Wie war der Tatort heute?

Tatort: Im Schmerz geboren ist ein furioser Krimi

Ulrich Matthes in Tatort: Im Schmerz geboren
© ARD/HR
Ulrich Matthes in Tatort: Im Schmerz geboren

Petzold, Hochhäusler und Arslan sind im Urlaub oder auf einer Tagung, also muss Murot ran: Vielleicht geht Tatort: Im Schmerz geboren am Ende des Jahres als bester Tatort der vergangenen zwölf Monate vom Platz. Aber wen interessiert das schon, wenn sich die Konkurrenz darin übertrifft, vier Jahre alte Zeitungsschlagzeilen mit der Leidenschaft eines Zwölfjährigen im Deutschunterricht zu rezitieren. Das Tatort-Label ist tatsächlich zu klein geraten für den neuen Film, bzw. Film, von Florian Schwarz (Tatort: Weil sie böse sind), den ich nach Erst- und Zweitsichtung am liebsten zusätzlich im Kino gesehen hätte. Und so fällt auch der Titel aus: Kein Wegwerfprodukt, einmal gelesen und vergessen. Im Schmerz geboren - das verspricht Ehrgeiz, Blutbäder, Drama, Prätention, und von allem beinhaltet der neue Fall des tumorlosen Murots eine kräftige Dosis.

"Ein Mann kehrt zurück und im Gepäck der Ballast der Vergangenheit."

Wer geglaubt hatte, dass mit dem Tumor die Verrücktheiten aus dem Wiesbadener Tatort verschwinden, wird eines Besseren belehrt. Alexander Held führt uns als schauspielernder Gauner und Ein-Personen-Chorus durch ein furioses Rachestück, in dem sich Pop- und Hochkultur zur Unterhaltung des Zuschauers überraschend harmonisch zu einem einzigartigen Stück Film vereinen, das - noch immer schwer zu glauben - auf Betreiben einer öffentlich-rechtlichen Anstalt produziert wurde. Von der Gemäldegalerie in den bolivianischen Urwald 1982 und schließlich auf einen heruntergekommenen Bahnhof führt uns der Krimi in den ersten paar Minuten. Drei Männer warten in der Sonne auf einen Fahrgast. Eigentlich fehlt nur noch eine Fliege, die auf der Oberlippe von Jack Elam herumkrabbelt. Doch aus dem Zug steigt nicht Charles Bronson, sondern Ulrich Matthes, der von nun an als Richard Harloff Polizei und Unterwelt nach seinem Gutdünken an der Nase herumführt. Wenig später liegen drei Leichen auf dem Bahnsteig und doch kann Felix Murot (Ulrich Tukur) der seelenverwandtschaftlichen Anziehung des Hauptverdächtigen nicht entgehen. Beide kennen sich aus der Polizeischule und waren einst wie Jules und Jim in dieselbe Frau und einander verliebt. Aber Liebe und Hass liegen in Im Schmerz geboren so nah beieinander wie Leone und Shakespeare.

"Hätt' ich 'ne Geige dabei, würde ich deine rührende Geschichte jetzt musikalisch begleiten."

Was anfängt wie ein "Duell aus einem billigen Western" (aber ein guter!) entwickelt sich zu einer überlebensgroßen Tragödie. Das HR-Sinfonieorchester untermalt das Treiben der kleinen und großen Gauner mit einem himmlischen Tongewitter, als hätten wir es mit allmächtigen Göttern zu tun und nicht Ganoven, die ihr Firmenlogo auf die Kaffeetasse drucken. Wenn sich Murot gedankenverloren in die Jugend zurückträumt, erklingt Dvořáks Sinfonie "Aus der Neuen Welt" und suggeriert Aufbruch, Abenteuer, ein anderes, nicht zu Ende gelebtes Leben. Denn das verkörpert Harloff gemäß der Regeln des Gangsterfilms: Während Murot dem Pfad des Gesetzes folgte, entschied sich Harloff für den Dschungel. Auf der einen Seite das verschmitzte Beamtengesicht Tukurs, auf der anderen Matthes mit seinen tiefschwarz glänzenden Augen, die die Seele des Widersachers mephistophelisch in den Abgrund ziehen wollen. Ohne Matthes' süffisante Art wären die theaterhaften Monologe wohl hölzern, das Genre-Getöse aufgesetzt und leer geraten. Aber wenn er als Prospero vor einer Bande Schläger steht, aus der Bibel zitiert und den roten Punkt eines Visiers aufs Herz des Gegenübers zaubert, vereint er in seiner Figur hochtrabende Tragödie und Pulp; wie der reiche Geschäftsmann, der zum Hobby Groschenromane schreibt oder der Garagenbesitzer, der seine Untergebenen Ariel oder Caliban ruft.

"Sie redeten wie Spieler, die von ihren Gewinnblättern nur gebührend schwärmen können, wenn sie all die Niederlagen dazwischen ignorieren."

Das alles ist Illusion, erzählt uns (Don) Bosco: eine Schneeflocke im Sommer. Entsprechend verspielt nehmen Regisseur und Kameramann Philipp Sichler das Drehbuch von Michael Proehl in Angriff, durchstreifen rasant die Räume, als hätten sie zu viele Dominik Graf-Filme gesehen (kann man zu viele Filme von Dominik Graf sehen?) oder frieren Ganoven und Kommissare im Moment des Sterbens oder Tötens ein. Vielleicht hätten sie im Finale auf weniger Zufälle setzen können, aber wen kümmert das schon in einem Film, in dem ein feingeistiger Profikiller mit Murot bei Rotwein und Klaviermusik über die Vergangenheit sinniert? In dem ein ehemaliger Drogenbaron am Stendhal-Syndrom leidet und folgerichtig gedenkt, sein Leben in ein martialisches Kunstwerk zu verwandeln. Wir können uns nach diesem Tatort über die Anzahl der Leichen das Maul zerreißen. Oder wir überlassen das den Schweigern dieser Welt. Im Schmerz geboren ist viel mehr als ein TV-Rekord: Es ist ein guter Film.

Mord des Sonntags: Eine zweite Kugel jagt durch Sherwood Andersons "A Story Teller's Story".

Zitat des Sonntags: "Obwohl wir uns die ganzen Jahre nicht gesehen haben, hat uns die Vergangenheit nie getrennt."

Mich hat der neue Tatort aus Wiesbaden begeistert. Aber hat er euch auch gefallen?


Moviepilot Team
the gaffer Jenny Jecke
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Stellvertretende Chefredakteurin bei Moviepilot, schreibt am liebsten über Game of Thrones und Filme, die in Hongkonger Nudel-Restaurants spielen.
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