Auslöschung - Wir deuten das Ende des Sci-Fi-Films

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Seit heute ist Alex Garlands neuer Film Auslöschung in Deutschland auf Netflix zu sehen, bereits 17 Tage nach seinem Kinostart in den USA. Der Science-Fiction-Thriller erzählt von der Biologin Lena (Natalie Portman), deren Mann Kane (Oscar Isaac) sich ein Jahr zuvor auf eine geheime militärische Mission gemacht hat, jedoch nie zurückgekehrt ist. Entgegen aller Erwartungen taucht er plötzlich wieder zuhause auf, scheint aber nicht derselbe Mann und außerdem schwer krank zu sein. Im Zuge dessen findet sich Lena bei der Geheimorganisation wieder, für die auch Kane gearbeitet hatte. Sie erfährt von einer mysteriösen Gefahrenzone, dem Schimmer, aus der außer ihrem Mann zuvor nie jemand zurückgekehrt ist. Auf der Suche nach Antworten entschließt sie sich kurzerhand dazu, sich dem nächsten Expeditionsteam in den Schimmer anzuschließen. Achtung, Spoiler zu Auslöschung!

Der Schimmer

Auslöschung wirft sicherlich durchgängig mehr Fragen auf, als er beantwortet. Der Film wird keinesfalls erst zum Ende hin mysteriös. Bereits als Lena und das restliche Forschungsteam durch den seltsamen, regenbogenfarbigen Schleier gehen und den Schimmer betreten, beginnt der Film, die Naturgesetze zu dekonstruieren und somit die großen Fragen der menschlichen Existenz zu stellen. Das Team findet nach kurzer Zeit heraus, dass der Schimmer wie eine Art Prisma funktioniert, das jegliche Form von Materie bricht, zersetzt und neu zusammenfügt. Somit werden jegliche Organismen, die sich innerhalb des Schimmers befinden, einer Umstrukturierung auf molekularer Ebene unterzogen - ihre DNA mutiert. Auch die Frauen des Expeditionsteams werden von diesen Prozessen nicht verschont und bemerken schon bald die Veränderungen, sowohl körperlich als auch geistig. Sie sind nicht dieselben Frauen wie vor dem Schimmer.

Über den molekularbiologischen Zugang behandelt der Film letztendlich das Motiv einer unausweichlichen Selbstzerstörung, die dem Menschen dem Film nach immanent ist. So merkt Lena beispielsweise an, dass diese Selbstzerstörung allein durch den Alterungsprozess bereits fest in unsere DNA geschrieben ist. Laut Dr. Ventress (Jennifer Jason Leigh) ist es dementsprechend Ausdruck unserer Menschlichkeit, selbstzerstörerisch zu handeln. Durch seine Funktionsweise als Prisma beschleunigt der Schimmer diesen Prozess lediglich. Dieses Motiv zieht sich daher nicht nur durch die wissenschaftlichen Elemente des Films, sondern äußert sich auch auf emotionaler Ebene über die individuellen Geschichten der Frauen. Jede bringt bereits im Vorfeld selbstzerstörerische Tendenzen mit sich, jede ist freiwillig dort. In Lenas Fall zeigt sich diese Tendenz in einer Affäre, die sie vor ihrem Mann geheim hält. Viel später erfährt sie, dass er sehr wohl davon wusste, und macht sich im Zuge dessen selbst für seine Teilnahme an der Mission verantwortlich. Ihre eigene Reise in den Schimmer ist somit teils Selbstbestrafung, teils ein Ausdruck ihrer Reue und in gewisser Weise sicher auch ein Bitten um Vergebung.

Der Leuchtturm

Schließlich ist jede von Lenas Begleiterinnen verschwunden. Sie alle sind der Natur des Schimmers zum Opfer gefallen, sie als tot zu bezeichnen, wäre jedoch nicht ganz richtig. Auf unterschiedliche Art und Weise wurden sie alle durch Umstrukturierung ihrer DNA Teil des Schimmers, teils gewaltsam, teils aus freien Stücken. So beginnt der dritte Akt des Films mit Lena, die allein einen Strand entlanggeht und sich auf den vermeintlichen Ort des Ursprungs, den Leuchtturm zubewegt. Sie scheint keinen Gedanken an ein Zurück zu verschwenden, weil sie weiß, dass auch sie bereits eine andere ist, als sie es zu Beginn war. Sie handelt nicht im Sinne ihrer eigenen Selbsterhaltung, einfach und allein deswegen, weil die schiere Vorstellung ihres alten Selbst für sie nicht länger von Relevanz zu sein scheint. Im Leuchtturm findet sie eine Videokamera, die ihr zeigt, was sie irgendwo bereits wusste: Der wahre Kane hat nach der langen Zeit im Schimmer sichtbar den Verstand verloren. Das Video zeigt, wie er sich selbst mit einer Phosphorbombe zerstört, bevor schließlich sein Doppelgänger ins Bild tritt. Es wird klar, dass der Mann zuhause nicht Lenas wahrer Mann, sondern ein Produkt des Schimmers ist.

