Die besten 10 Filme des Jahres - Aus Diversity-Sicht

American Honey
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Das Jahr 2016 wird nicht gerade in die Annalen eingehen als das Jahr, in dem sich nach diversen Shitstorms (OscarsSoWhite) und Diskussionen (Whitewashing, faire Bezahlung etc.) über mehr Diversität im Film alles geändert hat. War auch nicht zu erwarten. Change is slow, wie man so schön sagt. Allerdings gibt es auch dieses Jahr wunderbare Filme, die gegen den Strom schwammen. Und das sowohl thematisch als auch in ihrer Besetzung.

Tickled

Ein Wahnsinn von Dokumentarfilm. Der neuseeländische Journalist David Farrier stößt im Netz auf eine Webseite, die Videos zeigt, in denen sich junge Männer "wettbewerbskitzeln". Zu Recht denkt hier jeder "Die machen was?" und so manch anderem fällt auch die massive Homoerotik auf, die dieser "Wettbewerb" mit sich bringt. Interessiert schreibt Farrier die Firma an, die diese Seite betreibt, doch was dann passiert, konnte niemand erwarten. Eine Repräsentantin schreibt zurück und beschimpft den Journalist, der homosexuell ist, aufs Übelste. Und plötzlich hat er Anwälte am Hals und andere Manager der Firma, die ihn bedrohen. Natürlich macht das nur neugieriger und weitere Forschungen entdecken einen unglaublichen, völlig absurden Auswuchs an Wahnsinn und Kitzeln, der für viele Beteiligten traumatisch endet, aber auch zeigt, was für bizarre Ausmaße es haben kann, wenn man seine Sexualität und Fetische nicht offen ausleben kann.


Raum

Lenny Abrahamsons Entführungsdrama ist großartig. Nicht weil hier die Fritzlesque Geschichte schön ausgeschlachtet wird, sondern weil dieser Film genau das Gegenteil tut. Anstatt das Drama zu melken, bleibt der Film immer etwas auf Abstand und beobachtet lieber ganz genau das Geschehen. Raum ist ein Film, der die Extremerfahrung hinterfragt und versucht ihre Mechanismen zu erkennen und zu beleuchten, was sie mit einer Frau wie Ma (Brie Larson) macht. Dabei geht er stets behutsam vor und bleibt Klischees und Verallgemeinerungen fern. Larson spielt ihre Figur zur Perfektion und erlaubt ihr viel Platz und Zeit, um die vielschichtigen psychologischen Prozesse auszuloten. Das macht Raum auch zu einem Film über sexuelle und psychologische Gewalt an Frauen und zu einem der wenigen Filme, die auch die Nachwirkungen auf das Leben durch posttraumatische Belastungsstörungen etc. eindrücklich aufzeigt.


American Honey

Andrea Arnold war schon immer eine der besten und präzisesten Beobachterinnen von Jugendkultur. In American Honey begleitet sie amerikanische Jugendliche, die allesamt aus der Unterschicht kommen und kein Zuhause haben bei ihren Touren durch ein marodes Land und auf der Suche nach etwas Glück und Liebe. Star (Sasha Lane) verlässt ihre dysfunktionale Familie und heuert bei einer Drückerkolonne an. Dort fährt sie in einem Kleinbus durch halb Amerika, zusammen mit den anderen Kids. Arnold schafft es hier nicht nur eine ganze verlorene Jugendgeneration zu zeigen, sondern auch deren Umgebung und die Armut, die in vielen Teilen des Landes herrscht und diesen jungen Leuten schon von klein auf jegliche Chancen verbaut hat. Dabei ist American Honey ein seltener Film, der auch LGBT-Jugendliche und genderfluide Menschen mit einbaut, ohne sie zu isolieren oder als anders zu markieren. Hier gehören sie alle dazu, vereint durch Drogen, Alkohol, Armut und den unbändigen Wunsch auf ein besseres Leben.


