Stummfilme: gar nicht staubig!

Damals war alles besser! Deutsche Stummfilme

Szene aus Vampyr - Der Traum des Allan Grey
© Tobis Filmkunst
Szene aus Vampyr - Der Traum des Allan Grey

Ich mag die kalte Jahreszeit nicht. Wer das Pech hat, täglich das Haus verlassen zu müssen, wird von Wind und Schnee attackiert, begegnet ausschließlich vermummten Gestalten und/oder wird vom Weihnachtsstress verfolgt. Dennoch gibt es da etwas, was ich im Winter unendlich schätze: Meine gemütlichen Abende mit Stummfilmen und Glühwein.

“Stummfilme? Diese jahrhundertealten, verstaubten Werke, die heutzutage kein Mensch mehr kennt? Ist das nicht langweilig?”

Mitnichten! Wer sich eingehend mit den wortlosen Klassikern beschäftigt, weiß von den vielen Freuden zu berichten, die Stummfilme mit sich bringen. Als das Medium Film noch in den Kinderschuhen steckte, gab es noch keine Konventionen, sodass die Regisseure inszenatorische und handwerkliche Kniffe, die heutzutage ständig benutzt werden, erst noch erfinden mussten. Es ist erstaunlich, was damals ohne Computereffekte und Millionenbudgets möglich war. An dieser Stelle möchte ich auf einige große Regisseure und ihre Werke aufmerksam machen.

Teil 1: Deutsche Filme für die Welt, die großen Meister und goldene Jahre

Der Expressionismus des Robert Wiene
Im Jahr 1920 wurde ein Film berühmt, der auch heute noch nichts von seiner Faszination verloren hat und zu Recht als einer der besten Stummfilme gilt: Das Cabinet des Dr. Caligari. Beeindruckend ist der expressionistische Stil: Die Kulissen sind grotesk und verzerrt, Licht und Schatten wurden in die Sets gemalt, die nie dagewesene, märchenhafte Optik bescherte dem deutschen Film einen großen Erfolg und ist aus heutiger Sicht wohl am ehesten mit den Filmen von Tim Burton vergleichbar. Doch auch inhaltlich hat das Werk von Robert Wiene einiges zu bieten und kann mit dem vielleicht ersten Plottwist der Filmgeschichte überraschen.

Regisseur Robert Wiene wurde schlagartig berühmt, sein nächster Film Genuine konnte aber nicht an seinen Geniestreich anknüpfen. Beachtenswert ist dagegen sein Horrorfilm Orlacs Hände, der mit einer ungewöhnlichen Handlung aufwartet: Ein Pianist verliert beide Hände, auf sein Verlangen werden ihm per Operation die Hände eines Toten angenäht. Doch diese stammen von einem Mörder – und der Pianist beginnt sich zunehmend unwohl zu fühlen, als bald mysteriöse Morde geschehen.

Die großen deutschen Meister: Murnau, Lang, Pabst
1922 war ein großes Jahr für den deutschen Film. F.W. Murnau schuf mit Nosferatu, eine Symphonie des Grauens einen absoluten Klassiker des Vampirfilms. Das Schauspiel von Hauptdarsteller Max Schreck, die dichte Atmosphäre und das handwerkliche Können (beispielsweise beim schon recht dynamischen Schnitt) wissen auch heute noch zu gefallen. Im selben Jahr erschienen auch seine Filme Phantom sowie Der brennende Acker. In Letzterem stellte F.W. Murnau das Thema Gier der Liebe gegenüber.

Im selben Jahr erschien auch Dr. Mabuse, der Spieler – Ein Bild der Zeit von Fritz Lang. Trotz einer Spielzeit von 270 Minuten ist der Film sehr sehenswert, da er nicht nur eine etwas langatmige, aber jederzeit interessante Geschichte um ein Verbrechergenie erzählt, sondern auch ein tolles Bild des Lebens in der Weimarer Republik zeichnet. Bei der Bebilderung von Spielhöllen und bunten Bordellen wähnt man sich schon nach einer kurzen Zeit selbst in den 20er Jahren. Langs Fortsetzung Das Testament des Dr. Mabuse muss, obwohl es sich bereits um einen Tonfilm handelt, unbedingt lobend erwähnt werden, da er wesentlich rasanter ist, mehr Spannung bietet und die Geschichte um Mabuse zu einem tollen Ende führt.

