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Absurder Netflix-Hype: Vikings stellt The Last Kingdom in den Schatten

The Last Kingdom - S04 Trailer (English) HD
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Ragnar und UhtredAbspielen
© Netflix/History Channel
Ragnar und Uhtred
09.05.2020 - 09:20 UhrVor 12 Monaten aktualisiert
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Vikings und The Last Kingdom provozieren viele Vergleiche. Während aber die eine Serie mit einer individuellen Handschrift überzeugt, langweilt die andere nur noch.

Politische Intrigen, viel Blut, opulente Schlachten und ein Vermittler zwischen ideologischen Welten: Seit Game of Thrones scheinen diese Merkmale eine regelrechte Erfolgsgarantie für Serien zu sein. Aktuell profitieren davon besonders Vikings und The Last Kingdom, dessen 4. Staffel seit einigen Tagen bei Netflix verfügbar ist.

Beiden Geschichten spielen während des großen Wikinger-Zeitalters und teilweise treten sogar dieselben Figuren auf. Ein Vergleich ist da praktisch unumgänglich. Was die Inszenierung, die Charakterzeichnung und einige weitere Aspekte betrifft, unterscheiden sich die Serien dennoch maßgeblich - und Vikings hat in fast allen Punkten die Nase vorn.

Vikings führt an die aufregendsten Orte

Ein zumindest in der Serie gewaltiges Problem ist bei The Last Kingdom die geografische Limitierung der Story. Wir verbleiben fast ausschließlich im zersplitterten England, andere Länder wie Schottland oder Irland werden lediglich erwähnt.

Zwar legt in Staffel 2 ein Sklaven-Schiff nach Island ab und in Staffel 4 tritt Wales auf den Plan, wirklich neugierig auf neue Gebiete zeigen sich die Macher aber kaum. Nicht einmal nach Dänemark gibt es Abstecher, obwohl zumindest das gewissermaßen nahe liegt. Wessex, Merzien, Northumbria und Ostanglien verschmelzen irgendwann zu einem großen grauen Brei.

Vikings Staffel 5: Björn in Afrika

Ganz anders verhält es sich bei Vikings: Kattegat bleibt stets der Dreh- und Angelpunkt der Serie, schon ab Staffel 1 jedoch nehmen uns Ragnar und Co. mit auf Reisen. Im Verlauf der Staffeln sehen wir einiges von England, Frankreich, Island, der einstigen Kiewer Rus und sogar Nordafrika.

Dies ist auch keineswegs Selbstzweck, denn die Macher vermitteln fast immer ein einnehmendes Bild von der jeweiligen Umgebung, den dortigen Bräuchen, Religionen und/oder landschaftlichen Gegebenheiten. Die Abenteuerlust der Nordmänner wird so schnell zu unserer eigenen.

The Last Kingdom: Wenn die Buchvorlage zur Last wird

Was sich zum Beispiel bei Game of Thrones bis Staffel 6 als wichtige Absicherung erwies, ist für The Last Kingdom eher eine Bürde: die Existenz einer literarischen Vorlage. Die Netflix-Produktion klebt ziemlich eng an den Büchern von Bernard Cornwell. Bis hierhin verarbeitet jede Staffel zuverlässig zwei Romane.

Für Kenner der Saga verläuft die Handlung der Serie somit vollkommen vorhersehbar, aber das ist nicht einmal das größte Problem dabei. Bücher sind ein ganz anderes Medium als ein Film oder eine Serie und was geschrieben gut funktioniert, lässt sich nicht automatisch reibungslos adaptieren.

The Last Kingdom hetzt durch seine bereits geschriebene Geschichte und droht häufig, unter einer Last von Plot zusammenzubrechen. Dabei wäre es sinnig, öfters inne zu halten und dichter bei den Figuren zu verweilen. Was könnten wir schon verpassen? Den nächsten überzeichneten Bösewicht aus Dänemark?

Uhtreds (Alexander Dreymon) bestimmender innerer Konflikt als halber Engländer und halber Däne wird uns gebetsmühlenartig in Dialogen vorgehalten, nachfühlen lässt das alles hingegen nur sehr bedingt, weil die Macher Angst vorm Stillstand haben. Und genau das führt dann tatsächlich zu einer Art Stillstand.

The Last Kingdom

Nach spätestens 4 Staffeln habe ich das Gefühl, The Last Kingdom dreht sich im Kreis: Ein heidnischer Angreifer attackiert England, es gibt ein wenig Gerangel zwischen Wessex und Merzien, Uhtred lässt sich von Alfred oder Edward ausnutzen, der Gegner wird besiegt. Ach ja, und natürlich eine neue Frau für Uhtred in jeder Staffel. Täglich grüßt das Murmeltier.

