Wütende Männer: Der Sieg von Joker fasst Venedig perfekt zusammen

Joker mit Joaquin Phoenix hat den Goldenen Löwen von Venedig gewonnen
© Warner Bros.
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.

Am Tag nach der Verleihung kichert es in mir manchmal los wie bei Arthur Fleck, der sein krankhaftes Lachen nicht kontrollieren kann. Joker hat den Goldenen Löwen des Filmfestivals von Venedig gewonnen.

Todd Philipps ist der erste US-Regisseur seit Sofia Coppola vor neun Jahren, der die vergoldete Wildkatze mit nach Hause nimmt. Es ist seine prestigeträchtigste Auszeichnung seit einer Oscarnominierung für das Beste adaptierte Drehbuch für Borat. Ein Satz, den ihr euch nochmal ganz langsam durchlesen solltet.

Philipps' Joker-Film reiht sich damit ein in eine Gewinnerliste der letzten Dekade, in der auch Lav Diaz mit dessen 228-minütigen The Woman Who Left und Kim Ki-duks Pieta stehen.

Der Sieg von Joker wirkt bizarr und passt doch zu einem Wettbewerb der gequälten Männer, die sich aus ihrem morastigen Unglück zu befreien versuchen. Manche wählen Gewalt, andere den Flug zu den Sternen.

Joker gewinnt den Löwen, das Gütesiegel von Venedig

Venedig ist dem, was gemeinhin als Mainstream durchgeht, natürlich nicht abgeneigt. Aber zwischen der Fischfantasie Shape of Water (Gewinner 2017) und dem mehr als doppelt so teuren DC-Film Joker liegt nochmal ein gehöriger Sprung.

Hier der Fantasyfilm eines angesehenen Auteurs, da die Origin Story eines der berühmtesten Schurken der Comicgeschichte, inszeniert von dem Hangover-Dude. Der Unabhängigkeit vom DCEU zum Trotz ist Joker ein Ausläufer der kulturellen Dominanz des Superheldenfilms und letztlich Produkt einer etablierten Marke. Im Festivalbetrieb treffen wir solche Marken normalerweise außer Konkurrenz an.

Die als Psychodrama konzipierte Geschichte der Joker-Ursprünge kam nun zum rechten Zeitpunkt zu einem Festival, das die Nähe zur Oscarsaison suchen muss, um international relevant zu bleiben.

Joker: Venedig traut sich mehr als die Oscars

Letztes Jahr gab das älteste Filmfestival der Welt dem Streaming-Dienst Netflix sein Gütesiegel, als die Jury Roma von Alfonso Cuarón mit dem Goldenen Löwen auszeichnete. Die Institution auf dem Lido sprang damit kopfüber in die Zukunft der Filmdistribution, die ja eigentlich schon Gegenwart ist, außer in Cannes. Dort darf Netflix nicht einmal in den Wettbewerb. In den Kinos auf dem Lido wurde das rote N beklatscht.

Anno 2019 lässt Venedig mit dem Joker-Sieg abermals die Academy Awards hinter sich, die in 91 Jahren Geschichte weder einen Netflix-Film noch eine Comicverfilmung mit dem Hauptpreis ausgezeichnet haben. Der Goldene Löwe für den Clown Prince of Crime markiert einen Meilenstein in der Wahrnehmung des Genres, dessen Superheldenboom vor 20 Jahren begann.

Dass die Oscars nun nachziehen, ist damit nicht garantiert. Es brauchte immerhin fast 60 Jahre, um neben den ersten Best Picture Oscar für einen Western (Cimarron, 1931) einen zweiten zu stellen (Erbarmungslos, 1990). In der großen Zeit des Genres ging der Western dagegen leer aus. Der einzige US-Cowboyfilm mit einem Goldenen Löwen in der Satteltasche ist übrigens Brokeback Mountain.