Ich, Daniel Blake

Wenn wir schon bei Armut und Klassenunterschieden sind, muss Ich, Daniel Blake unbedingt erwähnt werden. Regisseur Ken Loach gehört ja schon seit Jahrzehnten zu den Großen des Kinos und er ist einer der wenigen, die sich konstant und bis heute mit den sozialkritischen Aspekten der Filmkunst beschäftigen. Ken Loach macht Filme für seine Landsmänner und -frauen. Und zwar genau für die, die kein Gehör finden. Mit Ich, Daniel Blake, der auch die Goldene Palme in Cannes dieses Jahr gewann, hat Loach nun quasi den Film zum Brexit gemacht, der den massiven Verfall des britischen Sozialsystems in den vergangenen Jahren thematisiert. Daniel Blake ist ein einfacher Schreiner, der nach einem Herzinfarkt nicht mehr arbeiten kann. Doch das Amt sieht das anders und stürzt den armen Mann in eine bürokratische Mühle, die dafür gemacht ist, den Bedürftigen so wenig wie möglich zu geben und sie ewig hinzuhalten. Tägliche Demütigungen inklusive. Auf dem Amt lernt er dann noch eine junge, alleinerziehende Mutter kennen und die beiden bilden eine Art Solidargemeinschaft. Das Wunderbare und in seiner Einfachheit geradezu Revolutionäre an diesem Film ist seine alles durchdringende Humanität, die immer auf der Seite sozialer Gerechtigkeit kämpft. Das macht Ich, Daniel Blake dieses Jahr fast zu einem alleinstehenden Film in einem Meer als egozentrischen Geschichten.


Der 13.

Ava DuVernays Dokumentarfilm Der 13. ist ein Gegenmittel zum gut gemeinten, aber viel zu verallgemeinerten, lauten Michael Moorismus. Dabei scheint ihr Werk anfänglich auch sehr plakativ, immerhin arbeitet es mit dem Slogan "Gefängnisse sind die neuen Plantagen". Aber DuVernay liefert, was sie hier anteast: eine fundierte Erörterung der amerikanischen Verhältnisse, die Afroamerikaner auch seit dem Ende der Sklaverei konstant und systematisch unterdrücken, arm halten und in Massen in unfreie Systeme drücken. Und da ist das Strafrecht und Gefängnissystem der USA inzwischen das System Nummer 1, das mit Massenverhaftungen- und gefängnisstrafen eines der lukrativsten Geschäftsmodelle des Landes füttert und aufrecht erhält. Wer verstehen will, wie tief die Rassismen und rassistischen Systeme in den USA gehen, für den ist Der 13. ein absolutes Muss. Noch dazu erklärt dieser Filme so einiges an den jetzigen Unruhen und Black Lives Matter-Bewegungen und warum die kommende Regierung für viele Afroamerikaner alles noch verheerender machen könnte.


Moonlight

Niemand sah Barry Jenkins Film Moonlight kommen, doch seine Weltpremiere in Toronto dieses Jahr hinterließ einen Krater und Massen an KritikerInnen, die den Film über die Maßen lobten. Und das zu Recht. Moonlight ist ein Film über gegenderte Erwartungen an kleine Jungs, die sich schon im Kindesalter maskulin verhalten müssen (Jungs weinen nicht etc.), um nicht Gefahr zu laufen zum Opfer zu werden. Der Film begleitet den kleinen Shiron (Ashton Sanders, Alex R. Hibbert, Trevante Rhodes) in drei Episoden von der Kindheit an und zeichnet auf, wie massiv die Erwartungen der Gesellschaft an diesen Jungen sind, der schon mit 10 Jahren nicht so recht in das Bild von Männlichkeit passen will. Denn, und das ahnt der Junge schon, er ist eben anders als die anderen. Shiron ist homosexuell, doch das ist keine Option in seiner Welt, irgendwo im armen, schwarzen Amerika, wo Männlichkeitsgehabe das Wichtigste ist und den Unterschied macht, ob man auf der Straße Credibility hat oder das Opfer wird. Moonlight ist wunderschön gefilmt und inszeniert und von einer Zartheit und Menschlichkeit, dass einem das Herz bricht. Gleichsam schaut er aber auch ganz genau hin, welche Mechanismen aus Gewalt, Armut, Rassismus und Gender-Verhalten hier eine sehr wohl bekannte Mixtur formen, die eben zu noch mehr Elend, Einsamkeit und Gewalt führt.


