Gangster-Epos Berlin Alexanderplatz: Der perfekte Film für den Kinohunger

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Berlin Alexanderplatz
17.07.2020 - 17:40 UhrVor 5 Monaten aktualisiert
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Mit der Wiedereröffnung der Kinos zeigt sich der deutsche Film von seiner besten Seite. Berlin Alexanderplatz ist eine der aufregendsten Produktionen des Jahres.

Die Lichtspielhäuser öffnen in Deutschland langsam, aber sicher wieder ihre Pforten und ermöglichen es Kinofans, in den Genuss bewegter Bilder auf der großen Leinwand zu kommen. Während Blockbuster wie Tenet und Mulan auf sich warten lassen, zeigt sich die hiesige Filmlandschaft von ihrer besten Seite. Auf Christian Petzolds wundervollen wie zärtlichen Liebesfilm Undine folgt nun Berlin Alexanderplatz.

Die Fassbinder-Verfilmung von Berlin Alexanderplatz
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Dass Christian Petzold zu den besten Regisseuren des gegenwärtigen deutschen Kinos gehört, dürfte längst kein Geheimnis mehr sein. Transit und Phoenix haben diesen Ruf in den vergangenen Jahren nur untermauert. Die Wiedereröffnung des Kinos mit Undine fühlt sich wie ein wohltuendes Nachhausekommen an. Deutlich unberechenbarer tritt der wilde, hungrige, rastlose Berlin Alexanderplatz auf den Plan.

Ein neues und ein altes Berlin erwacht

Die Neuverfilmung von Alfred Döblins gleichnamiger Literaturvorlage entpuppt sich als dreistündiges Gangster-Epos, das vor Ambitionen geradezu überquillt. Fünf ausschweifende Kapitel und ein nachdenklicher Epilog erzählen die Geschichte von Francis (Welket Bungué), der als Flüchtling nach Berlin kommt und versucht, den Weg eines anständigen Menschen zu gehen, jedoch regelmäßig in Versuchung gerät.

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Regisseur Burhan Qurbani verlagert die zentralen Konflikte aus der Vorlage somit in die Gegenwart und dennoch fühlt sich sein Film mitunter an, als würde man in das pulsierende Berlin der Weimarer Republik eintauchen, wie es etwa in der aufwendigen Sky-Serie Babylon Berlin zu sehen ist. Unzählige Eindrücke prasseln auf uns Zuschauer wie auf Francis ein - kein Wunder, dass er die Orientierung verliert.

Berlin Alexanderplatz lebt von seinen Ambitionen

Wo sich Burhan Quarbani in Wir sind jung. Wir sind stark. noch sehr streng von der Form seiner Schwarz-Weiß-Bilder hat leiten lassen, zeugt Berlin Alexanderplatz vor allem von einer Neugier am Ausprobieren. Das hier ist ein Flüchtlingsdrama, ein Liebesfilm, eine Gesellschaftsstudie und in den spektakulärsten Momenten auch ein kompromissloser Gangsterfilm, der von tragischen wie ambivalenten Figuren bevölkert ist.

Erzählt wird uns diese Geschichte von Mieze (Jella Haase), die Francis später auffängt und trotzdem nie zu dem Anker werden kann, der sein Leben aus den Fängen des manipulativen Reinholds (Albrecht Schuch) führt. Alle drei Figuren bewegen sich in einer schicksalhaften Bewegung aufeinander zu, stoßen sich auf dem Weg dorthin trotzdem immer wieder ab. Das Zerstörerische ist Teil ihres Glücks.

Berlin Alexanderplatz

Berlin Alexanderplatz lässt uns gleichermaßen Höhe- wie Tiefpunkte erleben. Dabei scheitert der Film mindestens genauso oft, wie er gewinnt, aber genau hier verbirgt sich die große Faszination dieses Werks, das sich gerne übernimmt, nur um herauszufinden, was am Ende übrig bleibt. Und das, was bleibt, brennt sich dafür in umso eindrucksvolleren Bildern ins Gedächtnis, etwa gleich die ersten Momente der Flucht.

Der ideale Film, um den Kinohunger zu stillen

Die Welt steht auf dem Kopf und Francis rudert um sein Überleben, während er von einem roten Schimmer in die Tiefe - oder vielleicht doch schon in den Himmel - gesogen wird. Untergang und Aufbruch in einer eindringlichen Sequenz vereint: Ohne Opfer wird Francis niemals das nächste Kapitel seiner Geschichte aufschlagen. Burhan Qurbani verdeutlicht damit von Anfang an die Tragik der Figur, die wir nachfolgend begleiten.

Selbst wenn Berlin Alexanderplatz keiner dieser Film sind, die sich in einem perfekten Bogen aufbauen, um im Epilog eine dramaturgische Punktlandung hinzulegen, so vermittelt der Film definitiv das Gefühl der langen Reise, die Francis zurücklegt. Verschiedene Namen, Identitäten und Stationen: Berlin Alexanderplatz ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Irrfahrt voller Verlockungen und Niederlagen.

Berlin Alexanderplatz

Nach einer über vier Monate langen Kinopause gibt es kaum etwas Aufregenderes , als sich von einem solch lebendigen, spaltenden Ungetüm mitreißen zu lassen. Selbst als Autor dieser Zeilen bin ich gerade erstaunt, wie oft ich seit seiner Premiere auf der Berlinale an den Film denke, obwohl er mich nie vollends überzeugt hat. Dafür sind es einzelne Passagen und Momente, die mir einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen.

Neben der bereits erwähnten Eröffnungssequenz wäre da besonders das Flüstern von Jella Haase, das diesem Drama trotz all den aufwühlenden Ereignissen etwas Ruhiges, etwas Zeitloses, ja, sogar etwas Märchenhaftes verleiht. Hier beginnt Berlin Alexanderplatz, sich in einen Film zu verwandeln, der zeitlos durch eine Welt voller Schönheit und Hässlichkeit flirrt. Da kann man das Kino wieder richtig spüren.

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