Tatort Kritik

Tatort - Die Wahrheit stirbt zuerst in Leipzig

16.06.2013 - 21:45 UhrVor 8 Jahren aktualisiert
9
3
Tatort - Die Wahrheit stirbt zuerst
© MDR/ARD
Tatort - Die Wahrheit stirbt zuerst
Keppler und Saalfed schwelgen in Tatort – Die Wahrheit stirbt zuerst in Erinnerungen, bevor diese in Gestalt einer alten Bekannten auftaucht. Tatort – Die Wahrheit stirbt zuerst ist ein erstaunlich solider Krimi aus Leipzig, den Katja Riemann übers Mittelmaß hebt.

Die Leipziger gehören zu den verlässlich schwachen Teams in der aktuellen Tatort -Landschaft, was neben der ästhetischen wie inhaltlichen Ausrichtung auch an der Paarung der Ermittler liegt. Martin Wuttke ist ein ausgezeichneter Schauspieler, aber sein Keppler abseits seiner mürrischen Coolness wenig definiert. Simone Thomalla wird von ihrem Kollegen darstellerisch oft in den Schatten gestellt, was nicht zuletzt daran liegt, dass sie anders als Wuttke aus dem redaktionell vorgebenenem Weniger selten Mehr machen kann. Insofern bildet der überraschend gute (zumindest aus Sicht einer Leipzig-Skeptikerin) Tatort: Die Wahrheit stirbt zuerst aus der sächsischen Metropole ein anschauliches Beispiel, wie die Stärken und Schwächen des Teams kalibriert und in ein befriedigendes Gesamtergebnis umgesetzt werden können.

Lokalkolorit: Miguel Alexandre (Der Mann mit dem Fagott) inszenierte zuletzt den faden Tatort: Todesbilder, ein nichtssagender Saalfeld-zentrischer Langweiler. In Tatort – Die Wahrheit stirbt zuletzt bleibt Leipzig als Stadt zwar ähnlich profillos (Panorama-Aufnahmen des Hauptbahnhofs sollten verboten werden!). Alexandre interessiert sich allerdings vielmehr für die morbide Romantisierung der Winterlandschaft, in der eine Kinderleiche perfekt hergerichtet in einem Boot aufgebahrt wird, während die Tango-Musik schwermütig durch den Wald hallt.

Plot: Ein Kind liegt tot im Wald, sein Vater wird in der Nähe mit geöffneten Pulsadern gefunden. Hat er es getötet, weil dessen Mutter mit dem Mädchen und ihrem neuen Lebensgefährten nach Kairo auswandern wollte? Für Keppler und Saalfed bringt der Tatort Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit, wobei der Verlust ihres eigenen Kindes in der Überstilisierung der Szenerie mitschwingen dürfte. Während die beiden den Vater ins Visier nehmen, der seinen Selbstmordversuch überlebt hat, drängt sich mit der BKA-Beamten Linda Groner (Katja Riemann) eine alte Bekannte ins Leben Kepplers, der so gar keine Lust hat, an seine versoffene Zeit in Wiesbaden erinnert zu werden. Groner überwacht den neuen Ehemann der trauernden Mutter, der mit Waffengeschäften ein Zubrot verdient. Doch ist es wichtiger, den Geschäftsmann auf frischer Tat zu ertappen, als ihn des Kindsmordes zu überführen? Am Ende kommt wie so oft alles ganz anders, als wir denken.

Unterhaltung: Eine der wenigen Stärken in der Kombination Saalfed-Keppler, bzw. Thomalla-Wuttke ist ihr grummeliger Rapport, dem der Übergang einer Liebes- in eine platonische Beziehung glaubhaft zu Grunde liegt. In Tatort – Die Wahrheit stirbt zuerst wird eben dieser in den Vordergrund gestellt, etwa wenn Saalfed im Wald eine Blutspende improvisieren muss. (“Wenn ihr das Blut abzapft, ist sie dann ruhiger?”) Mit Katja Riemann als Linda Groner erweitert der Tatort den abgeklärten Schlagabtausch zum Dreieck, wenn auch jene Szenen am meisten Spaß machen, in denen Wuttke und Riemann ihre gleichermaßen barschen, zwischen Anziehung und Abstoßung schwankenden Figuren auf einander loslassen. Insbesondere Katja Riemann ist in diesem Tatort eine darstellerische Augenweide, befreit sie ihre ehrgeizige BKA-Beamte doch nicht ganz aus dem Zwielicht, ohne sie aber als offene Bösewichtin zu geben. Ihre Linda Groner drängelt sich regelrecht zwischen das im Autopilot befindliche Ermittlerpaar und verschafft der abgenutzten Dynamik neue Impulse. Nach ihrem finalen KO-Sieg ist es schon wieder schade, dass sie nicht zur Dauerpräsenz wird. Oder ihren eigenen Tatort bekommt voller semi-illegaler Ermittlungsmethoden und gebrochener Nasen.

Tiefgang: Der Fall gerät über die Freude am Trio Wuttke-Thomalla-Riemann in den Hintergrund. Das Hin und Her mit dem selbstmörderischen Papa, der wider besseren Wissens in die U-Haft gesteckt wird und wie erwartet erneut austickt, zieht den Krimi in die Länge, fügt ihm aber nichts hinzu. Trotz der einfühlsamen Darbietungen von Anne Ratte-Polle und Pasquale Aleardi als trauernde Eltern werden die Gründe für die Trennung der beiden bis hin zum harten Schritt der Auswanderung kaum nachvollziehbar. Geschäftsmann Bittner (Bernhard Schir), der für die schwarzen Zahlen alles tut, wird in seinen Motiven näher definiert, als spannende Figur ist er kaum zu bezeichnen. So fällt Tatort – Die Wahrheit stirbt zuerst ganz zurück auf seine Ermittler, doch anders als die üblichen Leipziger Fälle, wartet diesmal keine gähnende Leere.

Mord des Sonntags: Feinsäuberlich aufgebettet liegt das Kind im Boot.

Zitat des Sonntags: “Irgendwann tötet dieser Beruf noch unsere letzten schönen Erinnerungen.”

Ein für Leipziger Verhätlnisse unterhaltsamer Tatort mit einer überragenden Katja Riemann war das oder was meint ihr?

Das könnte dich auch interessieren

Angebote zum Thema

Kommentare

Aktuelle News