Vikings gegen The Last Kingdom: Ragnar ist die stärkere Hauptfigur

Ist jede Serie nur so stark wie ihre Hauptfigur? Darüber lässt sich trefflich streiten, aber wenn es wahr ist, liegt Vikings auch in der Hinsicht klar vorne. Ragnar Lodbrok (Travis Fimmel) ist ein charismatischer, willensstarker Krieger und doch fernab von unfehlbar - als Wikinger-König ebenso wie als Ehemann und Vater.

Uhtred hingegen begeht seinen ersten richtig schweren Fehler erst in Staffel 4 von The Last Kingdom mit der voreiligen Attacke auf Bebbanburg. Die Vorstellung, dass er wie Ragnar lange vor dem Ende "seiner" Serie sterben könnte, erscheint total absurd, da sich absolut alles um ihn dreht. Das wiederum raubt der Figur einiges an Reiz.

Im Gegensatz zu Ragnar bekam Uhtred sein zentrales Motiv (das Vermitteln zwischen Christen und Heiden) bereits in die Wiege gelegt und wird seitdem unweigerlich davon bestimmt. In Vikings dürfen wir dabei zusehen, wie Ragnar erst langsam starre Glaubensgrenzen aufbricht, nachdem er den Mönch Athelstan kennen lernt. Jenen unglaublich spannenden Prozess muss uns The Last Kingdom vorenthalten.

Vikings hatte den Mut, sich in Staffel 4 von seinem tragenden Protagonisten zu verabschieden. Seitdem haben Ragnars Söhne das Feld übernommen. Der Generationen-Wechsel verlief eher ruppig, war langfristig betrachtet aber definitiv eine Befreiung. The Last Kingdom ohne Uhtred ist indes grundsätzlich nicht vorstellbar und damit auch irgendwie schwerfällig.

Vikings besitzt eine eigene Handschrift

Vikings mag auf realen Figuren basieren, ist aber weit entfernt davon, eine Historienserie zu sein. Mythische bzw. unerklärliche Elemente brechen immer wieder das Geschehen auf, was einen Teil der Faszination ausmacht. Wenn hier beispielsweise ein Seher auftritt, wirkt das einfach stimmig, wogegen eine Figur wie Skade in The Last Kingdom eher der Lächerlichkeit geweiht ist.

Der Seher aus Vikings

Wo Vikings punktuell überzeugend zwischen Realismus und Fantastischem wandelt, steht dem Netflix-Ableger sein inszenatorischer Realismus im Weg. The Last Kingdom sieht genauso fad aus, wie man sich eine Historienserie vorstellt, mit dem Sprengen erzählerischer Grenzen ist da naturgemäß nicht besonders viel her.

Vikings entführt uns sporadisch tief in die Traditionen der Wikinger und vermittelt zugleich, dass diese Welt eine vergangene ist. Lagerthas Schiff-Bestattung in Staffel 6 fühlt sich an wie eine Zeremonie aus einer anderen Welt, dabei haben die Heiden ihre Toten wirklich so nach Walhalla verabschiedet. Ein Todesengel lässt die Szenerie endgültig surreal erscheinen.

  • Vikings: Die ersten 5 Staffeln Vikings sind in Deutschland bei Sky Ticket  zu sehen.

The Last Kingdom würde derartige Momente nie riskieren, zeigt aber auch im Rahmen des Bestehenden kein nennenswertes Gespür für die Lebensphilosophie der Dänen. Mit der Ausnahme von Ragnar und Ubbe haben wir es im Wesentlichen mit Wilden zu tun, sogar die einst ambivalente Brida wird in Staffel 4 zur eintönigen Schurkin. Kein Wunder, dass die Engländer letztlich immer gewinnen.

The Last Kingdom ist vielleicht nicht die allerschlechteste Option, um die Wartezeit auf Vikings Staffel 6B zu überbrücken - eine ebenbürtige Serie ist es allerdings auch nicht. Umso mehr sollten wir das Vikings-Finale genießen, sobald es (voraussichtlich im November oder Dezember 2020) vor der Tür steht.

Podcast für Netflix-Abonnenten: Lohnt sich The Last Kingdom?

In dieser Folge von Streamgestöber dreht sich alles um Uhtred von Bebbanburgs Abenteuer in 4 Staffeln der Netflix-Serie The Last Kingdom.

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Da The Last Kingdom in derselben Epoche spielt wie Vikings, liegt ein Vergleich der beiden Serien nahe. Doch das ist nur eines der vielen Themen in der Episode. Jenny Jecke und Jenny Ullrich diskutieren Uhtreds Entwicklung, lieb gewonnene Figuren, die Schlachtenszenen und sie geben einen Ausblick auf die Zukunft der Serie.

Welche Serie zieht ihr vor: Vikings oder The Last Kingdom?

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