Zum Todestag

30 Jahre ohne Rainer Werner Fassbinder

10.06.2012 - 09:42 UhrVor 10 Jahren aktualisiert
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Am Set von Händler der Vier Jahreszeiten
Rainer Werner Fassbinder Foundation
Am Set von Händler der Vier Jahreszeiten
Mit Kritikern und Publikum verband ihn ein schwieriges Verhältnis. Heute, 30 Jahre nach seinem Tod, haben es sich die Filme von Rainer Werner Fassbinder längst nicht im Muff des Kanons und der Listen gemütlich gemacht. Er polarisiert wie eh und je.

Eine meiner frühesten Filmerinnerungen beinhaltet eine von tiefer Traurigkeit vereinsamte Brigitte Mira, die den nicht weniger verlassen wirkenden El Hedi ben Salem umarmt, als wäre er ein in ihr Leben ausgeworfener Rettungsring. Dass ich Angst essen Seele auf als Kind gesehen habe, verwandelte mich leider nicht in einen Fan von Rainer Werner Fassbinder. Vielmehr war er für mich jahrelang ein von einer dunklen Wolke der Kunstbeflissenheit umwabertes Konglomerat von Begriffen, in dem sich meine Vorstellungen des sektiererischen deutschen Arthouse-Kinos versammelten, das an allem Schuld trägt. Eine zweite Erinnerung, die ich mit Fassbinder verbinde, ist deswegen ausgerechnet ein Auftritt von Michael Herbig in der Harald Schmidt Show. Da sprach Bully von den hermetisch abgeriegelten deutschen Filmhochschulen, in die einer nur hereinkomme, wenn er den Kult um Rainer Werner Fassbinder zelebriert. Damals nickte ich zustimmend und wütend zugleich vorm Fernseher. Dass mein Bild von Fassbinder großer Quatsch war, offenbarte sich später. Doch 30 Jahre nach seinem frühen Tod im Alter von nur 37 Jahren bleibt Rainer Werner Fassbinder ein Künstler, an dem sich jede neue Generation von Cinephilen reiben muss und reiben sollte.

Liebe ist kälter als der Tod
“Großer Quatsch” war mein Fassbinder-Bild aus mehreren Gründen. Zunächst einmal, und das ist die Ironie der Geschichte, schaffte es Rainer Werner Fassbinder nicht einmal selbst auf die Filmhochschule. Zu gering sei sein Fachwissen, urteilte die Deutsche Film- und Fernsehakademie in Berlin und so musste sich der junge Mann mit der schwierigen Jugend selbst einen Weg in das Medium der Bewegtbilder suchen. Der führte über das unabhängige Theater in München, wo er erstmals eine Stammtruppe von Schauspielern um sich versammelte. Da war er gerade einmal 22, drehte Kurzfilme, schrieb Theaterstücke, inszenierte sie selbst. Beeinflusst durch Jean-Marie Straub, Eric Rohmer, Jean-Luc Godard und andere folgt mit 24 Jahren der erste Spielfilm Liebe ist kälter als der Tod.

Geringe Budgets, eine eingeschworene Truppe, schnelle Produktionszeiten, zeitweilig um die vier Filme pro Jahr. Das war das System Fassbinder, das im krassen Kontrast zur heutigen deutschen Film- und Förderlandschaft steht, in der schon mal mehrere Jahre zwischen einzelnen Werken vergehen. Damit lag Fassbinders Produktionsweise, die in 15 Jahren 40 Filme, diverse Theaterstücke und mehrere TV-Serien hervorbrachte, dem industriellen Charakter Hollywoods näher. Hollywood, und das ist ein weiterer Grund, warum meine Haltung zu Fassbinder großer Quatsch war, wurde von dem Enfant terrible des Neuen Deutschen Films förmlich aufgesogen. An Genres wie dem Gangsterfilm oder Western versuchte er sich schon in seiner stark vom europäischen Autorenkino beeinflussten Frühphase mit Der amerikanische Soldat und Whity.

Ich will doch nur, daß ihr mich liebt
Das war schließlich ein Mann, der sich in den Credits gern den Namen Franz Walsh gab und damit Raoul Walsh und Franz Biberkopf gleichermaßen huldigte. Fassbinders Filme, ob nun aus der avantgardistischen Früh-, der melodramatischen Kern- oder der eklektischen Spätphase, durchstreifen immer wieder die bundesdeutsche Nachkriegszeit, ohne zur esoterischen Gesellschaftskritik für BRD-Insider zu verkommen. Sein internationaler Ruhm basiert auf einer zeitlosen Verständlichkeit. Filme wie Angst essen Seele auf, Faustrecht der Freiheit oder In einem Jahr mit 13 Monden wirken noch heute zutiefst persönlich und aktuell in ihrer Auseinandersetzung mit Diskriminierung und gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten. Universell verständlich bleiben sie trotzdem, denn Fassbinders Sichtweise auf die conditio humana, auf den Schmerz, den sich die Menschen immer wieder zufügen (lassen wollen), benötigt keine Untertitel. Die “Ausbeutbarkeit von Gefühlen”, nach eigenen Aussagen sein Thema, kommt nicht aus der Mode.

In einer Tradition mit Josef von Sternberg und Douglas Sirk inszeniert er seine von Hanna Schygulla, Margit Carstensen und anderen Musen gespielten Figuren in farbenprächtigen Gefängnissen, die sie sich oftmals selbst gebaut haben. Der Sozialkritiker Fassbinder, der mit Hollywood’schem Werkzeug zu Gange ist – auch das macht seine Zeitlosigkeit aus – ergibt sich niemals der gestellten Empörung gegenüber den Machtverhältnissen zwischen Mensch und Staat, aber vor allem Mensch und Mensch. Auf der Suche nach Liebe und Anerkennung sind es oft genug seine Helden und Heldinnen, die ihr Schicksal durch einen fatalen Selbstzerstörungstrieb besiegeln, als würde sich ihr Ziel, je größer ihre Schritte werden, immer weiter von ihnen entfernen. Davon legen seine beiden Großtaten, Berlin Alexanderplatz und die BRD-Trilogie, Zeugnis ab.

Vor allem aber war meine anfängliche “Meinung” über Rainer Werner Fassbinder Quatsch, weil es von seinem Einfluss im deutschen Gegenwartskino nicht zu viel, sondern zu wenig gibt. Sein proletarischer Gestus, die tiefe Empathie gegenüber Außenseitern in seinen Filmen und die Offenheit gegenüber populären Erzählformen, überhaupt sein Rock’n’Roll, inklusive Lederjacke und Kippe im Mundwinkel, fehlen heute. Als Rainer Werner Fassbinder 1982 einem Herzinfarkt und einem viel zu schnellen Leben erlag, verlor der deutsche Film seinen bedeutendsten Regisseur der Nachkriegszeit. Dieser Verlust klafft seit 30 Jahren wie eine offene Wunde.

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