Berlinale 2020: Festivalliebling Hong Sang-soo begeistert mit einer Katze

The Women Who Ran
© Jeonwonsa Film Co. Production
The Women Who Ran
26.02.2020 - 19:30 UhrVor 1 Monat aktualisiert
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Nach einer kurzen Schaffenspause meldet sich Hong Sang-soo auf der Berlinale mit seinem neusten Film zurück. The Woman Who Ran ist ein wundervolles Gedicht über Menschlichkeit, Wiederholungen und Widersprüche.

Hong Sang-soo war in der letzte Dekaden so produktiv wie nur wenige andere Regisseure des Weltkinos. 2017 brachte er gleich drei Filme auf die große Leinwand. Auch darüber hinaus war sein Name regelmäßig im Line-up der großen Filmfestivals zu lesen. Mit The Woman Who Ran kehrt er nun in den Berlinale-Wettbewerb zurück, in dem er vor drei Jahren bereits mit seinem selbstreflexiven On the Beach at Night Alone vertreten war.

Es ist sein erster Film seit über einem Jahr, was auf den ersten Blick nicht ungewöhnlich scheint. Immerhin sind wir von den meisten Filmemachern eher einen Zwei-Jahres-Rhythmus gewohnt, wenn es um die Fertiggestellung neuer Projekte geht.

Bei Hong Sang-soo kommt der Zeitraum jedoch eher einer kleinen Schaffenspause gleich. Doch die Wartezeit hat sich gelohnt: The Woman Who Ran ist ein nachdenkliches wie amüsantes Kino-Gedicht.

Die wichtigsten Fakten zu The Woman Who Ran

  • The Woman Who Ran ist der 24. Spielfilm von Hong Sang-soo und feierte im Wettbewerb der Berlinale 2020 seine Weltpremiere.
  • Kim Min-hee, die mit Hong Sang-soo erstmals im Rahmen von Right Now, Wrong Then zusammengearbeitet hat, kehrt erneut als Hauptdarstellerin zurück.
  • Erzählt wird die Geschichte einer jungen Frau, die in den Vororten von Seoul auf drei Frauen trifft, die sie schon lange nicht mehr gesehen hat.
The Women Who Ran

Im Mittelpunkt der Geschichte von The Woman Who Ran befindet sich Gam-hee (Kim Min-hee), die seit fünf Jahren mit ihrem Mann verheiratet ist. Keinen einzigen Tag haben sich die beiden bisher aus den Augen gelassen. Aufgrund einer Geschäftsreise müssen sie sich nun trotzdem trennen. Ein Umstand, der Gam-hee zurück in die Vororte von Seoul bringt, wo sie schon lange nicht mehr war. Was folgt, ist ein Eintauchen in die Vergangenheit.

The Woman Who Ran erzählt von drei Begegnungen

Drei Begegnungen katapultieren Gam-hee zurück in eine Welt, der sie eigentlich den Rücken gekehrt hat. Zuerst sind da Verabredungen mit zwei alten Freundinnen, später läuft Gam-hee einer dritten in einem Kino über den Weg, mehr oder weniger unfreiwillig. Für Hong Sang-soo tun sich dadurch nicht nur viele verspielte Möglichkeiten auf, um die Figuren zu entdecken, sondern ebenfalls, um reichlich Humor einzuschleusen.

Die Beschäftigung mit der Vergangenheit entpuppt sich dieses Mal als überwiegend heitere Angelegenheit, besonders im Hinblick auf die letzten drei Filme des südkoreanischen Regisseurs. The Day After, Grass und Hotel by the River waren doch eher düster und von einem schwarz-weißen Schleier geprägt. In The Woman Who Ran kehrt die Farbe wieder zurück, auch wenn die Schmerzen alter Tage längst nicht vergessen sind.

The Women Who Ran

Zuerst ist da aber dennoch die gutgelaunte Gam-hee, die gar nicht aufhören kann, von dem Fleisch und dem Alkohol zu schwärmen, den sie zur ersten Verabredung mitgebracht hat. Was in den meisten Filmen ein beiläufiges Detail wäre, rückt Hong Sang-soo hingebungsvoll in den Vordergrund seiner Szenen, wenn er sie nicht gleich komplett um diese herum aufbaut. Aus einer Kleinigkeit wird plötzlich ein großes Gespräch.

Eine Katze sichert sich den größten Szenenapplaus der Berlinale

Durch diese Gespräche lernen wir die verträumten, eigenwilligen Figuren kennen, die Hong Sang-soos Filme bevölkern. Eben noch schwärmen sie vom Fleisch, dann sprechen sie sich als Vegetarier aus - aus Mitleid gegenüber den Kühen (Kelly Reichardts First Cow wäre glücklich). Kurz darauf geht es dann um ein völlig anderes Tier: Eine heimatlose Katze, die zum Missfallen der Nachbarn gefüttert wird und den bisher wohl größten Szenenapplaus im Wettbewerb einholte.

Einzelne Gespräche zieht Hong Sang-soo mitunter in eine absurde Länge, ohne dass sie jemals langweilig werden. Im Gegenteil: Durch pointierte Zooms und Schwenks mit seiner Kamera weiß er selbst die unangenehmste Begegnung zwischen zwei Menschen humorvoll aufzulösen. Und dann kommt er schließlich auf die Wiederholungen zu sprechen, die durch die drei Begegnungen ins Konzept des Films eingebaut sind.

The Women Who Ran

Wer Hong Sang-soos Schaffen schon länger verfolgt, dürfte überaus vertraut sein, mit seinen feinen Variationen vertrauter Elemente. Am deutlichsten hat er das bisher in Right Now, Wrong Then getan, wo er den Figuren die Möglichkeit gewährt, die gleiche Situation einfach zweimal durchzuspielen. In The Woman Who Ran hinterfragt er diese Wiederholungen erneut und gibt widersprüchliche, aber auch poetische Antworten.

Hong Sang-soo über Wiederholungen und Menschlichkeit

Wiederholungen sind nur Erinnerungen aus dem Gedächtnis und besitzen daher kein Herz, stellt die dritte Frau fest, der Gam-hee in The Woman Who Ran begegnet. Sie ist es leid, dass ihr erfolgreicher Mann in Gesellschaft ständig nur die immer gleichen Geschichten zum Besten gibt - jegliche Magie geht hier verloren. Gam-hee stimmt nickend zu, ehe sie die gleiche Anekdote auspackt, die sie zuvor schon einmal einer Freundin erzählte.

Hong Sang-soo ist sich dieser Ironie bewusst und zelebriert den Widerspruch, der sich nicht nur im Kontext des Films, sondern im Bezug auf seine gesamte Karriere auftut. An einem Punkt entgegnet er der aufgestellten These dennoch deutlich: Auch die Wiederholung kann aus dem Herzen kommen, denn The Woman Who Left ist nicht weniger aufrichtig und berührend als seine vorherigen Werke.

In seinem Minimalismus findet Hong Sang-soo etwas unglaublich Menschliches. Die Wiederholung gibt ihm die Möglichkeit, verschiedene Ereignisse, Situation und, ja, vor allem Menschen neu zu erforschen. Stets auf der Suche nach einer ungeahnten Perspektive, einem frischen Blickwinkel - selbst wenn am Ende nur ein Monitor in krisseligen Bildern von den versteckten Gefühlen berichtet, die sich zwischen den Menschen abspielen.

Welcher Film von Hong Sang-soo hat euch bisher am besten gefallen?

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