi Driver etwas Abstoßendes und gleichzeitig Mitleiderregendes – in der Verkörperung der als böse und rücksichtslos akzeptierten Figurenkategorien eine bemerkenswerte Leistung. Die bösen Figuren anderer Schauspieler, eben die von de Niro oder Pacino, ernten normalerweise Bewunderung und Faszination. Und obwohl ihnen Keitel in körperlicher Attraktivität in nichts nachsteht, ist es bei ihm eher Mitleid, weil er das Schwache im Bösen freilegt und es dem Zuschauer subtil unterweist.

“Mein Himmel und meine Hölle sind fest in mir verankert. Und um mich dem Bösen nicht beugen zu müssen, muss ich wissen, wozu ich fähig bin und welche Ausformungen des Bösen in mir sein mögen[…]”

In Thelma & Louise dann ist er zum ersten Mal der ruhige Pol, der gelassene Freund und Vater mit dem besänftigenden Blick. Der Mann mit den geschnitzten Gesichtszügen, die auch nach 75 Lebensjahren nichts an Schärfe eingebüßt haben, ist eine ganz eigene Kategorie Schauspieler, denn hinter der Gelassenheit ruht immer noch die Energie des Bösen. “Ich bin kein Teufel und ich bin kein Engel.”

Ich bewundere den bösen Keitel, aber den freundlichen, den väterlichen Keitel, den mag ich. Und auch deshalb wünsche ich ihm alles Gute zum Geburtstag.

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