Todd Solondz' Wiener Dog - Die Welt ist im Eimer, aber der Hund ist süß

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© Annapurna Pictures
Wiener Dog
02.08.2016 - 08:50 UhrVor 4 Jahren aktualisiert
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Zwei Jahrzehnte lang versuchte Todd Solondz mit Happiness und Willkommen im Tollhaus der Menschheit ihre Schlechtigkeit nachzuweisen. In seinem neuen Film Wiener Dog ist irgendwas anders. Die Trostlosigkeit ist plötzlich erträglich.

Es gab eine Zeit, in der Todd Solondz'-Filme Anstoß erregt haben, was ihm wahlweise als Selbstzweck oder als Ergründung menschlicher Hässlichkeit und damit absoluter Wahrhaftigkeit, also dem Kunststatus schlechthin, ausgelegt wurde. Todd Solondz verteidigte in seinem Werk schriftstellerische Motive, die bis dahin in jedem kreativen Grabenkampf zwischen Studio und Autor das Nachsehen gehabt hätten. Etwa, als er in Happiness dem, dessen Fetisch die Verletzlichkeit ist, Sensibilität beigab und Es (Dylan Baker ) nicht einmal in ein hässliches Gewand kleidete, Es gar in die Bürgerlichkeit, die Vorstadt einpflanzte, was wohl der eigentliche Anstoß des Films war: Den Pädophilen in seinem natürlichen Habitat zu zeigen.

Tatsächlich ist die Pädophilie weniger ein Leitmotiv der solondz'schen Filmlinie, als vielmehr die anschauliche Speerspitze seiner Untersuchung menschlicher Schlechtigkeit und ihrem Versagen darin, diese zu bewältigen. Die Welt ist schlecht und der Mensch an sich sowieso, aber eben nicht nur der Pädophile. Diese Erkenntnis zwingt Todd Solondz uns seit mehr als zwanzig Jahren auf und damit hat das Publikum so seine Probleme. Ein anderer, bedeutend kleinerer Teil, liebt hingegen diesen reflektierten Trübsinn, den Todd Solondz alle paar Jahre auf ihn loslässt. An seinem neuesten Film Wiener Dog, das ist das Besondere, könnten beide Seiten Gefallen finden.

Wiener Dog

In vielen Szenen mutet Wiener Dog als Independent-Feel Good Movie à la Little Miss Sunshine an. Das ist eine unerwartete Tendenz in Solondz' Schaffen, wenngleich schon sein Dark Horse (2011) ungewohnt zugänglich war. Independent-Feel Good-Movies entlassen den Zuschauer nie aus dem Saal, ohne ihm vorher ein lebensweises oder wenigstens mokantes Lächeln aufs Gesicht gezaubert zu haben. Auch Todd Solondz tut diesen Gefallen dem Wiener Dog-Publikum, das sich vielleicht nur von dem freundlich gestalteten Filmposter ins Kino locken ließ. Oder von Greta Gerwig [1], die hier jene Dawn Wiener aus Willkommen im Tollhaus spielt und ganz anders, filmstarmäßiger aussieht als Heather Matarazzo, die Originalbesetzung der Dawn Wiener. Dieses in eine Falle gelockte Publikum kichert anfangs noch großzügig über den imposant aus der Hubschrauberperspektive gefilmten Diarrhö-Fluss, den der kranke Dackel aus Geschichte No. 1 auf der Auffahrt hinterlässt. Ihm soll das Lachen im Schlussakt zunächst vergehen, bevor Solondz, und das ist man von ihm nicht gewohnt, das Grauen auf den letzten Metern noch ins Groteske verdreht.

Die Illusion allein verschränkt den Realismus und was Todd Solondz' Filme oft unerträglich machte, ist, dass er seinem Publikum stets die ersehnte ironische Brechung versagte. Denn das würde bedeuten, ihm jenen Schmerz zu ersparen, der seinen Figuren widerfährt. Und so hatte Solondz auch schon immer Mühe, ein Publikum zu finden, sofern er es denn suchte. Zumal in seinen Filmen alles nochmal ein bisschen schlechter ist als im wahren Leben. In Wiener Dog lässt Todd Solondz Danny DeVito als Drehbuch-Dozent Dave Schmerz auftreten. Dieser predigt seinen Schülern die Überwindung des Realismus mit einer schlichten Was-wäre-wenn-Prämisse. Was wäre, wenn jetzt das Undenkbare passieren würde, das in Solondz' Fall nur das Schlimmstmögliche ist, also durchaus denkbar.

