Der falsche Film gewinnt - aber die Berlinale ist auf dem richtigen Weg

Berlinale 2020
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Berlinale 2020
01.03.2020 - 16:30 UhrVor 1 Jahr aktualisiert
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Eine große politische Geste beendet die Berlinale 2020, deren Bären-Gewinner den Qualitäten des Festivals nicht ganz gerecht wird. Andere Filme hätten den Preis eher verdient.

Voller Pathos und Bedeutungsschwere in der Stimme verkündete Jeremy Irons den Gewinner des Goldenen Bären der Berlinale 2020. Das Episodendrama There Is No Evil lief als letzter Film im Wettbewerb des Festivals und am Ende wirkte der Sieg, als sei er von vornherein abgemachte Sache gewesen.

Dem iranischen Regisseur Mohammad Rasoulof (A Man of Integrity) wurde im Vorfeld die Ausreise verwehrt. Ihm stehen in seinem Heimatland ein Jahr Haft und zwei Jahre Hausarrest bevor. Die Existenz und Premiere seines Films ist ein politisches wie künstlerisches Statement für sich, das am Samstagabend durch die internationale Jury einen beträchtlichen Verstärker fand. Es liefen bessere Filme im Wettbewerb eines Festivals, das sich unter neuer Führung weiterentwickelt. Die Jury-Entscheidung war dagegen vom alten Berlinale-Schlag.

Berlinale-Gewinner: There Is No Evil lebt von den Twists

Am Ende der ersten Episode von There Is No Evil gibt es einen derart rabiaten Twist, das im Kinosaal hinter mir mehrere schockierte Ohs und Ahs laut wurden. Dieser Twist wird hier nicht verraten. An das in seiner Radikalität starke erste Viertel reicht das Drama über die moralische Verwicklung in staatliches Unrecht danach nicht mehr heran. Was auch daran liegt, dass Twists und die Unterwanderung von Erwartungen zum abgewetzten Modus operandi des Drehbuchs gehören. Der Schock allerdings bleibt in Erinnerung - womöglich auch in jener der Jury.

Leider ohne Bär: Berlin Alexanderplatz

Die politische Strahlkraft des Goldenen Bären für There Is No Evil will nicht so ganz zu einem Festival passen, das durch seine künstlerischen Herausforderungen dieses Jahr überzeugte. Es war kein großartiger Wettbewerb, aber selbst die Durchhänger waren filmisch interessant.

Sally Potters erschreckend furchtbares Vater-Tochter-Drama The Roads Not Taken wagte sich beispielsweise an die künstlerische Darstellung dementer Gedankengänge, statt geradlinig nach Sentiment zu bohren. Wobei Potter das seltene Kunststück gelang, ihren Cast um Javier Bardem, Elle Fanning und Laura Linney zu Karriere-Tiefstleistungen zu führen.

Es überwiegen aber die positiven Eindrücke im Wettbewerb der Berlinale. Kelly Reichardts von der Jury übergangener First Cow und Natalia Metas Psychothriller The Intruder boten ungewöhnliche Genre-Kost. Hidden Away näherte sich ohne Angst vor Entfremdung des Zuschauers dem Künstler-Biopic an. Eine Art italienisches Van Gogh - An der Schwelle zur Ewigkeit ist das, mit einer starken ersten Hälfte und einem erfreulichen Stilwillen hinter der Kamera.

Der Unterschied zwischen der alten Berlinale unter Dieter Kosslick und der neuen unter dem künstlerischen Leiter Carlo Chatrian - vielleicht lässt er sich in den Biopics finden. Früher lief in Berlin ein konventioneller Langweiler wie Django, heute ein Film, der solch verqueren Rhythmen folgt wie seine aussätzige Hauptfigur.

Diese Filme hätten den Goldenen Bären eher verdient

Wer hätte nun wirklich den Goldenen Bären 2020 verdient? Zum Beispiel ein Film, der die Experimentierfreude der neuen Berlinale-Leitung besser repräsentiert als There Is No Evil. Zum Beispiel Days von Tsai Ming-liang, der quasi-dokumentarisch und ohne bedeutsame Dialoge den Alltag zweier einsamer Männer begleitet.

