Breaking Bad: Der Netflix-Film ist eine Bedrohung für das perfekte Serienende

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Es wird wieder gekocht. Ein erster Teaser kündigt die Rückkehr von Aaron Paul als Jesse Pinkman in einem Breaking Bad Spin-off an. El Camino: A Breaking Bad Movie wird bereits am 11. Oktober bei Netflix erscheinen und von Jesses Zeit nach dem Serienfinale erzählen. Das gesamte Team hinter der Kamera kehrt ebenfalls zurück und über mögliche Cameos darf wild spekuliert werden.

Breaking Bad ist also wieder da. Das klingt natürlich zunächst einmal toll. Ich muss jedoch gestehen, dass eine Fortsetzung von Breaking Bad für mich immer mit einer gehörigen Portion Skepsis betrachtet wurde. Selbst als die Serie noch auf AMC lief, verfolgte ich jede Ankündigung einer weiteren – aber nicht unbedingt letzten – Staffel argwöhnisch. Wie hoch können Vince Gilligan und sein Autorenteam schließlich das Kartenhaus bauen, bis alles in sich zusammenfällt, nein, zusammenfallen muss?

Breaking Bad ist eine sehr besondere Serie. Wie keine zweite Serie vereint sie harte Gewalt mit sanft gezeichneten Figuren, aussichtslose Momente mit kühnen Plottwists. Keine Staffel hat einen Durchhänger, kein Handlungsstrang ließ die Serie zappeln. Alles führte immer zu dem großartigen Finale hin und baute stetig auf allem Vorangegangen auf, sodass die erwartbare Explosion am Ende riesig und stimmig war. Nichts hat gewackelt, nichts fiel in sich zusammen. Eine seltene Perfektion in der Serienlandschaft.

Tread lightly, oder: Wieso der Breaking Bad Film vielleicht keine so gute Idee ist

Gilligan und seine Autoren machten in Interviews keinen Hehl daraus, dass man ganz bewusst Herausforderungen suchte. Gemeinsam schrieben sie sich in eine Ecke, um dann wie Walter (Bryan Cranston) und Jesse verzweifelt eine Lösung zu finden. Method-writing quasi. Das ist höchst riskant und trotzdem immer wieder geglückt. Doch wie lange kann das gut gehen?

In einem Serienkontext, in dem andere Kultserien wie Lost oder Game of Thrones beim Publikum am Ende kontrovers aufgenommen wurden, gibt es für Breaking Bad bis heute nur Liebe. Ob Walter White, Jesse Pinkman, die Nazi-Gang oder Lydia – im Finale kam keine Figur gut weg; alles das Endresultat von toxischer Männlichkeit, verletztem Stolz und dem puren Narzissmus eines einzelnen Mannes. Fan-Favoriten wurden unliebsam entledigt und selbst der blindeste Fan musste in der letzten Staffel erkennen, wer der wahre Bösewicht der Serie ist.

Es ist kurios, wie trotz der vielen Toten und harten Schläge im Finale – in Wahrheit ein Epilog nach dem wahren Finale in der Folge „Ozymandias“ zwei Wochen zuvor – der Ausgang der Serie als zufriedenstellend zu bezeichnen ist. Keine Petitionen, keine wütenden YouTube-Essays, nicht ein böses Twitter-Hashtag. Wieso also am eigenen Vermächtnis rütteln?

Breaking Bad gab Jesse das perfekte Ende

Selbst Jesse, der so ziemlich alles verlor und am Ende nur mit seiner Freiheit davonkommt, erhält im Kontext ein befriedigendes Ende. Nach Walts erfolgreicher Attacke auf den Nazi-Unterschlupf lebte nur noch Todd Alquist (Jesse Plemons) – aber nur für ein paar weitere Sekunden, denn sobald das Gewehr verstummte, wurde er von Jesse erwürgt. Zuvor verdichteten sich die Hinweise, dass Jesse nicht nur als Sklave für die Gang kochte, sondern von Todd auch sexuell missbraucht wurde.

Dann griff Jesse zur Pistole und richtete sie auf seinen ehemaligen Lehrer und den Drogenbaron, der sein ganzes Leben binnen zwei Jahren vernichtete und für so viel Leid in Jesses Leben verantwortlich war. „Du willst das.“, sicherte der große Heisenberg ihm sogar zu. Doch dann bemerkte Jesse Walts Schussverletzung. Ozymandias lag bereits am Boden. Das ist endlich der Moment, in dem sich Jesse vollends befreien kann: „Dann tu es selbst.“

Obwohl der Epilog im Finale der Serie also nur in einer Tragödie enden kann, schenken die Autoren immerhin dem armen Jesse einen kleinen Hoffnungsschimmer. Sein emanzipatorischer Akt ist physischer und psychischer Natur und zum ersten Mal in der Serie scheint Jesse sein eigener Mann zu sein, als er in dem Chevrolet El Camino vom Gelände düste.

Als er mit dem Wagen die Zäune seines Gefängnisses durchbrach, erlebte auch Aaron Paul den Höhepunkt seiner fantastischen Darbietung als Jesse. Es ist keine Überraschung, dass Vince Gilligan so lange auf dem manischen Lachen Pauls bleibt. Dies war Jesse Abschied. Ein perfektes Ende.

