Was im Filmjahr 2017 (noch immer) falsch lief

Justice League
© Warner
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Meint es gut mit den Menschen.

Im vergangenen Jahr wurden hierzulande 121 Millionen Kinotickets gelöst, ungefähr 18 Millionen weniger als im Vorjahr und so wenige wie seit 1992 nicht mehr. Die kürzlich veröffentlichte Programmkinostudie der Filmförderungsanstalt wollte zeigen, dass sich auch einer so freudlosen Zahl noch etwas Gutes abgewinnen lässt – gegenüber dem Minus von 13 Prozent beim Gesamtmarkt hätten Programmkinos lediglich einen Rückgang um 1,6 Prozent verzeichnen müssen. Dort, wo der kleine und feine Film zuhause sei, wo sich liebevoll zusammengestellte Spielpläne gegen die gleichförmige Blockbuster-Auswahl durchsetzten, gehe es dem Kino gut oder mindestens besser. Weit oben in den sogenannten Arthouse-Charts, die der Studie als Anhang beigefügt waren, rangierten mit Bibi & Tina, dem letzten Tarantino und einer 110 Millionen Dollar teuren Fox-Produktion allerdings eher programmkinounverdächtige Titel. Und ohnehin wird das, was mal ein Gegenangebot zum Mainstream versprach, längst von Wohlfühlkomödien und Weinschwenkerdramen überlagert. Fast eine Million Deutsche spazierten 2017 in Plötzlich Papa mit Omar Sy, dem "Star aus Ziemlich beste Freunde". Vorgebliche Arthaus-Filme wie dieser mögen eine andere Art von Horror sein, aber sie sind unzweifelhaft: Horror.

Wahrscheinlich braucht es derart blasse Hoffnungsschimmer, um nicht nur an den Fortbestand des Kinos, sondern auch seiner anspruchsvollen Besucher zu glauben. Wenn dem Franchise-Wahnsinn schon keine Vernunft entgegenzusetzen ist, dann wenigstens die vermeintliche Geschmackserlesenheit eines bürgerlichen Publikums. In der Tat macht der Wahnsinn ziemlich ratlos. Obwohl auch Menschen, denen bislang selbst das 150. Superheldengetöse eine überteuerte Kinokarte wert war, mit Ermüdungserscheinungen zu kämpfen haben, dominieren die Fließbandprodukte der Fortsetzungsmaschinen nach wie vor das internationale Kinogeschehen. Und obwohl ebendiese Produkte seit längerer Zeit an Rentabilitätsproblemen leiden, ihnen gewissermaßen die einzige, nämlich kommerzielle Existenzberechtigung entzogen scheint, werden sie weiterhin produziert. Zwischen 50 und 100 Millionen Dollar Verluste könnte Justice League, das "große" Aufeinandertreffen der DC-Superhelden, dem verantwortlichen Studio Warner Bros. bescheren. Gekostet haben soll es um die 300 Millionen Dollar, Ausgaben für Marketing und Vertrieb nicht eingerechnet. Niemand kann schlüssig erklären, warum es solche Filme gibt. Warum sie flächendeckend die Kinosäle verstopfen und sich trotzdem nicht einmal rechnen.

Dass inzwischen sogar Einspielergebnisse von 600 Millionen Dollar und mehr nicht genügen, um manche der bezeichnenderweise "Zeltstangen" genannten, aber ihrerseits zunehmend Stehhilfe benötigenden Tentpoles profitabel zu machen, ist natürlich vollkommen absurd. Eine Filmindustrie, die die Gewinnschwelle einzelner Titel im Milliardenbereich ansetzt, wird nicht bestehen können, egal wie hartnäckig sie trotz relativ stabiler US-Besucherzahlen ihre Umsätze in die Höhe zu treiben glaubt (bzw. es mit ständigen Preisanstiegen tatsächlich tut). Deshalb bleiben den Hollywood-Majors nur noch alberne Zahlenspiele, die Bilder von blühenden Kinolandschaften vermitteln sollen: Keine Kategorie ist ihnen und den fleißig am Box-Office-Bingo beteiligten Branchenmagazinen zu doof, um angebliche Rekorde ("bestes Startwochenende einer dritten Fortsetzung im Mai eines ungraden Jahres") aufstellen und sie mit Superlativen ("aller Zeiten") begießen zu können. Hinter den meisten Erfolgsmeldungen, die uns Glauben machen wollen, ohne Männer in Strumpfhosen sei das Kino verloren, steckt nichts anderes als ein protziges Kräftemessen. Welches Studio hat den längsten, sprich: welches hat das penetranteste, beliebig ausbaubare, nicht enden wollende Shared, Expanded oder sonst was "Universe".

Diesen Wettbewerb entscheidet 2017 abermals Disney für sich, wie schon im Jahr zuvor wird es das Studio mit dem größten Marktanteil und bislang erfolgreichsten Film sein (Die Schöne und das Biest). Als bloßer Branding-Verwalter thront der Konzern mit seinen gefühlt jede Startwoche um die eigene selbstironische Achse kreisenden Comicspektakeln, den selbstgenügsam rückwärtsgewandten Sternenkriegsabenteuern und automatisierten Plünderungen des eigenen Märchenkatalogs über der einstmaligen Konkurrenz. Dafür braucht es freilich nicht nur schreckliche Filme, sondern auch schreckliche Methoden – wer die Marken Star Wars, Pixar und Marvel sein eigen nennt, der kann auch problemlos Kinobetreiber mit Abgabenerhöhungen und Verlängerungsklauseln auf beispiellose Art unter Druck setzen. Wenn dann Superproduzent Kevin Feige gleich 20 neue Marvel-Filme ankündigt, lässt sich das eigentlich nur als Kriegserklärung gegenüber dem Publikum verstehen. Möglich zwar, dass Marvel-Superhelden noch eine zeitlang besser laufen werden als die von Beginn an strauchelnden DC-Kollegen. Doch diese Pläne haben dem ausklingenden Filmjahr wahrlich die Krone aufgesetzt: 20 Mal Franscheiß und 20 Mal Kinovermüllung, als sei es die geilste Nachricht der Welt.

Das Filmjahr 2016 war eine Katastrophe, hieß es an dieser Stelle vor zwölf Monaten. Gefällt wurde das Urteil in dem unbedingten Wunsch nach einem besseren und bunteren (Mainstream-)Kino, das weder eigensinnige Filmemacher noch eigensinnige Geschichten den Streaming-Diensten überlässt. Mitte dieses Jahres sah es einen Moment lang so aus, als könnten Regisseure wie Christopher Nolan oder Edgar Wright das Ruder herumreißen – und zweifellos haben Dunkirk und Baby Driver ebenso wie die unerschrockenen Produktionen von Jason Blum (Split, Get Out) manch interessante Note auf der sonst eintönigen Hollywood-Klaviatur angespielt. Aber das kann und darf es noch nicht gewesen sein. Spielfilme stecken in Schwierigkeiten, sagt David Lynch, dem die große Leinwand, wie so vielen seiner Kollegen, mittlerweile verschlossen bleibt (und dessen Serie Twin Peaks: The Return von einigen Magazinen vielleicht auch aus Protest auf die Liste der besten Filme 2017 gesetzt wurde). Martin Scorsese geht sogar einen Schritt weiter. Das Kino sei verschwunden und durch Themenpark-Filme ersetzt worden, befürchtete er im Gespräch mit dem Boston Globe. Es liegt an uns, solche kulturpessimistischen Diagnosen schon beim nächsten Kinobesuch – oder eben Nichtbesuch – Lügen zu strafen.

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