Days

Tief drinnen glüht es bei ihnen, da verzehrt sich etwas, das Tsai erst gegen Ende an die Oberfläche bringt, als sich die beiden treffen. Weniger monumental in seinen Bildern als Stray Dogs, beeindruckt jedoch auch Days durch die sozio-ökonomische Leinwand, auf deren Oberfläche sich seine Figuren nach Zweisamkeit sehnen. Stattdessen ging mit Days einer der besten Filme des Festivals leer aus.

Das teilt der Film mit seinem thematisch verwandten Western-Pendant und Bären-Konkurrenten First Cow. Zwischen den vielen gewalttätigen und/oder gequälten Männern des Wettbewerbs boten Days und First Cow notwendige maskuline Gegenentwürfe.

Niemals Selten Manchmal Immer wäre ebenso ein verdienter Berlinale-Gewinner gewesen. Die politische Tradition des Festivals vereint der Film von Eliza Hittman durch seine Thematisierung eines Schwangerschaftsabbruchs mit einer Inszenierung, die gängigen Klischees des Sozialrealismus ausweicht. Die also eher zu einer Berlinale passt, wie sie das Engagement des früheren Locarno-Leiters Chatrian verspricht.

Die Berlinale startet vielversprechend in eine neue Ära

Denn das muss angemerkt werden: Das Ende der Ära Kosslick bedeutete auch ein zum Teil neu besetztes Auswahlkomitee des Wettbewerbs, das nun zur Hälfte aus Locarno-Veteranen besteht. Wie viel Entwicklung Einbildung und wie viel Realität ist, lässt sich nach einem Jahrgang schwer abschätzen.

The Trouble With Being Born

Die größte und beste Änderung der Ära Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek heißt allerdings Encounters. Die neue Sektion, die sich "als Kontrapunkt und Ergänzung des Wettbewerbs neuen filmischen Visionen verschreibt", bot einige der besten und am meisten diskutierten Filme im Programm.

In Encounters liefen der österreichische Science-Fiction-Film Die Last geboren zu sein von Sandra Wollner, Cristi Puius grandios arrangierte 200 Minuten-Diskussion über Gott und Krieg, Malmkrog, die schweinische Doku Gunda und Heinz Emigholz' wunderbar eigenartige Traumreise Die letzte Stadt.

Mit Encounters hat das Festival Cannes und Venedig eine hochkarätige Sektion voraus, die zugleich perfekt zur DNA der Berlinale passt. Politisches und inszenatorisch experimentierfreudiges Kino - das ist das Idealbild des Berlinale-Programms. Die Ära Kosslick hatte sich zu stark in eine Richtung bewegt. Encounters unterstützt nun die Wiederherstellung des Gleichgewichts.

Außerhalb des Kino fehlte es an Souveränität

Es war ein guter Jahrgang, in dem die Festivalleitung außerhalb des Kinosaals fehlende Souveränität zeigte. Das betrifft besonders den Umgang mit dem Großprojekt DAU, das durch zwei Filme im Programm repräsentiert wurde, DAU. Natasha im Wettbewerb und DAU. Degeneratsiya im Berlinale Special.

DAU. Natasha

Eine knappe Woche vor Festivalbeginn berichtete die Taz  mit anonymen Zeugenaussagen von herabwürdigenden Zuständen bei dem Projekt, das drei Jahre Tausende von Teilnehmern in quasi-stalinistischen Zuständen leben ließ. Alles für den Film. Die öffentliche Kenntnisnahme der Kritik an der Selektion kam allerdings zu spät, als sich Chatrian erst kurz vor Berlinale-Ende gegenüber Variety  äußerte.

Es geht hier nicht darum, ob DAU die Präsenz im Wettbewerb verdient. Anderswo legte die Berlinale-Leitung viel Wert auf die Diskussionen, die Filme auslösen können. Mit Transmission gibt es eine neue Reihe, die sich nur darum dreht. Bei DAU fiel das lange Schweigen deswegen umso mehr auf.

DAU. Natasha, der fast ausschließlich durch die Frage anstachelt, was denn echt ist und was nicht, war letztlich ein filmischer Sturm im Vodka-Glas. Was diesem Film immerhin zuzuschreiben ist: Man lernt Lars von Trier ganz neu schätzen. Auch eine Leistung, die ich der 70. Berlinale im Vorfeld nicht zugetraut hätte.

Was sagt ihr zum Gewinner der Berlinale 2020?

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