Das Schlimmste an der Harry Potter-Reihe ist ausgerechnet Harry Potter selbst

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Harry Potter – Held oder Arschloch?
31.12.2021 - 08:30 UhrVor 4 Monaten aktualisiert
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Die negativen Aspekte des Harry Potter-Franchises kennt jeder: jugendgefährdende Magieschulen, Zauber-Hitler und J. K. Rowling. Die Fantasy-Reihe hat aber noch ein ganz anderes Problem.

Um direkt zu Beginn eine Sache klarzustellen: Ich liebe Harry Potter. Also, die Fantasy-Reihe. Wenn ein neues Buch kam, rollte ich mich ganz klischeemäßig auf dem Sessel neben dem heimischen Ofen zusammen und war für die nächsten Stunden nicht mehr ansprechbar. Die Filme habe ich – natürlich! – alle im Kino gesehen. Und die Geschichte um Harry (Daniel Radcliffe), Ron Weasley (Rupert Grint) und Hermine Granger (Emma Watson), die sich dem Magie-Faschisten Voldemort (Ralph Fiennes) entgegenstellen, erneut verschlungen. Als wüsste ich nicht schon längst, was passiert.

Auch heute noch kriege ich ein warmes Gefühl im Bauch, wenn ich an das Lieblings-Franchise meiner Jugend denke. Obwohl Autorin J.K. Rowling mit ihren transfeindlichen Äußerungen und die Phantastische Tierwesen-Teile alles dafür tun, mein Andenken zu zerstören. Es gibt aber eine Sache, die ich endlich mal loswerden muss: Ich mochte Harry Potter nicht wegen seinem gleichnamigen Protagonisten, sondern trotz Harry. Der ist nämlich nicht der strahlende, sympathische Held, als der er uns von Kindesbeinen an verkauft wurde.

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Fantasy-Fans diskutieren schon seit Jahren: Ist Harry Potter ein Arschloch?

Harry Potter, das wissen wir, ist der Eine. Der Auserwählte. Der Teenager, der Superbösewicht Voldemort durch die Kraft der Liebe zu Fall bringen kann. (Klingt ein bisschen nach Sailor Moon, oder?) Eigentlich, und das dachte ich mir schon als kindliche Leseratte, ist Harry aber gar nicht so besonders. Eigentlich erringt er all seine Siege entweder durch pures Glück oder durch die Hilfe anderer. Ohne sich anschließend sonderlich dankbar dafür zu zeigen.

Deswegen kommt seit Jahren auf Reddit und in anderen Fan-Foren die Frage auf, ob Harry Potter wirklich der beklatschenswerte Underdog ist – oder nicht eher ein selbstgerechtes Arschloch. Ja, Harry hatte eine furchtbare Kindheit und durchläuft auch in seiner Zeit auf Hogwarts eine traumatische Situation nach der nächsten. Gerade für Menschen, die selbst aus missbräuchlichen Haushalten kommen, ist er eine wichtige Figur. Wenn ihr Harry liebt, all power to you!

Daniel Radcliffe in Harry Potter und der Stein der Weisen

Aber jetzt mal ganz ehrlich: Wie würdet ihr in eurem echten Leben jemanden finden, der euch ständig in die Scheiße reitet, sich ungestraft über alle Regeln hinwegsetzt, schamlos von der Arbeit anderer profitiert und anschließend auch noch wie ein Popstar dafür gefeiert wird? Wäre ich mit Harry Potter zur Schule gegangen, ich hätte ihn gehasst.

Harry Potter ist ein empathieloser Egozentriker ohne jede Charakterentwicklung

Egal ob er ohne schlechtes Gewissen fliegende Autos klaut, allen Kindern im Zug vom Familiengold die Süßigkeiten wegkauft, von seiner Freundin Hermine abschreibt statt zu lernen, oder durch seine Arroganz und Unüberlegtheit ganz aktiv die Leben seiner Verbündeten gefährdet: Harry Potter denkt oft primär an eine Person, sich selbst. Sammelt er dann doch mal durch selbstlose Aktionen ein paar Sympathiepunkte, verspielt er sie anschließend direkt wieder dadurch, wie selbstverständlich er sich Lob und Bewunderung dafür abholt.

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Insbesondere in den späteren Büchern und Filmen wird Harry immer unfairer und selbstgerechter gegenüber seinen Freund:innen und Verbündeten. Was Hermine und Ron für ihn opfern, scheint er stellenweise als selbstverständlich hinzunehmen. Mit Hagrid hängt er nur noch rum, wenn er unmittelbar davon profitiert. Ganz zu schweigen von seinem Verhalten gegenüber Mitschülerinnen, die er wahlweise komplett ignoriert, weil er sie nur aus Mangel an Alternativen zu einem Schulball eingeladen hat. Oder furchtbar behandelt, weil er einfach nicht dazu in der Lage ist, seine Eifersucht in den Griff zu kriegen.