Die Taschendiebin

Zugegeben, ich habe ein bisschen meine Probleme mit Park Chan-wooks Die Taschendiebin, denn auch hier werden wieder zwei lesbische Frauen, Sook-Hee (Tae-ri Kim) und Hideko (Min-hee Kim), und ihre Sexualität für männliche Augen inszeniert und vorgeführt. Schade, solch eine Inszenierung wäre nicht nötig gewesen, denn Die Taschendiebin strotzt ansonsten nur so von erotischen Momenten und bedarf dieser Vorführung ganz und gar nicht. Ein großer Minuspunkt dafür. Doch eben auch ein sehr großer Pluspunkt für den Rest der Inszenierung ihrer Beziehung. Auch wenn es lange so aussieht, diese beiden Frauen sind letztlich zwar durch ihre Umstände gefesselt, aber keineswegs sind sie harmlose, wehrlose Opfer in dieser herrlichen Intrige, die hier gesponnen wird. Nein, diese Frauen haben es faustdick hinter den Ohren und wissen ganz genau, wie sie sich auch in den engsten Gegebenheiten zur Wehr setzen können. Und das müssen sie auch, sind beide doch gefangen in Situationen, die aus Armut und Reichtum aber auch aus Sitte und Unterdrückung von Frauen entspringen.


Transit Havanna

Die nächste Revolution Kubas ist die "sexuelle Revolution" und diese wird von keiner anderen geleitet als von Fidel Castros eigener Tochter Mariela. Diese Revolution ist eine schwierige, versucht sie doch in diesem, was Sexualität angeht, konservativen Land die Rechte seiner LGBTIQ-Bürger zu stärken. Oder besser überhaupt erst einmal zu installieren. Transit Havanna dokumentiert das Leben einiger trans* Personen auf der Insel, die zwischen Machismo, erzkonservativen und religiösen Ideen, was Gender angeht, und ihren eigenen Wünschen hin- und hergerissen werden. Dabei beschäftigt sich der Film aber auch mit der Idee und dem Experiment innerhalb des Sozialismus eine Nische für Toleranz von Andersartigkeit zu finden. Und das in einem Land, das sich sowieso schon komplett im Umbruch befindet. Übrigens: Wer ihn noch nicht gesehen hat, schaut euch Tangerine L.A. an. Der steht nur nicht in dieser Liste, weil ich ihn letztes Jahr schon erwähnt habe.


The Ornithologist

João Pedro Rodrigues Film The Ornithologist hat alles, was das kinky Herz begehrt. Ein Vogelkundler verliert sich im Wald und trifft auf Figuren irgendwo zwischen Mythos und Wahnsinn. Zwei lesbische, sadistische Japanerinnen, die streng religiös sind, die ihn zum Heiligen Sebastian in Bondage machen und den Penis abschneiden wollen, ein taubstummer Jüngling, der Jesus heißt, Ziegen hütet und ihn verführt und noch so manch andere heidnische oder christliche Figuren und Momente werden dem Vogelkundler hier zuteil. Der Film ist so ein wunderbar erfrischender und manchmal ganz und gar dadaistischer Tauchgang hinein in eine Welt, in der Religion, Liebe, Kink und Homosexualität alle gemeinsam mit einander spielen und aus einander entstehen, anstatt in erbitterter Feindschaft gegeneinander zu arbeiten.


Sonita

Sonita ist Afghanin, lebt als Geflüchtete im Iran und will Rapperin werden. Doch ihre Familie will sie zwangsverheiraten, vor allem, um ein wenig die Armut zu lindern, in der sie lebt. Doch dann kommt zufällig die Dokumentarfilmerin Rokhsareh Ghaemmaghami in ihr Leben und alles ändert sich. Entgegen der üblichen Strategie, sich bei Dokus niemals selbst einzumischen, kauft sie Sonita quasi von ihrer Familie frei und verhilft ihr zu einem Start in ein unabhängiges Leben. Dabei ist der Film aber alles andere als einseitig. Hier geht es nicht darum die Familie zu verurteilen. Vielmehr zeichnet der Film ein genaues Bild von den Mechanismen, die hier zum Tragen kommen: Armut, Rassismus, fehlende Bildung und ein Leben ohne Heimat, ohne Status und ohne Chancen.

So viel zu meinen Highlights, was sind eure?

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Ab 26. September im Kino!Gelobt sei Gott
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