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Wie Christopher Nolan das (analoge) Kino rettet

Christopher Nolan und Kamera
© Warner Bros.
Christopher Nolan und Kamera
05.11.2014 - 08:50 UhrVor 6 Jahren aktualisiert
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Digital ist besser? Christopher Nolan kann da nur müde lächeln. Mit Interstellar geht der Hollywoodregisseur in die analoge Offensive und überträgt seinen Einsatz für klassisches Filmmaterial in eine beispiellose Veröffentlichungspraxis.

Aus seiner Abneigung gegenüber Digitalproduktion- wie auch Projektion hat Christopher Nolan nie einen Hehl gemacht. Nun geht der Erfolgsregisseur allerdings noch einen Schritt weiter: Sein neuer Film Interstellar wird in so vielen Kinos analog zu sehen sein wie kein anderer aktueller Film. Und damit nicht genug: Jene 240 US-amerikanisch-kanadischen Spielstätten, die noch nicht vollständig auf Digitalprojektion umgestellt sind, durften ihn sogar zwei Tage vor seinem eigentlichen Kinostart zeigen. Insgesamt befinden sich dort 189 35-mm-Kopien in Umlauf, an 41 Orten wird Interstellar im 70-mm-IMAX-Format und immerhin zehn Mal auch als reine 70-mm-Kopie gezeigt. Ein Novum, zugleich aber auch eine Kampfansage: Wer sich unter den insgesamt sechs verschiedenen Projektionsformaten, zwischen denen das Publikum bei Interstellar wählen kann, für eine digitale Vorführung entscheidet, hat zunächst das Nachsehen. Christopher Nolan lässt keinen Zweifel daran, welche dieser Formate es zu bevorzugen gilt.

Gedreht wurde Interstellar auf 35 sowie 65 mm, mit Panavision- und IMAX-Kameras. Projiziert werden soll er bestenfalls in einer Art, die das Herstellungsformat angemessen würdigt. Leitet man aus der Übersicht , die Christopher Nolan und das Studio zum besseren Verständnis der Vorführmöglichkeiten herausgegeben haben, eine Rangfolge ab, dürfte die 70-mm-IMAX-Version den Film am adäquatesten wiedergeben: Sie verspricht "das immersivste Filmerlebnis der Welt", gefolgt von kaum minder gepriesenen 70-mm- und 35-mm-Projektionen. Die drei verbliebenen und nicht mehr analogen Vorführmodelle werden schon ungleich verhaltener beschrieben, die reguläre IMAX-Fassung garantiert unter den Digitalprojektionen noch das eindrücklichste Ergebnis. In Deutschland allerdings wird Interstellar offenbar durchweg digital zu sehen sein, auch in den beiden IMAX-Kinos Berlin und Karlsruhe. Einzig der Berliner Zoo Palast zeigt die 70-mm-Fassung des Films, in einer natürlich frisch gezogenen Kopie, die jede Digitalprojektion alt aussehen lassen dürfte.

Trotz seines gegenwärtig beispiellosen Einsatzes für analoge Vorführmöglichkeiten kann also auch ein Christopher Nolan nicht verhindern, dass die allermeisten Menschen diesen Film nicht so sehen werden, wie er zu sehen gedacht ist. Das hat einen ironischen Beigeschmack: Ausgerechnet Paramount, eines der Studios hinter Interstellar, stellte den Vertrieb analoger Kopien Anfang des Jahres als erster Hollywood-Major komplett ein. Gezielte Ausnahmen solle es zwar weiterhin geben, und Interstellar ist freilich eine solche, für den regulären Kinobetrieb seien herkömmliche Filmkopien aber nicht mehr vorgesehen. Wie auch: Die weltweite Umstellung von analoger zu digitaler Projektion vollzog sich derart rasant, dass viele Kinos schon jetzt nicht mehr in der Lage sind, 35-mm-Kopien überhaupt abspielen zu können. Einige US-Kinoinhaber reagierten  entsprechend erbost auf die Veröffentlichungspolitik des Films, so ihre Digitalsanierung einst auf Druck der Industrie erfolgt sei.

Die authentischste Art der Filmwiedergabe also scheint bereits von exotischem Charakter. Infolgedessen gelangt auch Interstellar mehrheitlich als DCP auf große Leinwände, die seine analogen Bilder lediglich digital ausgeben. Das DCP (Digital Cinema Package) hat Film als Distributionsmaterial weitgehend abgelöst und enthält Bild- und Tondaten in einem speziellen Format. Üblicherweise wird es auf Festplatten gespeichert und einigermaßen automatisiert wiedergegeben – statt gerissene Filmrollen zu kleben, stöpseln die durchs Berufssterben gefährdeten Vorführer nunmehr Stecker um. Filme kommen von leise surrenden Servern, nicht mehr ratternden Projektoren. Klingt zunächst nach Fortschritt, hat aber eher pragmatische Gründe: Die Studios sparen sich ganz einfach Material-, Entwicklungs- und Transportkosten. Und den allermeisten Kinobesuchern dürften die Unterschiede ohnehin kaum auffallen: Grell-saubere Bilder von irritierender Statik fügen sich dem ästhetischen Standard einer filmischen Sozialisation durch Flachbildschirme.

Dass darüber der Bezug zum Material, eben auch zu Film selbst, verloren geht (ein sehr schöner Text dazu bei critic.de ), wird dann gern unter Nostalgie verbucht. "Natürlich können Sie auch weiterhin Vinyl hören", watschte Timothy Grossman, Geschäftsführer des Berliner Babylon-Kinos, einst selbstherrlich  die Nachfrage ab, warum sein vermeintliches Lichtspielhaus selbst Retrospektiven mit DCPs oder sogar Blu-rays und DVDs (!) bespielt. Und das ist leider erst der Anfang. Weniger als ein Prozent aller Filme liegt überhaupt in einem technisch adäquaten, nicht-analogen Kinoprojektionsformat vor. Überspielt und digitalisiert wird lediglich ein Bruchteil, restauriert ohnehin nur das, was der naturgemäß übersichtliche Filmkanon diktiert. Wenn die Kinos sich also erfolgreich ihrer 35-mm-Projektoren entledigen, beschränken sie ihr Programm schon einmal in erheblichem Maße. Schlimmer jedoch: Analoge Kopien willkürlich als irrelevant eingestufter Filme werden von Studios und Verleihern nicht länger pfleglich aufbewahrt, sondern aussortiert und vernichtet. Selektiv digitalisierte Filmgeschichte bei gleichzeitiger Zerstörung von Analogmaterial und Projektionsequipment: ein Trauerspiel ohnegleichen.

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