Was uns der Teaser von El Camino verrät

Nun stellt sich die Frage: Wie geht Jesse mit seiner neuen Freiheit um? Der Teaser-Trailer verrät noch so gut wie nichts. Skinny Pete (Charles Baker) wird von der Polizei über Jesse Pinkmans Verbleiben vernommen, doch der Junkie entpuppt sich als wahrer Kollege und verrät nichts. Ein loyaler Typ, der aber wahrscheinlich auch noch von Walts Bezahlung und der Abmachung bezüglich Elliot und Gretchen Schwartz zusätzlich motiviert ist.

Zuvor zeigt uns die Kamera den Vernehmungsraum von außen. Neben der Tür hängen die Portraits von Hank und Gomie, was auch die Motivation der Polizisten verdeutlicht: Nachdem alle tot sind, muss einer für die Morde an den Polizisten dingfest gemacht werden. So könnte es sein, dass der Film sich vielleicht gar nicht so sehr um Jesse selbst dreht, sondern um die Suche einiger neuer Figuren nach ihm, die mit dem Fall betraut wurden.

Was Better Call Saul über El Camino verrät

Doch wenn man Filmposter und Titel betrachtet, wird schnell klar: Dies wird Jesses Schwangengesang. El Camino – spanisch für u.a. „der Weg“ – ist eben nicht nur ein Verweis auf Jesses Fluchtmittel, sondern auch als Metapher für seine Flucht und die Unausweichlichkeit eines tragischen Endes. Was wartet am Ende seines Weges auf ihn? Und müssen wir das wissen?

Ja, unbedingt, wie Better Call Saul beweist. Die Serie, die inzwischen locker auf einer Stufe mit dem Original steht, steigert sich ebenfalls von Staffel zu Staffel. Auch hier ist das unausweichliche Ende bekannt, doch die Autoren spielen famos mit der Erwartungshaltung der Zuschauer. Mehr ist nicht immer besser, aber keiner kennt diese Figuren genauer als diese eingespielte Crew, die seit mehr als zehn Jahren mitreißende Geschichten in diesem Universum erzählt. Somit kann El Camino der perfekte Spiegel zu Better Call Saul werden.

Beide Geschichten erzählen nämlich von einsamen, verletzten Männern, die zu nahe an Walter Whites Seite standen. Beide kamen lebend davon und sind dennoch für das Leben gestraft. Als Saul Goodman verzockte Jimmy McGill sich schlussendlich und kam der Flamme zu nahe. Verbrannt kann er als Gene in Nebraska ein trauriges Dasein pflegen. Er lebt – aber wofür?

Wie dies ausgeht, ist noch ungeklärt, doch er scheint sein Schicksal akzeptiert zu haben. Wie die Serie durch Flashbacks und weitere Kniffe beweist, unterscheidet sich das spätere Leben gar nicht so sehr von den Anfängen. Better Call Saul als Gesamtwerk ist ein bedrückendes Gleichnis über einsame Männer, in das Jesse – auch aufgrund seines Alters – nie wirklich passte.

El Camino muss anders werden und das ist die Gefahr

Aber die Unterschiede gehen tiefer. Jesse Pinkman hatte eine Familie. Er hatte Eltern, die nach ihm fragten und mit Jane (Krysten Ritter) eine Freundin, die sich aufrichtig um sein Wohlbefinden sorgte. Auch Andrea (Emily Rios) wurde in den späteren Staffeln ein wichtiger Teil seines Lebens. Das Schicksal von ihrem Sohn Brock ist nicht bekannt, doch es ist davon auszugehen, dass er am Leben ist. Wird Jesse nach Albuquerque zurückkehren, um ihn aufzusuchen?

Jesse ist nicht jemand, der all dies einfach so akzeptiert und ruhig verarbeitet wie Gene. Wie schwer ihm die traumatischen Ereignisse der Staffel zusetzten, sah man immer wieder in großartigen Szenen auf der Kartbahn, dem Karussel oder seinen Fahrten mit Mike (Jonathan Banks). Und das war vor seiner Zeit als Meth-Koch bei den Nazis. Er wird eine gehörige Portion Wut im Bauch haben.

Es ist völlig unklar, wie Vince Gilligan diese losen Fäden stilistisch zusammenführen wird. El Camino könnte ein überraschend stilles Portrait über einen gepeinigten Mann werden, der Frieden mit seinem Schicksal geschlossen hat und dennoch nicht in Ruhe gelassen wird. Ebenso könnte eine wilde Verfolgungsjagd im traditionell gelb-gefärbten Mexiko folgen, bei der Jesse wieder kochen muss und das Juárez-Kartell als Drogenboss beerbt. Aber so richtig passt das alles nicht.

Aaron Paul funktionierte als Jesse so großartig, weil der junge Mann als Spielball zwischen mächtigeren Kräften leiden konnte und für den Zuschauer oft zum Herzen der bitterbösen Serienwelt und zur Identifikationsfigur wurde. Aaron Paul kann sicherlich den Film stemmen, doch ob Jesse als Figur ausreicht, bleibt fraglich.

Breaking Bad wird nicht schlechter durch eine unbefriedigende Fortsetzung. Dazu gibt Better Call Saul Mut, dass Zweifler sich in qualitativer Hinsicht keine Sorgen machen müssen. Doch schlussendlich muss der Film die Frage beantworten, wieso es weitergeht und wieso diese Geschichte nach dem perfekten Ende fortgeführt werden muss.

El Camino: A Breaking Bad Movie steht ab dem 11.10.2019 bei Netflix für Abonnenten als Stream bereit.

Was sind eure Erwartungen an den kommenden Breaking Bad-Film?

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