Wütende Männer im Programm des Festivals

Joaquin Phoenix' Arthur Fleck passt jedenfalls ins Programm der Internationalen Filmfestspiele von Venedig. Der gequälte Fleck leidet unter einer psychischen Störung und dem allgemeinen Desinteresse der restlichen Welt. Also reißt er die Aufmerksamkeit mit "unkonventionellen" Mitteln an sich.

Dieses Festivaljahr strotzt vor wütenden Männern, auch in den Siegern von Berlin (Synonymes) und Cannes (Parasite).

In Filmen wie The Domain, Martin Eden, Über die Unendlichkeit, Marriage Story oder auch Ad Astra - Zu den Sternen spiegelte sich die maskuline Qual auch auf dem Lido. Außerhalb des Wettbewerbs brannte sie weiter in The King, Atlantis und Shadow of Water.

Irreversibel: Ein 16 Jahre alter Skandalfilm in einer neuen Fassung

Gaspar Noé setzte dieser Truppe die zerdellte Krone auf mit seiner neuen Schnittfassung von Irreversibel. Der "Straight Cut" des rückwärts erzählten Skandalfilms von 2003 ordnet die Sequenzen nun in die chronologische Reihenfolge. Ein paar Übergänge wurden verändert, Einstellungen geschnitten.

Im Großen und Ganzen ist das Experiment (kein neuer Director's Cut!) genau das, was sich so mancher vorstellt. Statt der Rache steht am Anfang die Idylle, und dazwischen immer noch eine der berüchtigsten Vergewaltigungsszenen der Filmgeschichte. Die Gradlinigkeit erzeugt mehrere interessante Effekte.

Sie legt den Blick frei auf die gekünstelten Übergänge. Die Plansequenzen wirken zum Teil wie ein Gimmick, das eine konventionelle Rape and Revenge-Story aufblasen soll. Das Opfer (Monica Bellucci) verliert an Bedeutung. Die Entwicklung der Männer (Vincent Cassel und Albert Dupontel) rückt in den Mittelpunkt.

Der Blick auf ihre Rache für die brutale Vergewaltigung ihrer (Ex-)Freundin wirkt vernichtender als zuvor. Im Gedächtnis bleiben nicht mehr Cassel und Bellucci spielerisch im Bett, sondern Dupontel. Aus dessen Pierre bricht etwas heraus in den Tiefen des Rectums [womit primär der Club gemeint ist, Anm.d.Verf.], das bloße Rache als Motivation übersteigt. Viele dieser Aspekte steckten vorher in Irreversibel, die alternative Schnittfassung hebt sie hervor.

Joker grätscht direkt in unsere Gegenwart

Ob Pierre und Alex aus Irreversibel mit Clownsmasken in den Straßen randalieren würden?

Neben der wütenden Entgleisung blieb in Venedig immerhin Platz für die Alternative. In Die Geldwäscherei und Wasp Network wurde mal mehr, mal weniger humoristisch der Wahrheit nachgegangen. Die Details der terroristischen Aktivitäten von Exilkubanern in Florida wurden aufgedeckt und in den geleakten Panama Papers geschnüffelt.

Roman Polanski, dessen Präsenz im Festival aufgrund anhaltender Vergewaltigungsvorwürfe umstritten war, erhielt den Großen Preis der Jury für sein gelobtes Historiendrama An Officer and a Spy. Das entspricht einer Art Silbermedaille der Jury um Regisseurin Lucrecia Martel (Zama). Der Dreyfus-Affäre Ende des 19. Jahrhunderts geht er darin faktenfixiert nach, spürt den Antisemitismus auf, in dem jedes Tröpfchen getrockneter Tinte analysiert wird.

Joker und An Officer and a Spy scheinen zunächst wenig mit der Gegenwart am Hut zu haben - ein Comicschurke! Ein hundert Jahre alter Skandal! - und grätschen trotzdem zielgenau hinein. Dieses Jahr war Venedig mehr als nur relevant.

Was sagt ihr zum Löwengewinn von Joker?

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Ab 26. September im Kino!Gelobt sei Gott
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