Wir - Das Ende von Jordan Peeles Horror-Schocker erklärt

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22.03.2019 - 10:55 UhrVor 2 Jahren aktualisiert
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Mit Wir liefert Jordan Peele nach Get Out seinen zweiten Horrorfilm ab, über dessen Ende viel diskutiert werden wird. Unsere Interpretation und Erklärung der Geschehnisse und des Endes erfahrt ihr hier.

Mit seiner zweiten Regiearbeit Wir bringt uns Jordan Peele einen weiteren sozialkritischen Horrorfilm, der mit mehr Brutalität und Grusel als Get Out aufwartet. Besonders das Ende von Wir wird den Zuschauern noch lange im Gedächtnis bleiben und sicher für viele Diskussionen sorgen. Ihr rätselt immer noch über die Bedeutung der Verbundenen (Tethered) und des Endes? Keine Sorge, wir reichen euch mit unserer Erklärung und Interpretation von Wir die Hand. Achtung, massive Spoiler!

Das passiert am Ende von Wir

Nachdem Adelaide (Lupita Nyong'o) und ihre Familie fast alle ihre Doppelgänger besiegen konnte, wird ihr Sohn Jason von Red entführt. Allein und zielgerichtet macht sich Adelaide auf den Weg zum Spiegelkabinett, um ihren Sohn zu retten. Hinter einer versteckten Tür steigt Adelaide hinab in die Welt der Tethered, hinab in den Kaninchenbau. Hier erfahren wir die Wahrheit über die Doppelgänger.

Diese sind von der Regierung hergestellte Klone, mit denen die Menschen wie Marionetten kontrolliert werden sollten. Doch das Regierungsexperiment wurde aufgegeben und die Tethered blieben in Tunnelsystemen unter der Erde hilflos an ihre Doppelgänger der Oberwelt gekoppelt, bis es ihnen schließlich zu viel wurde. Die finale Konfrontation mit Red und einen brutalen Pas de deux kann Adelaide überleben.

Wer ist Kopie und wer ist Original?

Doch dann erfahren wir die schreckliche Wahrheit. Adelaide ist in Wirklichkeit eine Tethered, die als Kind den Platz mit der echten Adelaide getauscht hat. Sie hat es geschafft, sich komplett von ihrer Vergangenheit loszusagen und mit ihrer Familie zusammen zu sein. Das Happy End währt nicht lange, denn wir sehen Hunderte Tethered, die Hände haltend eine Kette quer durch die USA bilden, was zeigt wie viele menschliche Opfer sie schon gefordert haben.

Wir ist eine Metapher auf...

Um das Ende von Wir besser zu verstehen, müssen wir uns die Metaebene und Bedeutung des Films anschauen. Schon wie in Get Out eröffnet Jordan Peele mit Wir einen Dialog über soziale Ungerechtigkeit und bricht das Thema auf eine intime Geschichte herunter. So stehen die Menschen und die in der Unterwelt lebenden Tethered unserer Interpretation nach für die Zweiklassengesellschaft und das schreckliche Gleichgewicht von Wohlstand und Armut.

Die Vorzeigefamilie

Us (US ... verstanden?) ist amerikanisch durch und durch. Der Film blickt mit Schuldgefühl auf eine Nation, deren Wohlstand zu Lasten anderer geht und die auf einem Fundament des Leids gebaut ist. Hier leben die Figuren ein sorgloses Leben und haben den Preis längst ausgeblendet, den andere für ihre Privilegien zahlen mussten. Die Geschehnisse und Figuren der Oberwelt spiegeln zahlreiche Archetypen und Themen des modernen Amerikas dar. Hier einige Beispiele:

  • Xenophobie: Die Menschen haben Angst vor dem Anderen, verkörpert durch die Tethered
  • Halbseitige Berichterstattung: Nachrichten verschweigen wichtigsten Fakt, das die Angreifer unsere Doppelgänger sind
  • Ignoranz: Jason weiß, dass seine Mutter eine Tethered ist.