In anderen Worten: Harry Potter ist ein Teenager. Trotzdem stoßen mich an ihm Dinge ab, die ich anderen Charakteren der Reihe verzeihe. Wie Draco Malfoy zum Beispiel. Der ist zwar alles, was ich an Harry Potter kritisiere, in schlimmer. Dafür fühlt er sich nach einem echten Menschen mit echten Eigenschaften an. Und er durchläuft in den letzten Bänden und Filmen eine spannende Entwicklung. Generell strotzt die Fantasy-Welt nur so von Charakteren mit komischen Ticks, liebenswerten Eigenheiten, furchtbaren Charakterzügen oder einem fragwürdigen aber spannenden Moralkodex. Harry Potter hingegen bleibt über alle Bücher und Filme hinweg ein glorifzierter Pappaufsteller.

Es gibt einen Grund dafür, dass Harry Potter so frustrierend langweilig ist

Einer der Gründe für den Erfolg der Buchreihe ist es, dass er in Millionen Menschen weltweit den Wunsch weckte, selbst irgendwann einen Brief aus Hogwarts zu erhalten. Statt uns direkt in eine komplexe Welt voller Magie und mysteriösen Kreaturen hineinzuwerfen, holt uns die Autorin mit dem unbedarften, komplett überforderten Harry da ab, wo wir stehen: in der Muggelwelt. Wir sollen uns als Lesende mit dem Jungen, der überlebte, identifizieren.

Daniel Radcliffe in Harry Potter und der Orden des Phönix

Deswegen ist Harry Potter ein bewusst vage gehaltener Charakter, der genug Eigenschaften hat, um gerade noch so als zentrale Figur der Geschichte durchzugehen. Aber nicht zu viele – schließlich soll jedes Kind die Möglichkeit haben, sich selbst in seine Position zu denken. Zugegeben: Für eine junge Zielgruppe funktioniert das Besser als für Erwachsene, die mehr Widersprüche und moralische Graustufen aushalten können. Ich empfand trotzdem schon als Kind eine stetige Distanz zu diesem Typen, der von allen geliebt wurde. Mich erinnerte er an die Jungs aus der Schule, die erfolgreich und beliebt sind, ohne dafür etwas tun zu müssen.

Harry Potter und die Heiligtümer des Todes hätte mich fast zum Harry-Fan gemacht

Es gibt genau eine Szene, in der ich mich Harry Potter zum ersten und einzigen Mal richtig nah gefühlt habe. In der ich verstanden habe, wer er ist und was er fühlt. Es ist sein selbstlosester Akt in der ganzen Reihe: Harry realisiert, dass er ein Horkrux ist und Voldemort nur besiegt werden kann, wenn auch er stirbt. Zum ersten Mal seit seiner Aufnahme in Hogwarts gibt es niemanden mehr, der ihn retten kann, weil er nicht gerettet werden darf. Und zum ersten Mal trifft Harry eine Entscheidung, die sich absolut richtig anfühlt.

Für einen kurzen Moment war ich versöhnt mit dem Protagonisten meines Lieblings-Franchises. Harry Potter ist kein Held, sondern eine tragische Figur. Immer gewesen. Ein Leben voller Trauma, nur weil Zauber-Hitler höchstpersönlich ihn auf Basis einer vagen Prophezeiung als seinen Gegenspieler ausgemacht hat. Harry war immer fremdbestimmt, ein Spielball seiner Umwelt, die ihn wahlweise als Messias oder Bedrohung wahrnahm. Da kann man doch eigentlich nur zum Arschloch werden – oder?

Daniel Radcliffe im großen Finale: Harry Potter und die Heiligtümer des Todes – Teil 2

Ich weiß noch, wie ich auf meinem Lese-Sessel saß und geweint habe. Ausgerechnet um Harry Potter. Doch mein Wohlwollen hielt nicht sonderlich lange an. Genauer gesagt: bis zum Epilog. Harry nennt seine Söhne Albus Severus und James Sirius? Sind das wirklich die einzigen Männer aus deinem Leben, die er in irgendeiner Art und Weise ehren will? Bei all den Vornamen wäre sicherlich auch noch Platz für Hagrid gewesen!

Ja, ich liebe Harry Potter. Egal ob Bücher oder Filme. Aber Harry, den mag ich nicht.

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