Gnadenlose Netflix-Zeitreise: Wer Dark verstehen will, muss mitschreiben

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Redakteur bei Moviepilot. Hat (fast) alles, was er im Leben wirklich braucht, von Star Trek gelernt. Lässt sich am liebsten von Hitchcock thrillen und von alten Horrorfilmen gruseln.

Achtung, leichte Spoiler für Staffel 2 von Dark: Staffel 2 von Dark macht nicht einfach da weiter, wo Staffel 1 aufgehört hat, sondern quetscht seine Zeitreise-Prämisse konsequent weiter aus, fast bis zum letzten Tropfen. Das Team um die Serienschöpfer Jantje Friese und Baran bo Odar schont weder seine Figuren noch die Zuschauer, wenn es um die Auswirkungen geht.

Dark bei Netflix: Zeitreisen ohne Kompromisse

Das führt vor allem zu einer Schwerpunkt-Verschiebung: Große Teile der 1. Staffel von Dark nahmen relativ alltägliche Beziehungsprobleme ein, sei es zwischen Gleichaltrigen wie Jonas und Martha oder Kindern und ihren Eltern. Der Zeitreiseaspekt schlich sich erst langsam ein und gab dem Ganzen zusätzliche Würze.

Das Hauptaugenmerk von Staffel 2 liegt hingegen auf der Demonstration, dass die zunehmenden Zeitreisen einen weit größeren Einfluss auf das Leben aller Figuren haben als angenommen, sodass das Mikkel/Michael-Paradox aus Staffel 1 fast schon trivial wirkt. Fast jede neue Enthüllung führt dabei aber zu einer weiteren Frage.

In den Hintergrund tritt dabei die Erkundung der Welt, die die Figuren in den 80er- und 50er-Jahren umgibt. In Staffel 2 von Dark kommen zwar mit 1921 und 2053 zwei neue Zeiten hinzu, diese werden aber weit weniger als gesellschaftlicher Hintergrund genutzt: Für das postapokalyptische 2053 bietet sich das ja ohnehin weniger an, und 1921 dient mehr als Treffpunkt verschiedenster Zeitreisender.

Ohne Mitschreiben geht es nicht in Staffel 2

Wie die Schicksale der Figuren fort- und zurückgesponnen und vor allem miteinander verwoben werden, fordert vom Zuschauer zwar noch mehr Aufmerksamkeit, Mitdenken und Notieren als in Staffel 1. Andererseits zieht es ihn ebenso wie die Charaktere immer tiefer in den Zeitstrudel hinein, der beiden wenig Raum zum Manövrieren lässt.

Als Verschnaufpause fungiert beim atemlosen Ritt durch die Zeitlinien nur Folge 6. Hier bringt Dark das Kunststück fertig, anstelle der 80er dem in der Serie kaum vergangenen Jahr 2019 ganz linear erzählt eine gehörige Portion Nostalgie abzuringen. Gleichzeitig führt sie in bedrückender Art und Weise vor, dass es einfach kein Entrinnen aus dem Zeitreise-Konstrukt zu geben scheint.

Das Paradox wird zur Norm

Das zeigt sich auch an einer anderen Stelle: Waren es in Staffel 1 noch zumeist andere Menschen, die den Protagonisten gefährlich wurden und Böses wollten, kommt nun eine neue Bedrohung hinzu: die zukünftigen Ichs. Nicht mal mehr sich selbst können die Charaktere trauen, denn wer weiß, wohin sie sich entwickeln und dann ganz handfest auf ihr jüngeres Ich einwirken.

Dabei schrecken die Dark-Autoren auch nicht davor zurück, die absurderen Aspekte von Zeitreisegeschichten mit großem Ernst zu behandeln. Während sich der herkömmliche Menschenverstand sträubt, zu akzeptieren, dass jemand sein eigener Vorfahr sein kann, wird dies in Dark als logische Konsequenz der Prämisse demonstriert.

Philosophie statt Beziehungsdrama

Somit ist Staffel 2 von Dark ein noch größeres Fest für alle Rätselfreunde, während naturgemäß die Nachvollziehbarkeit der Sorgen und Nöte abnimmt. Die Konflikte werden mehr und mehr auf die philosophische Ebene verlagert, anstatt dem alltäglichen Handeln ganz gewöhnlicher Figuren zu entspringen.

Hier wird nicht einfach eine übliche Erzählung um einen Mystery-Aspekt bereichert, sondern das Konzept macht sich die Handlung mehr und mehr Untertan. Dass zum Schluss noch einmal alles auf den Kopf gestellt wird, zeigt, wie ernst es die Macher mit dem Genre-Fundament ihrer Erzählung meinen.

Dark fordert bedingungslose Hingabe

Das führt letztendlich dazu, dass sich Dark in seiner 2. Staffel fast vollends zu einer Serie für Spezialisten entwickelt. Die ständigen Vor- und Rückverweise verlangen, dass wir im Grunde genommen die kompletten Biografien aller Figuren im Kopf haben, um jede neue Enthüllung, jeden frischen Hinweis einordnen zu können und das zu genießen, was Dark einzigartig macht.

Das mag zwar einerseits nach unbezahlter Arbeit statt Freizeit klingen. Dadurch wird Dark aber auch zu einer Serie, für zum Binge-Modell von Netflix so sehr passt wie vielleicht keine andere. Nur mal gelegentlich eine Folge zu gucken ist ebenso sinnlos wie die 2. Staffel zu schauen, ohne die vorherige in einer Art Wohnzimmer-Zeitreise wiederholt zu haben. Doch wen Dark einmal wirklich gepackt hat, den lässt es ebenso wenig los wie Winden seine Einwohner.

Was haltet ihr von der 2. Dark-Staffel?

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Ab 18. Juli im Kino!Anna
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