American Gods - Unser Recap zu Staffel 1, Folge 3

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Head Full of Snow
16.05.2017 - 08:50 UhrVor 5 Jahren aktualisiert
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In der 3. Episode von American Gods gehen Bryan Fuller und Michael Green noch einen Schritt weiter und liefern eine der intensivsten TV-Sex-Szenen aller Zeiten.

American Gods kann schon nach der 3. Episode frustrierend sein, vor allem für alle, die den Roman von Neil Gaiman nicht gelesen haben. Dafür, dass auch Head Full of Snow eine ganze Stunde Zeit hat, geht der Plot nur sehr langsam voran, und wenn er es tut, ist er von der Unwissenheit Shadows (Ricky Whittle) und der der Zuschauer eingehüllt - was soll das alles? Tatsächlich wirkt die Serie so, als hätten Bryan Fuller und Michael Green bei der Konzeption die Kenner des Buchs als Publikum im Hinterkopf gehabt, was ihnen bei der Popularität des Romans nur schwer vorzuwerfen ist. Wer das Buch nicht kennt, dem könnten diese ersten drei Stunden wie ein orientierungsloses Mischmasch von Skurrilitäten vorkommen. Zumindest die Ambitionen können American Gods kaum abgesprochen werden.

Besonders hervorstechend sind die beiden Somewhere in America-Sequenzen von Guillermo Navarro (der Rest der Episode wurde von David Slade inszeniert). Da ist erstens die beste Eröffnungsszene, die Six Feet Under nie gedreht hat: Frau Fadil (Jacqueline Antaramian) möchte ein Essen für ihre Enkelkinder zubereiten und stirbt, ohne es zu merken. Erst als Anubis (Chris Obi) persönlich vorbei kommt und sie darauf hinweist, wird ihr ihr Ableben bewusst. Es ist ein angenehmer, sinnlicher Umgang mit dem Tod: Keine Hysterie, kein Schock, nicht einmal Trauer um das eigene Leben finden sich in Fadils Reaktion, auch nicht, wenn er ihr das Herz entreißt, um ihre Gutmütigkeit zu wiegen ("I was using that!"). Sie ist bloß ein bisschen bekümmert über die Umstände und ihre Kinder. "This is how they'll find me?", fragt sie und richtet ihre Leiche noch ein bisschen her, bevor sie mit Anubis verschwindet.

Ebenso zeichnet die Szene einerseits ein Bild von Immigranten und dem Umgang mit ihrer Herkunft in der amerikanischen Gesellschaft, andererseits eines von der Lage ihrer alten Götter. Frau Fadil beschwert sich über ihre Enkelkinder, "all of them smart as a table", die sich trotz offensichtlich mangelndem Talent der Musik widmen, ein für den amerikanischen Traum prädestinierter Weg. Einer ihrer Söhne wird, verrät Anubis, bald heiraten und seine erste Tochter nach der Großmutter benennen, allerdings nur den "bullshit middle name". Es ist die Tragik so vieler Immigranten in den Staaten: Die Herkunft muss nicht unbedingt geheim gehalten werden, aber wenn der Name auf in diesem Fall muslimische Wurzeln verweist, dann solle es doch bitte beim Zweitnamen bleiben. Hier ist Assimilation, nicht Integration gefragt. Und das paradoxerweise in einem Land, das fast ausschließlich aus Immigranten besteht.

Und was passiert nach der Assimilation mit den alten Göttern? Sie geraten in Vergessenheit, das Schlimmste, was einer Gottheit passieren kann. Nicht zu Unrecht ist Mrs. Fadil misstrauisch: "This is a muslim home. Why does Anubis hold out his hand for me?" Anubis' Antwort ist ebenso logisch wie verzweifelt: Weil sie sich an ihn erinnern kann. Als Kind habe sie schließlich Geschichten von ihm vorgelesen bekommen und sie bis heute nicht vergessen, wie sie selbst bestätigt. Wie wenig beschäftigt muss ein Gott sein, um Zeit für diejenigen zu haben, die ein paar vage Kindheitserinnerungen an ihn haben, aber sich ihr Leben lang nie mit ihm beschäftigt haben? Um Anubis scheint es schlecht bestellt zu sein, genau wie um alle anderen alten Götter in dieser Serie auch.