Heather Matarazzo in Willkommen im Tiollhaus

Achtung, Spoiler zu Todd Solondz' Filmen: Wenn du nicht abtreibst, wirst du eine Missgeburt gebären, warnt die Mutter ihre schwangere Tochter in Palindrome; wenn der Dackel Wiener Dog nicht kastriert wird, könnte er von einem Straßenhund namens Mohammed vergewaltigt werden, der eine Geschlechtskrankeit hat, fürchtet Julie Delpy in Wiener Dog; wenn du vergisst, eine Notiz, weiterzugeben, wird deine Schwester von einem Pädophilen entführt (Willkommen im Tollhaus); wenn du dein Wunschkind abreibst, wird dir deine Gebärmutter entfernt (Palindrome); wenn du einen Abtreibungsarzt erschießen willst, wirst du versehentlich auch dessen Tochter töten (Palindrome); fütterst du deinen Hund mit einem Müsliriegel, wird er schon bald Blut im Stuhl haben (Wiener Dog); wenn du deinen Hund aus den Augen verlierst, wird sein Kadaver gewiss Teil einer blödsinnigen Kunst-Installation (Wiener Dog). All das passiert in Todd Solondz' Filmen. Spoiler Ende.

Um derlei Dinge breit rezipiert aber kommerziell erfolglos über Jahrzehnte hinweg interkontinental an die naserümpfenden Verleiher zu bringen, braucht man, wie Solondz in seinen späten Zwanzigern, eine gewisse Gleichgültigkeit seiner Kunst und sich als künstlerischer Identität gegenüber, als die man sich bestenfalls gar nicht begreift. Den bedrückenden ersten Kritiker-Erfolg Willkommen im Tollhaus zeigte Solondz einigen Studiovertretern, die "ihn sich gar nicht erst zu Ende ansahen." Danach schickte Solondz Willkommen im Tollhaus an die Sundance-Jury. Er gewann den Wettbewerb 1995 und von dort an "hatte ich kreative Kontrolle." Und das, obwohl er kurz zuvor das Filmemachen noch eingestellt hatte.

Dylan Baker als Pädophiler in Happiness

Seither leuchtet Solondz unbehelligt von Studiointerventionen soziale Nischenexistenzen aus, wo sich nackt verlorene Seelen krümmen, womit Solondz sich aber nicht abspeisen lässt, der diese in gesellschaftlichen Rollen verpuppten Identitäten unbarmherzig häutet, weshalb die Kamera oft sehr nah an die Gesichter heranrückt. Spaßig ist das nicht und den Willkommen im Tollhaus-Nachfolgefilm Happiness wollte deshalb auch die Sundance-Jury nicht in ihrem Wettbewerb haben, was nicht daran lag, dass dieser wohl sein bisher unterhaltsamster Film ist. Auf diese Gesellschaftsanatomien, obschon stets mit literarischer Wendigkeit beigebracht, reagiert das Publikum auch sonst eher abgeneigt, weshalb Solondz seinen neusten Film jetzt mit etwas Zucker bestreute. Braunem Zucker, um genau zu sein. Einem braunen, freundlich dreinschauenden Dackel, um noch genauer zu sein. Ein Dackel, ein Wiener Dog, eigentlich der grausame Spitzname der in Palindrome als verstorben verkündeten Dawn, geleitet den Zuschauer treuäugig durch die episodisch aneinandergeknüpften Geschichten. Süß und schrecklich dumm sind diese Dackel, findet Solondz. Und: "Dieser Hund ist eher ein Filter, durch den ich Dinge erforsche, etwa die Sterblichkeit."

Es ist der Versuch einer Stilisierung, einer Annäherung an den Zuschauer. Über den tollen Palindrome hieß es noch 2004 , er „dürfte es mit seiner forcierten Negativität [...] schwer haben, ein Publikum zu erreichen, das von dieser Cleverness zu profitieren wüsste.“ Vielleicht ist Wiener Dog ein erster Schritt dorthin, ein erstes Zugeständnis, das an Grausamkeit nicht einbüßt. In die Monotonie der Wahrheit verirrt sich ein wenig Glück und Gefälligkeit, und bei den Interview-Terminen , die große Zeitungen vor Wiener Dog mit Todd Solondz ergatterten, geht es jetzt nicht mehr um Inzest, Missbrauch und Pädophilie - es werden dem Regisseur Fragen zu einem süßen Hund gestellt.

[1] Greta Gerwigs Besetzung als Dawn Wiener könnte man auch als Verweis auf die Gestaltwandlerin Aviva aus Palindrome lesen.

Wie empfindet ihr die Filme von Todd Solondz?

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