1924 festigte F.W. Murnau weiter den Ruf des deutschen Kinos, sein neuer Film Der letzte Mann wurde ein großer Erfolg und weiß auch heute noch zu gefallen. Emil Jannings überzeugte in der Hauptrolle, das Drehbuch hatte keine überflüssige Szene und der Regisseur inszenierte die Geschichte so gekonnt, dass er fast völlig ohne Zwischentitel auskam. Enorme Bedeutung hatte die Kameraarbeit von Karl Freund, da die Kamera nicht statisch war, sondern bewegt wurde, weshalb Der letzte Mann dynamischer als viele andere Stummfilme ist und als erstes noch erhaltenes Werk eine „entfesselte Kamera“ zeigt.

1926 wurde einer der großen deutschen Stoffe verfilmt. Wiederrum war es F.W. Murnau, der sich Johann Wolfgang Goethe annahm und Faust in Szene setzte. Emil Jannings brillierte als Mephisto, die Schau wurde ihm in der ersten Hälfte von den grandiosen Effekten gestohlen, bei denen sich die Frage stellt, wozu man eigentlich CGI braucht.

1927 legt Fritz Lang mit seinem weltberühmten Epos Metropolis nach. Auch hier sind die Effekte sehr ansehnlich, ebenso das Setdesign, während das Drehbuch von Langs Ehefrau Thea von Harbou vor allem wegen des aufgesetzten Endes nicht wirklich überzeugen kann. Metropolis war eine der teuersten Produktionen seiner Zeit, es sollen rund 27.000 Komparsen zum Einsatz gekommen sein, denen der Perfektionist Fritz Lang so einiges abverlangte.

Ein weiterer weltbekannter Regisseur aus vergangenen Zeiten ist der Österreicher Georg Wilhelm Pabst, der für seine Werke vorwiegend realistische statt fantastische Themen nutzte, weshalb seine nachexpressionistischen Filme der Stilrichtung „Neue Sachlichkeit“ zugeschrieben werden. Schon in den 20er Jahren konnte Georg Wilhelm Pabst einige Erfolge erlangen. Seine bekanntesten Filme Tagebuch einer Verlorenen und Die Büchse der Pandora entstanden 1929 und hatten mit Louise Brooks eine Hauptdarstellerin mit enorm natürlicher Ausstrahlung.

Nach seinem künstlerisch und auch kommerziell eher enttäuschenden Werk Spione war es Fritz Lang, der die letzte ganz große deutsche Stummfilmproduktion realisierte. Frau im Mond hat eine Laufzeit von mehr als zweieinhalb Stunden und ist ein wunderbares Beispiel für den heute vergessenen Einfluss des Mediums auf die Gesellschaft. Fritz Lang wollte beim Start des Raumschiffs zum Mond Spannung erzeugen, also erfand er quasi nebenbei den klassischen Countdown, der heute noch bei Starts aller Art genutzt wird. 27 Jahre nach dem ersten Science-Fiction-Film Die Reise zum Mond schloss sich der Kreis, das klassische Stummfilmkino wurde Vergangenheit.

Dann erhielt nach und nach der Tonfilm Einzug in die Kinos von Deutschland. Den Beweis, dass der Stummfilm trotz sinkender Popularität allein aufgrund seiner Errungenschaften für das Medium nie wirklich tot sein wird, statuierte –natürlich- ein Meisterregisseur aus vergangenen Zeiten: Carl Theodor Dreyer. Sein Horrorfilm Vampyr – Der Traum des Allan Grey ist zwar rein technisch ein Tonfilm, konnte expressiv aber kaum weiter vom neuen Standard entfernt gewesen sein. Carl Theodor Dreyer ließ nur wenige Dialoge sprechen, nutzte Texttafeln und overactende Darsteller. Abgesehen davon ist Vampyr – Der Traum des Allan Grey ein beeindruckender Film mit sich autonom bewegenden Schatten, gruseligen Traumsequenzen und einigem Interpretationsspielraum, sodass der Film an die Werke eines David Lynch erinnert und für Fans von diesem empfehlenswert ist.

Obwohl Deutschland in den 20er Jahren die führende Kinonation war, sind natürlich auch tolle internationale Stummfilme entstanden. Über die Werke aus Schweden, den USA oder Japan erfahrt ihr morgen mehr in Teil 2. Bis dahin sei noch bemerkt, dass wegen des umfassenden Themas leider viel zu wenig Platz für weitere Klassiker, Nennungen von Schauspielern, Bühnenbildnern oder Regisseuren und tollen Anekdoten war. Doch dafür gibt es ja eine eifrige Community und die Kommentarfunktion :)


Dieser Text stammt von unserem User Tom Schünemann, der den meisten wohl besser unter dem Namen Filmsüchtiger bekannt sein dürfte. Wer ebenfalls Text-Ideen oder bereits was aufgeschrieben hat, wende sich an ines[@]moviepilot.de.

Community Autor
folgen
du folgst
entfolgen
Deine Meinung zum Artikel Damals war alles besser! Deutsche Stummfilme