Cannes 2016

Charlize Theron in The Last Face - Nicholas Sparks im Massengrab

The Last Face
© Tobis Film
The Last Face
21.05.2016 - 17:30 UhrVor 5 Jahren aktualisiert
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Sean Penn inszeniert Charlize Theron und Javier Bardem in dem peinlichen Kriegsdrama The Last Face, das auch von seinen humanitären Ambitionen nicht gerettet werden kann.

The Last Face von Sean Penn lehrt mich Filme beim Festival Cannes neuerlich schätzen, denen ich mit Vorbehalten gegenüberstehe. The Salesman von Asghar Farhadi fällt darunter. Es ist ein weiteres Moralstück, das allerdings die Dringlichkeit von Nader und Simin - Eine Trennung durch den vertrackten Überbau eines Arthur Miller-Stücks (des Arthur Miller-Stücks) ausbremst. Brillante Mendozas Ma' Rosa ließe sich hier nennen, in dem der Regisseur seinen Geschichten der allgegenwärtigen institutionellen Ausbeutung im philippinischen Alltag wenig Neues hinzufügt. Mit Jaclyn Jose bietet der Wettbewerbsbeitrag allerdings eine fantastische Hauptdarstellerin, die uns durch die Höhen und Tiefen einiger Stunden in Manila geleitet. Aus unerfindlichen Gründen wurde The Last Face neben diesen Filmen im offiziellen Wettbewerb von Cannes gezeigt, wo doch ein Special Screening oder ein Programmplatz außer Konkurrenz den Schmerz bedeutend schneller gelindert hätte. Und Schmerz ist keine Untertreibung. Ab einem bestimmten Punkt in der Kriegsromanze mit Charlize Theron und Javier Bardem bereitet jede Szene, jede Einstellung in The Last Face Schmerzen. Jede schmachtend in der Spätabendsonne eingefangene Haarsträhne, jedes blutverschmierte Gesicht, jedes Glitzern in der idyllischen Natur, jeder aufgeschnittene Bauch. Immerhin, The Last Face ringt dem Zuschauer eine Reaktion ab, worin schon viele Filme versagen. In diesem Fall wäre Indifferenz ein Segen gewesen.

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Sean Penn hat diesen Film über eine Aktivistin (Charlize Theron) gedreht, die in den Krisenherden Westafrikas für eine medizinische Hilfsorganisation arbeitet. Wren, so der Name der von Vaterkomplexen angetriebenen Heldin, trifft den Arzt Miguel (Javier Bardem), beide beginnen eine Liebesbeziehung zwischen Flüchtlingscamps und verbrannten Dörfern, während die Sonne und melancholisches Gitarrengezupfe auf sie niederregnet. Sie will ihrem toten Vater nacheifern, er kann einfach nicht davon lassen, anderen unter Einsatz seines Lebens zu helfen. Gemeinsam werden sie Zeuge des Leids, das im Südsudan und Liberia die Flüchtlingsströme in Bewegung setzte und noch setzt. Doch dieses Leid ist nichts gegen zwei Liebende, die von einer Kluft getrennt werden, die viel willkürlicher gesetzt wurde als jede Straßensperre auf Drogen gesetzter Kindersoldaten: die Kluft zwischen ihren Persönlichkeiten. Und diese Beschreibung kommt dem deplatzierten romantisch-elegischen Anstrich von The Last Face nicht einmal im entferntesten nahe.

The Last Face

Irgendwo am unergründlichen Boden dieses nicht enden wollenden Abstiegs in den qualitativen Marianengraben liegen gute Absichten begraben. Da wird sich die Zeit genommen, damit Charlize Theron auf einem Charity-Ball eine Rede halten darf. In der mahnt sie uns Zuschauer, die gerade 125 Minuten Nicholas Sparks im Massengrab hinter sich gebracht haben, dass Flüchtlinge auch nur Menschen sind. Ein andermal streiten Wren und Miguel über Sinn und Unsinn der Entwicklungshilfe von Staaten, deren Wohlstand aus dem Raubbau ärmerer Regionen erblüht. Die moralischen Zwiespälte der beteiligten Künstler, die sich abseits der Sets für eben solche Charity-Bälle und Hilfsorganisationen engagieren, scheinen hier durch. Allen Ansätzen eines selbstreflektierten Aktionismus zum Trotz haben Sean Penn und seine Drehbuchautorin Erin Dignam mit The Last Face eine künstlerische Fehlkalkulation vorgestellt, die wohl mit keinem anderen Beitrag im Genre des Grausamkeitstourismus afrikanischen Einschlags zu vergleichen ist.

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Es gehört zu den Bausteinen dieser Narrationen, dass sich die Eigenschaften der Einheimischen häufig auf ihr Potenzial für Leid beschränken. Agendabefreite Figuren werden in Filmen wie Der ewige Gärtner, Tränen der Sonne oder Mord unter Zeugen eingeführt, um dem weißen Helden durch Tod oder Töten den Schrecken des unzivilisierten Kontinents vorzuführen. Sie bilden oft genug eine undefinierbare Masse im Hintergrund, die sich einzig durch die Extreme von Gewalt und Romantisierung hervortut. Die dadurch entstehenden "Afrika-Bilder" gehören zur Norm des amerikanischen Mainstream-Kinos, wobei ihnen weder durch Länder- noch mediale Grenzen Einhalt geboten wird. Das Drehbuch von The Last Face überrascht also nicht damit, dass sich die bedeutenden Sprechrollen der Patienten, Flüchtlinge und lokalen Ärzte an einem Victory-Zeichen abzählen lassen. Ganz um die Würdigung der heroischen Selbstaufgabe der zugereisten Mediziner bemüht, blendet der Weichzeichner in The Last Face die menschliche Peripherie eben dann aus, wenn sie nicht zum angstverzerrten Blick oder motivierenden Lächeln taugt. Die unfreiwillig komischen Dialoge lassen sich als bemühte Poetik abtun ("It is not grabbing, it is loving."), komplementär zum überbordenden Einsatz impressionistisch gesetzter Zärtlichkeiten. Wenn es auch kaum eine lustigere Szene beim diesjährigen Filmfestival in Cannes gibt als jene, in der die Figur von Adèle Exarchopoulos in einer Minute mitbekommt, wie ihre große Liebe mit einer anderen Frau anreist, und in der nächsten bekanntgibt, dass sie als HIV-positiv diagnostiziert wurde. An diesem Käse würde Toni Erdmann seine falschen Zähne ausbeißen.

Ihren bewundernswerten Heroismus schnitzen die Ärzte in The Last Face jedoch aus namenlosen schwarzen Körpern. Sie sägen an Oberschenkelknochen herum, sie schneiden Bauchdecken auf, sie streichen über geborstene Wangenknochen und die Kamera tut es ihn gleich, lässt keinen blutigen Beinstumpf und keinen Leichenberg aus, um der rettenden Liebe von Wren und Miguel das Versprechen der Selbstverwirklichung durch das eigene Martyrium in den Weg zu stellen. Ein perfides Kunstwerk setzt sich so während des Schnippelns und Sägens der leidenden Helden zusammen, für welches das Drehbuch schließlich ein konkretes Bild findet. Da diskutieren Wren und Miguel über die Bedeutung von Otherside von den Red Hot Chili Peppers, bevor eine Vollbremsung die spaßige Stimmung trübt. Vor ihnen wartet das nächste Massaker, die Straße davor abgesperrt durch ein Stück Darm, an dessen anderem Ende noch eine Leiche hängt. Miguel, ewiger Retter in der Not, überschreitet diesen metaphorischen Jordan und schleift den Film gleich mit.

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