Schließlich betritt Lena einen Tunnel und stößt dort auf Dr. Ventress, die jedoch nicht mehr sie selbst ist, sondern viel mehr von einer außerirdischen Präsenz besessen zu sein scheint. Sie erklärt Lena, dass sie nicht wisse, was es ist, was oder ob es überhaupt etwas will. Es würde lediglich wachsen und sich ausbreiten, bis es alles umschließen werde: Das sei die Auslöschung. Schließlich löst sich ihr Körper auf und eine Art pulsierende Wolke materialisiert sich vor Lena. Nachdem diese einen Tropfen ihres Blutes absorbiert hat, materialisiert sich die Präsenz in humanoider Form. Zwischen Lena und dem Wesen entwickelt sich ein hypnotisierender Tanz: Es ahmt jede ihrer Bewegungen nach, es ist wie ein Spiegelbild ihrer Selbst. Es kämpft nicht mit ihr, es droht viel eher sie dadurch zu zerstören, dass es das Gleiche tut wie sie selbst. Als das Wesen durch eine Berührung schließlich zum identischen Ebenbild Lenas wird, weist der Film uns so deutlich auf das Motiv der Selbstzerstörung hin wie nie zuvor: Sie legt dem ihr identischen Wesen eine von Kanes Phosphorbomben in die Hände und rennt aus dem Leuchtturm. Das außerirdische Wesen wird zerstört und als Ursache des Ganzen enttarnt: Auch der Schimmer löst sich auf.

Die wahre Lena?

Schließlich ist Lena zurück am Ausgangspunkt ihrer Reise, und doch ist sie offensichtlich nicht dieselbe Person. Die Schlussszene des Films vereint Lena erneut mit Kane, der sich mit der Zerstörung des Schimmers erholt hat. Auf Lenas Frage hin, ob er Kane sei, sagt er, er glaube es nicht. Als er ihr dieselbe Frage stellt, sagt sie nichts. Sie umarmen sich und wir sehen, dass die Augen der beiden merkwürdig ihre Farbe ändern. Obwohl der Schimmer zerstört wurde, lebt die außerirdische Präsenz also doch in Kane und Lena weiter, codiert in ihrer DNA und somit omnipräsent durch die Veränderung, die sie hervorgerufen hat. Wir können lediglich darüber spekulieren, was nach den Ereignissen des Films mit der Präsenz geschehen würde. Fest steht aber, dass weder Lena und Kane, noch die Welt im Ganzen dieselben sind. So ist die Lena zum Schluss des Films zwar keine schiere Kopie ihrer selbst, sie ist jedoch eben auch nicht mehr die, die sie einmal war, sie ist etwas Neues.

Wenn wir bedenken, dass das außerirdische Wesen für die vollständige Auslöschung durch Umstrukturierung steht und Lena dieses zum Schluss zerstört, lässt sich der gesamte Film als Allegorie auf die Destruktivität der menschlichen Existenz lesen. Das muss jedoch nicht unbedingt etwas Negatives sein. So scheint auch Lena zum Ende hin selbst nicht zu werten, was sie erlebt hat: Sie sagt, das Wesen habe nicht zerstören, sondern verändern wollen. Destruktion kann somit auch Veränderung heißen, es kann Integration von etwas Neuem in etwas Altes heißen, es kann Entwicklung bedeuten. Ob diese letztendlich gut oder schlecht ist, liegt wahrscheinlich an der Perspektive. Nehmen wir Lenas und Kanes ursprüngliches Trauma zur Hand, das Scheitern ihrer Ehe, erschließt sich durch diesen allegorischen Zugang auch die Schlussszene neu. Innerhalb dieses Deutungsschemas erzählt der Film also die Geschichte eines Ehepaares, das nach einer Phase der Destruktion nicht mehr dasselbe ist. Sie müssen sich zum Schluss die Frage stellen, wer sie jetzt sind und wohin sie von hier aus gehen.

Dies ist lediglich eine von wahrscheinlich tausenden möglichen Deutungen des Films. Fest steht einzig und allein, dass Auslöschung dazu einlädt, wenn nicht sogar geradezu fordert, diskutiert und interpretiert zu werden, um als etwas Größeres zu funktionieren. Auslöschung ist ab sofort auf Netflix verfügbar.

Wie interpretiert ihr das Ende von Auslöschung?

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