Zumindest Mr. Wednesday (Ian McShane) macht keinen Hehl daraus, dass ihm diese Entwicklung große Sorgen macht. "The only thing that scares me is being forgotten", sagt er Shadow während ihrer nächtlichen Autofahrt, bevor er hinzufügt: "I can survive most things, but not that." In der vorangegangenen Stunde dieser Episode hat er Shadow nicht nur ein Mal darauf hingewiesen, dass es an der Zeit sei zu glauben, oder eher: Dass es an der Zeit ist, an ihn, Mr. Wednesday, zu glauben. Er gibt alles dafür, um diesen Glauben, diese Anbetung, nach der die Götter trachten, zu bekommen. Wenn Shadow mit seinem bloßen Gedanken Schnee machen kann, wird er dann an ihn glauben?

In einem kleinen Exkurs setzt Wednesday die Stellung von Jesus in den Kontext der amerikanischen Gesellschaft, in der Jesus einer der wenigen Gottheiten ist, denen es heutzutage noch gut geht ("White Jesus could stand a little more suffering. He is doing very well for himself these days"). Der Grund dafür wird nur angedeutet: Weil er sich an die freie Marktwirtschaft angepasst hat. "There is a lot of need for Jesus, so there is a lot of Jesus", als funktioniere sein Umgang mit Glauben ganz einfach entsprechend dem Prinzip von Angebot und Nachfrage. Jesus kann sich nicht über mangelnde Nachfrage beschweren, was bei weitem nicht alle Götter von sich behaupten können. Jesus muss bestimmt nicht wie der Dschinn (Mousa Kraish) in New York Taxi fahren.

Das Aufeinandertreffen des frisch nach Amerika gekommenen Salim (Omid Abtahi) und dem Taxifahrer-Dschinn ist das Highlight von Head Full of Snow, wahrscheinlich sogar das bisherige Highlight der gesamten Sendung. Mir ist in keiner Serie eine derart intensive, leidenschaftliche Sex-Szene bekannt, geschweige denn zwischen zwei Männern. Guillermo Navarro gelingt es hier, den Sex nicht zum Selbstzweck verkommen zu lassen, sondern als tragendes Element für die Story zu inszenieren, als völlig eigenständige, kraftvolle Erzählung einer Annäherung und höchster Vereinigung zweier Individuen. Viel höher geht es wirklich nicht mehr: Die beiden vögeln, bis sie unter freiem Himmel in der göttlichen Wüste sind und der Dschinn buchstäblich Feuer ejakuliert, um seinen Partner Teil von ihm werden zu lassen. Was genau es heißt, dass Salim am nächsten Morgen die Identität seines Liebhabers annehmen und Taxifahrer werden kann, bleibt abzuwarten. Es kann in jedem Fall als kleiner Kommentar zur xenophoben Tendenz, Personen aus muslimischen Kulturkreisen in einen Topf zu werfen, verstanden werden. Immerhin sehen sich die drei Beteiligten inklusive des Mannes auf dem Führerschein nicht im Geringsten ähnlich. Und trotzdem scheint Salim keine Angst vor der falschen Identität zu haben.

"What a beautiful, beautiful thing to be able to dream when you are not asleep."

Notizen am Rande:

  • Im Buch von Neil Gaiman ist die Episode von Salim und dem Dschinn an dieser Stelle endgültig beendet, aber Bryan Fuller und Michael Green kündigten bereits an, dass sie sie für so wichtig halten, dass sie die Geschichte der beiden noch in dieser Staffel auf eigene Faust weitererzählen wollen.
  • Pablo Schreiber ist als nicht besonder eloquenter Kobold Mad Sweeney eine Wohltat. Seine genervte Reaktion auf den aufgespießten Autofahrer ist ebenso unbezahlbar wie seine Ungeduld mit Shadows Unwillen, an das Übernatürliche zu glauben: "I plucked it out of thin air is how I plucked it out of thin air, you bug-eatin' nonce."
  • Die Sex-Szene zwischen Omid Abtahi und Mousa Kraish hat einen Nachdreh gebraucht, weil die erste Version nicht authentisch genug  war. Bryan Fuller beschreibt das so: "Ich meinte, 'Okay, sofern er nicht einen 30 Zentimeter langen Schwanz in Zuckerstangen-Form hat und um die Ecke ficken kann, geht er nicht bei ihm rein. Ihr müsst also nochmal zurück und rausfinden, wo die Löcher sind.'"

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