  • Klassenneid und First World Problems: Gabes (Winston Duke) Boot ist kleiner als das seines Nachbarn
  • Die 1%: Die Tylers haben ein Luxushaus, lehnen Verantwortung ab, kein familiärer Halt
  • Die amerikanische Kernfamilie: Gabe als falscher Alpha-Mann, Adelaide als Helikoptermutter mit Belastungsstörung, Zora als desinteressierter Teen mit Handysucht und Jason als Muttersöhnchen mit autistischen Zügen

Erklärung 1: Die Revolution der Unterdrückten

Fast wie eine Folge Twilight Zone endet Wir auf einer zynischen Note. Lange Zeit lebten die Menschen in Sicherheit und Wohlstand auf Kosten anderer. Die unterdrückte Minderheit der Klone, die im Schatten der Privilegierten lebte, fordert nun Vergeltung. Mit ihren Scheren trennen sie das Band, das ihre Schicksale mit denen ihrer Unterdrücker verband. Nun können sie ganz sie selbst sein und ihren rechtmäßigen Platz unter der Sonne einnehmen.

Die Verbundenen erheben sich

Als finales Bild sehen wir eine Menschenkette der Tethered, die wie einst Hands Across America in der Reagan Ära ein Zeichen setzen wollen, einer Ära, in der die Klassenunterschiede in den USA extrem hoch waren. Doch dieses Zeichen steht nicht für den Frieden, sondern ist ein Mahnmal, das die schiere Masse der sozial Benachteiligten aufzeigen soll, die längst keine Minderheit mehr sind.

Sie bilden eine rote Linie quer durch die USA und mahnen damit das sogenannte Redlining an, das systematische und meist rassistisch motivierte Abgrenzen sozial schwächerer Menschengruppen. Sieht man die Haltung der Tethered als T-Pose symbolisiert das Ende die Dominanz der Vergessenen und Ausgegrenzten.

Doch warum überlebte die Wilson-Familie den Weltuntergang? Kurz und knapp: sie sind das verbindende Element der zwei Gesellschaftsschichten. Als People of Color gehören sie selbst einer historisch unterdrückten Menschengruppe an. Zusätzlich sind die Kinder das Ergebnis der Zusammenkunft beider Seiten.

Erklärung 2: Eine Gesellschaft zerstört sich selbst

Da die Doppelgänger Klone der Menschen sind, stehen sie wortwörtlich für uns. Sie sind unsere dunkle Seite. Sie sind das verdrängte Trauma vergangener Generationen, das zurück an die Oberfläche gelangt. Das Trauma auf dessen Fundament unsere sorglose Gesellschaft erbaut ist. So soll uns das Ende symbolisieren, dass uns der Untergang droht, wenn wir weiterhin in naiver Ignoranz leben, denn unter der Oberfläche brodelt etwas, das nicht mehr ignoriert werden sollte.

Wir sollten unsere Schatten nicht ignorieren

Hierbei spielt auch das finale Bild der Menschenkette eine bedeutende Rolle. Dies ist Peeles Kritik an der Naivität und Doppelmoral der Hands Across America-Aktion. Denn durch bloßes Händehalten und Hoffen, lösen sich Probleme wie Hunger und Armut nicht von selbst. So steht das Ende symbolisch für die Nicht-Auseinandersetzung mit problematischen Themen.

Natürlich gibt es noch weitere (u.a. biblische, marxistische) Interpretationsmöglichkeiten für das Ende von Wir. Doch wie man es auch dreht und wendet, das Finale bleibt ein mahnender Fingerzeig auf unsere Gesellschaft und die Menschheit, die sich aus unterschiedlichen Gründen selbst zerfleischt.

Alice im Horrorland: So ist das Ende von Wir noch tragischer

In Wir sind zahlreiche Verweise auf Alice im Wunderland und Alice hinter den Spiegeln eingestreut, die dem finalen Twist eine besonders depressive Note verleihen, wenn wir den Film aus Sicht der Orginal-Adelaide betrachten. Diese wurde als Kind in die Unterwelt (das Wunderland) verschleppt. Sie wuchs zwischen skurrilen Personen und weißen Kaninchen auf, während ihre Doppelgängerin ein sorgloses Leben führte.

Adelaide im Horrorland

Für sie war das Leben von Zwangsehe, Vergewaltigungen und ungewollten Schwangerschaften bestimmt. Nach Jahren des Leids kehrt Adelaide zurück in die Oberwelt um Rache zu üben. In der finalen Konfrontation mit ihrer Gegenspielerin hat sie die Oberhand und steht kurz davor, ihre Peinigerin zu besiegen. Leider wird sie im Kampf getötet und Adelaides jahrzehntelanger Leidensweg endet auf einer tragischen Note.

Was ist eure Erklärung für das Ende von Wir und wie hat es euch gefallen?

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